Kalenderblatt zum 25. Juni

Musikbegeisterter Bürgermeister gründete 1. Musikfestival in Wismar

Am 25. Juni 1777 wurde in Wismar Carl Breitsprecher als Sohn des Vizepräsidenten des obersten Tribunals im ehemaligen Fürstenhof, Franz Breitsprecher, geboren. Franz Breitspre-cher wurde 1788 vom schwedischen König geadelt und der Familienname wurde in „von Breitenstern“ geändert. Der nunmehrig junge Carl von Breitenstern wuchs in seiner Heimat-stadt Wismar auf und besuchte hier die Große Stadtschule. In einer „Juristenfamilie“ groß geworden, war es für den jungen Carl eine Selbstverständlichkeit, ebenfalls Jura zu studieren. Er absolvierte drei Jahre ein juristisches Studium an der Universität Jena und ein Jahr in Göt-tin¬gen. Mit 23 Jahren wurde er als Referendar am Hofgericht in Greifswald eingestellt, doch schon ein Jahr später, 1801, ist er Sekretär beim königlichen Gouvernement Wismar und Justitiar der Ämter Poel und Neukloster. Seine Leistungen müssen schon gut gewesen sein, denn 1803 wurde er Syndikus in der nunmehr mecklenburgischen Stadt Wismar. Für so einen jungen Juristen eine beachtliche Leistung, die nahezu 20 Jahre später der bekanntere Bürgermeister Anton Haupt erreichte, mit dem er ab 1823 noch kurze Zeit gemeinsam im Rat saß.
Wismar ist nach 155jähriger Schwedenzeit, am 19. August 1803 wieder eine mecklenburgi-sche Stadt geworden, doch die Probleme waren nicht wenige. Die Stadt lag wirtschaftlich und auch sozial am Boden. Schon 1806 besetzten französische Truppen Wismar und stellten nahezu unerfüllbare Forderungen. Im ehemals von den Schweden als oberstes Tribunal oder Appelationsgericht genutzten Fürstenhof richteten die Franzosen 1810 ein Lazarett ein, das allein der Stadt nahezu 25.000 Taler kostete. Als sie 1813 endgültig aus Wismar abzogen steckten sie am 30. August 1813 das Altwismartor in Brand. Die Franzosen unter General Louis Henri Loison nahmen beim Abzug kurzerhand Bürgermeister Emanuel Fabricius und den Stadtsyndicus Carl von Breitenstern gefangen, um ihre hohen Geldforderungen einzutrei-ben.
Carl von Breitenstern wurde 1814 zum ersten Bürgermeister der Stadt der Stadt gewählt. Tat-kräftig unterstützte er städtische Einrichtungen, die es galt neu zu errichten oder wieder auf-zubauen. Schon vor seiner Wahl zum Bürgermeister galt er als Förderer der Wissenschaft aber auch besonders den Künsten. Der musikinteressierte Carl von Breitenstern organisierte in Wismar Konzerte, zu denen auswärtige Künstler eingeladen wurden. Er setzte sich für die Gründung eines Musikvereins ein, der die Ausbildung talentierter Musiker unterstützen sollte. Auch seine Schwester Ulrike von Breitenstern wurde als Musikerin bekannt. Maßgeblichen Anteil hat er an der Gründung des ersten mecklenburgischen Musikfestes, das am 12. Septem-ber 1816 in der Wismarer St. Nikolaikirche stattfand und dessen Initiator der musikbegeisterte Bürgermeister war. St. Nikolai hatte zu diesem Zeitpunkt nur eine provisorische Bedachung, was noch von dem Turmeinsturz von 1703 herrührte. Das erste Musikfest in Deutschland entstand erst sechs Jahre vorher, 1810 in Frankenhausen. Auf dem Wismarer Musikfest musizierte die Hofkapelle aus Schwerin gemeinsam mit bürgerlichen Musikkreisen. Besonderer Höhepunkt des Musikfestes war die Aufführung von Joseph Haydns Schöpfung in der Nikolaikirche mit 100 Chorsängern aus den umliegenden Städten. Nach der vorherigen Zurückhaltung höfischer Kreise war dies in Norddeutschland ein Durchbruch in Richtung auf mehr Gemeinsamkeit. Bekannt ist, dass am 11. September 1816 Fürst Leberecht von Blücher, der Held von Water-loo, Wismar besucht und Gast im Hotel Stadt Hamburg ist. Zwar ist ein Besuch am einen Tag später eröffneten mecklenburgischen Musikfest nicht belegt, doch anzunehmen wäre es schon, dass Wismars damalige Stadtväter diesen hohen Gast eingeladen haben.
Dieser ersten größeren gemeinsamen Aufführung musikalischer Werke in Wismar folgten in den nächsten Jahren weitere. Am 5. November 1818 gründete Carl von Breitenstern in Wis-mar den Musikverein im Briesemannschen Saal, dem heutigen Fründt´s Hotel an der Schweinsbrücke. Es ist der zweitälteste in Deutschland. Mit dem Chor und weiteren auswär-tigen Musikern, insgesamt mehr als 200 Personen, erfolgte 1820 an zwei Tagen eine Aufführung von Georg Friedrich Händels Judas Maccabaeus sowie des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart. Er initiierte einen Verein, der sich der Instrumentalmusik widmete, und einen weiteren, der Opernarien mit Klavierbegleitung aufführte. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Carl von Breitenstern mit seiner Musikbegeisterung und Initiativen viel für das kulturelle Leben und die soziale bürgerliche Gemeinschaft geleistet hat. Sein einziger Sohn, Gustav von Breitenstern, wurde Amtmann und Regierungssekretär in Dömitz. Am 14. Februar 1825 starb Carl von Breitenstern hochgeachtet im Alter von nur 48 Jahren in Wismar, doch sein Wirken für Wismar hatte langfristige Auswirkungen und etwas zu Unrecht, wird er in der Stadtgeschichte übersehen.

Was sonst noch geschah:
26. Juni 1803 Der Vertrag von Malmö wird unterzeichnet. Wismar wird wieder mecklenbur-gisch.
27. Juni 2002: Aufnahme der Altstädte Wismars und Stralsunds in die Welterbe Liste der UNESCO.
28. Juni 1940 2. Luftangriff: Von 0.39 Uhr bis 2.57 Uhr Angriff auf die Stadt durch fünf bis acht englische Kampfflugzeuge, die etwa 25 Sprengbomben und 100 Brandbomben abwarfen.
29. Juni 1903 Transport des Schwedensteins nach Wismar.
30. Juni 1866 Aufhebung der Torsperren an den Stadttoren.
30. Juni 1970 Übergabe des „Ex(perimental)baus“, Ernst-Scheel-Straße 15 im Paketdecken-hubverfahren.
30. Juni 1979 Neueröffnung des Schabbellhauses als Stadtgeschichtliches Museum.
30.6.1993 Endgültiger Abzug der Roten Armee aus Wismar.

Detlef Schmidt

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