Kalenderblatt zum 25. Januar

Kalenderblatt zum 25. Januar

Sturm war Aufbruchssignal

Am 25. Januar 1990 tobte ein schwerer Sturm über Wismar und brachte in den späten Abendstunden Teile des Nordgiebels zum Einsturz. Aus über 40 Meter Höhe stürzten diese auf die darunter liegenden Häuser. Wie durch ein Wunder sind keine Todesopfer zu beklagen, wohl aber Schwerverletzte. Als erste, bevor die Feuerwehr und Krankenwagen eintrafen, eilten die Nachbarn zur Hilfe. Es setzten auch sofort umfangreiche Hilfsmaßnahmen ein. Obwohl viele dieses Unglück vorausahnten, gaben die einige Monate zuvor eingesetzten Bergsteiger hier ein positives Signal. Der Runde Tisch, nach der Wende eingesetzt, befasste sich mit der Problematik und setzte einen Brief an den damaligen DDR Ministerpräsidenten Hans Modrow und den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auf, um hier um Mithilfe zu bitten. Entgegen anderslautender Berichte, gab es von keiner Seite Anstrengungen, die St. Georgenkirche zu beseitigen, sondern alles setzte sich nun für die Beseitigung der Schäden ein. Vielmehr wurde dieses schreckliche Unglück als Fanal für einen Wiederaufbau gesehen. Einer der ersten Spender war Willy Brandt, ehe die Deutsche Stiftung Denkmal

schutz umfangreiche Mittel akquirierte. Zahlreiche Spender aus Wismar und überregional brachten gemeinsam mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bis 2010 über 40 Millionen Euro auf. Am 8. Mai 2010 wurde die Kirche der Öffentlichkeit als Kulturkirche übergeben.

Der die St.-Georgen-Kirche umgebende Straßenzug ist bereits um 1270 erwähnt. An St. Georgen wurde als Kirche der „Neustadt“ ab Mitte des 13. Jahrhunderts über nahezu drei Jahrhunderte gebaut. In einer Stadt mit etwa fünf- bis sechstausend Einwohnern leistete man sich also im Gründungsjahrhundert drei Kirchenbauten über mehrere Jahrhunderte.

Wenn man bedenkt, dass fürdie St.-Georgen-Kirche etwa viereinhalb Millionen Backsteine vermauert wurden, kann man sich in etwa die Dimensionen eines solchen Bauwerkes und der damit verbundenen Logistik vorstellen. Dies ist gleichzusetzen für die anderen Kirchenbaustellen der Stadt.

An St. Georgen wurde mehrfach gebaut, umgebaut und erweitert. Vom ersten Kirchenbau ist nichts mehr vorhanden. Dafür sind die darauffolgenden drei Bauabschnitte sehr gut dokumentiert. Die Wismarer hatten mit St. Georgen Großes vor. Es sollte die am reichsten ausgestattete Kirche sein und die anderen Stadtkirchen übertreffen. Sie war auch nicht so konzipiert wie St. Marien oder St. Nikolai, sondern ihr Bau ähnelte mehr den süddeutschen Basiliken. Neben dem steilen, alles überragenden Mittelschiff sollte ein sehr hoher Turm den krönenden Abschluss bilden. Dazu kam es nicht mehr, denn im 16. Jahrhundert ging den Wismarern schlichtweg das Geld aus und die Kirche wurde 1594 mit einem „Turmstummel“ abgeschlossen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, St. Georgen mit einem hohen Kirchturm auszustatten.

Am 14. April 1945 wurde St. Georgen gegen 23.30 Uhr durch Luftminen schwer getroffen. Diese einzigartige Kirche brannte wie eine Fackel und die Wismarer retteten aus ihr, was sie retten konnten. Vieles wurde dennoch zerstört, lediglich der schon 1942 eingemauerte Hauptaltar aus dem 15. Jahrhundert blieb relativ unbeschädigt. Das große Kreuz des Lettners wurde ebenfalls gerettet und schmückt heute den Schweriner Dom.

Danach zaghaft einsetzende Sicherungsarbeiten blieben in den Anfängen stecken, 1961 wurde die Sakristei wegen Baufälligkeit abgesprengt und die Kirche verfiel zusehends. Der am 25. Januar 1990 über Norddeutschland tobende schwere Sturm mit seinen für Wismar und St. Georgen verheerenden Zerstörungen, war wie ein wirksames Signal an die Wismarer, „ihrer“ oft geschundenen Kirche wieder ihre ursprüngliche Gestalt mit würdiger Nutzung zu geben.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 + fünf =