Kalenderblatt zum 25. August

Als um 11.50 Uhr die Uhren stehen blieben
Wismars schwerster Luftangriff

Am 25. August 1944 erlebte Wismar mit dem elften Luftangriff seit Beginn des Krieges, den bisher schwersten und auch verlustreichsten Angriff. Am gleichen Tag zog General Charles de Gaulle als Befreier in Paris ein. Kontrastreicher kann das damalige Geschehen nicht sein.
Dieser Freitag war ein sehr warmer Spätsommertag und kaum ein Wismarer dachte an einen Luftangriff. Auch als kurz vor Mittag Fliegeralarm ausgelöst wurde, reagierten viele nicht da-rauf. Zu ungewöhnlich war die Tageszeit, denn die meisten Angriffe wurden abends geflogen. Zum anderen waren die Menschen regelrecht abgestumpft, denn über 300 Fliegeralarme gab es während des Krieges bei zwölf richtigen Luftangriffen.
Die damals neunjährige Renate erinnert sich noch genau: „Ich besuchte am Vormittag noch meine ältere Schwester, die in der Hauptverwaltung der Dornierwerke in der Adolf-Hitler-Straße, nahezu unserem Haus gegenüber im Büro arbeitete. Sie schickte mich nach Haus mit der Bemerkung, dass es wohl bald Mittag gäbe.“ Kurze Zeit später war Renates Schwester tot. Durch den Luftangriff war ihre Lunge geplatzt. Renate hörte dann zu Haus im Radio, dass Flieger im Anflug auf Wismar waren und das war das Signal für die Familie in den Schutzkeller zu gehen. Dann wurde es ernst und ängstlich hörten sie auf die Einschläge. Spä-ter, als sie aus dem Keller kamen und sich teilweise frei buddelten mussten, standen sie, wie so viele Wismarer an diesem Tag, vor den Trümmern ihres Hauses. Alles war verloren und es verblieb den meisten Geschädigten nur das, was sie auf dem Leib hatten. Unter den Wisma-rern gab es Hilfsbereitschaft untereinander, man rückte zusammen und das kleine Mädchen Renate erhielt von ihrer Freundin etwas von deren Spielsachen. Am Haus eines Uhrmachers war die Uhr auf 11.50 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten Bombenabwürfe, stehen geblieben.
An diesem 25. August 1944 flogen 1.191 Bombenkampflugzeuge der Typen B24 und B17 der 8. US Air Force von ihren Fliegerhorsts und bombardierten die Städte Schwerin, Wismar, Rechlin, Peenemünde, Anklam und Neubrandenburg.
Der Angriff auf Wismar erfolgte in drei Wellen und etwa 2.000 Bomben trafen die kleine Stadt. Ziel dieses Angriffes war eindeutig die Industrie Wismars mit den Norddeutschen Flugzeugwerken und der Waggonfabrik. Das Ausmaß der Zerstörung war verheerend. 205 Menschen verloren in wenigen Minuten ihr Leben und 105 Häuser wurden völlig zerstört. 80 Prozent der Wismarer Industrie war zerbombt. An vielen Stellen brannte die Stadt. In der damaligen Adolf-Hitler-Straße (heute Dr.-Leber-Straße), der Kanalstraße sowie Turm- und Gartenstraße wurden viele Häuser in „Schutt und Asche“ gebombt. Die Runde Straße (heute etwa im Kreuzungsbereich Tankstelle/ Hochbrücke), erst 1904 aufgebaut, verschwand über Nacht von der Bildfläche als Ruine. Bei diesem Angriff wurde auch die NSDAP-Kreisleitung in der Adolf-Hitler-Straße 28 zerstört und man baute sofort eine neue auf dem kleinen Exer-zierplatz an der Ecke zum Vogelsang auf. Hier war bis zur Wende noch der Hort der Fritz-Reuter-Schule untergebracht.
Große Schäden gab es in der Altwismarstraße und der Großschmiedestraße. Die Häuser in der Bergstraße waren auch nur noch ein Schutthaufen und von der Turmstraße blieb ein kleiner Rest an der Stadtseite stehen. Die andere Straßenhälfte wurde später als Ruinen abgerissen. Die Gartenstraße, eine Verbindungstraße von der Bergstraße zur Adolf-Hitler-Straße (Dr.-Leber-Straße) verschwand auch von der Bildfläche. Die heutige Dr.-Leber-Straße hatte früher als Lindenstraße eine wunderschöne Bebauung mit Stadtvillen und gepflegten Vorgärten und in der Gartenstraße sah es, wie der Name schon sagt, genauso gepflegt aus. Davon ist seit 70 Jahren, außer alten Fotos, nichts mehr vorhanden und doch sind die Kriegsschäden sichtbar. Der große Sandparkplatz an der Dr.-Leber-Straße, zu DDR-Zeiten stand hier eine Kinderein-richtung und ein Verwaltungshochhaus, war früher mit dem Quartier aus „hintere Turmstraße“, den Villen an der Adolf-Hitler-Straße und der Gartenstraße bebaut. Der aufmerksame Be-obachter kann in der Dr.-Leber-Straße weitere viele Lücken erkennen. In der Kanalstraße ist heute auch nur ein Bruchstück der ehemaligen Bebauung vorhanden und sie schloss früher mit einer Kreuzung zum Bleicherweg auf. Nach dem Krieg entstanden auf den Ruinengrund-stücken teilweise Häuser, wie in der Altwismarstraße, der Turmstraße und der Bergstraße. Die eine Seite der Turmstraße ist nicht wieder aufgebaut worden. Zu erkennen sind die neuen Häuser an ihrer ziegelsichtigen Fassade. Das erste Haus nach dem Krieg, war 1948 das Eck-haus am Bleicherweg, heute etwas von der Hochbrücke verdeckt. Damals hatte man nicht einmal Material für die Dachrohre und man machte diese aus Holz.
Die zwölf Luftangriffe hinterließen in Wismar tiefe Wunden. Von den Norddeutschen Flug-zeugwerken blieben nur 20 Prozent übrig, die nach dem Krieg demontiert wurden. Die Wag-gonfabrik erlitt schwerste Schäden. Insgesamt bezifferten die penibel rechnenden Nazis, die Schäden an den Industrieanlagen Wismars auf etwa acht Millionen Reichsmark. Am Ende des II. Weltkrieges lagen 344 Wohnhäuser in Trümmern, 531 Gebäude waren schwer und weitere 1.025 Häuser leicht beschädigt und 3.165 Wohnungen existierten nicht mehr. Das waren 26 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes Wismars. Bei den Luftangriffen verloren 314 Menschen ihr Leben.
Zwar war der elfte Luftangriff vom 25.August 1944 der verlustreichste, da hier die meisten Todesopfer zu beklagen waren, doch der letzte Luftangriff vom 14. auf den 15. April 1945 blieb wegen der Sinnlosigkeit der Zerstörung an den Bau- und Kunstdenkmalen im Gotischen Viertel am stärksten im kollektiven Gedächtnis der Bürger. Doch, wie ich meine, zu Unrecht.

Was sonst noch geschah:
26. August 1863 Eröffnung des Museums für Kunst und Altertum in der Dankwartstraße 47 als erste museale Einrichtung Wismars.
26. August 1911 Selbsternennung Kaiser Wilhelms II. zum Chef des Wismarer Bataillons.
26. August 1991 Mit Beginn des neuen Schuljahres werden mehrere Schulen umbenannt.
27. August 1903 Die Stadtmauer am Lindengarten fällt.
28. August 1955 1. Straßenrennen für Motorräder und Seitenwagengespanne auf dem Hanse-atenring.
28. August 1992 Übergabe des Rathauses nach Modernisierung vom Brand am 18.12.1990.
28. August 2008 Benennung einer Stichstraße als „Werkstraße“ von der Podeusstraße in das Gewerbegebiet und Jobcenter (letzteres seit Frühjahr 2014 dort ansässig).
30. August 1813 vor dem Altwismar-Tor kommt es zu einem heftigen Gefecht zwischen den alliierten Verfolgern und Franzosen.

Detlef Schmidt

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

acht − 4 =