Kalenderblatt zum 25. Oktober

 Liebenthal kümmt ümmer…….

Am 25. Oktober 1894 eröffnet Dr. Leopold Liebenthal seine ärztliche Praxis Hinter dem Rathaus 5 und später das ihm gehörende Haus in der Altwismarstraße 21. Das Haus wurde im 2. Weltkrieg zerstört und an seiner Stelle befinden sich nach dem Krieg errichtete Neubauten. Vor dem Haus Altwismarstraße 10 (die Nummerierung wurde geändert) befindet sich seit dem 15. Juli 2008 ein Stolperstein, der an den jüdischen Arzt erinnert.

Leopold Liebenthal wurde am 26.Mai 1868 in Bergen auf Rügen in einer Kaufmannsfamilie geboren. Seine schulische Gymnasialausbildung macht er in Stralsund und legte das Abitur 1887 in Kolberg ab. Im darauffolgenden Jahr studiert er Medizin in Berlin und erhielt am 28. April 1894 dort die Approbation und promoviert am 25. September 1894 in Leipzig mit „Beitrag zur pathologischen Anatomie des Processus vermiformis“.

Als junger Arzt kam er 1894 nach Wismar und wurde nicht zuletzt durch seine ärztliche Tüchtigkeit zu einem der beliebtesten Ärzte Wismar in dieser Zeit. Liebenthal war zwar Jude, doch spielte es im offenen Wismar kaum eine Rolle. Trotzdem ließ er sich am 10. August 1898 in der St. Marienkirche taufen und konvertierte zum christlichen Glauben. Sicherlich auch in Rücksicht auf seine Verlobte Marie Spohr, die aus Mühlheim am Rhein stammte, und die er am 21. September 1899 heiratete. In Wismar war es seit 1350 verboten Juden aufzunehmen. Lediglich zu Jahrmärkten durften jüdische Händler in die Stadt, was 1754 noch vom schwedischen Tribunal bestätigt wurde. Dieses mittelalterliche Relikt hat der Wismarer Rat erst am 4. Oktober 1867 aufgehoben mit dem  einstimmigen Beschluss, dass Juden den ungehinderten Zugang und Zuzug zur Stadt haben dürfen. Jüdische Familien hatten keine lange Tradition in der Stadt und so waren es auch wenige Juden, die in Wismar wohnten.

Dr. Leopold Liebenthal erwarb sich schnell den Ruf, eines sozial engagierten Arztes und galt als Armenarzt, der viel Hilfe bei der ärmeren Bevölkerung leistete. Da wurde manche Behandlung nicht berechnet und auch notwendige Medikamente bezahlte Liebenthal aus eigener Tasche. Nicht verwunderlich, dass in Wismar der Spruch aufkam „Hest du Weihdaag un Kummer, roop nah Liebenthal, de kümmt ümmer“. Ein größeres Lob konnte man kaum aussprechen.

Eine deutliche Zäsur brachte die Zeit des Nazi-Regimes, wo Dr. Liebenthal gezwungen wurde, seine Praxis aufzugeben und er nicht mehr praktizieren durfte. Die Wismarer waren schon vor 1933 auf die Parolen eingestimmt, doch erst mit der Machtergreifung zeigten die Nazis ihr wahres Gesicht. Am 30. März 1933 gab es die ersten Judenboykotte in der Stadt und am 1. April 1933 marschiert die SA durch Wismar und Bürgermeister Alfred Pleuger hält vom Rathausbalkon eine Ansprache gegen die Juden. Besonders schändlich war die Aufstellung eines Prangers am 14. August 1935 auf dem Marktplatz durch die Nationalsozialisten. Es wurden Bilder von Wismarern und Juden aufgehängt, die gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstießen.

Leopold Liebenthal muss dies psychisch sehr belastet haben. Dazu kam die Sorge um seine Familie, denn nach den damaligen Rassengesetzen war seine „arische“ Frau nun mit einem Juden verheiratet und der Sohn war nun Halbjude.

Liebenthal wurde mehrmals zu „peinlichen Befragungen“ geholt und am 29. November 1938 wurde das komplette Eigentum der Liebenthals und das ihm gehörende Haus beschlagnahmt mit der Begründung, dass ein Verdacht auf Auswanderung bestünde. Einen Tag später, am 30. November 1938 starb Dr. Leopold Liebenthal an Herzversagen in seinem Haus. Wie damals üblich wurde der Leichnam zu Hause aufgebahrt und am Tag der Beerdigung mit einer Kutsche durch die Stadt zum Friedhof gefahren. Die Trauergesellschaft leistete Folge. Dies wurde bei Liebenthals Beerdigung verboten. Doch wie „zufällig“ standen hunderte Menschen am Straßenrand und erwiesen so dem beliebten Arzt ihre letzte Ehre. Darunter waren auch zahlreiche Mitglieder der Wismarer Freimaurerloge, deren Mitglied Liebenthal jahrzehntelang bis zu ihrem Verbot war. Das Grab Dr. Liebenthals und seiner Frau befindet sich auf dem Wismarer Westfriedhof.

1961 ehrte ihn Wismar mit einer Benennung einer Straße zwischen Vogelsang und Turner Weg. Über den 2008 angelegten Stolperstein vor dem Haus Altwismarstraße 10 hat die heutige Wismarer Freimaurerloge die Patenschaft übernommen. Am Haus erinnert eine Gedenktafel an Dr. Liebenthal.

Was sonst noch geschah:

  1. Oktober 1989 Außerordentliche Sitzung der Kreisleitung der SED. Hans-Jürgen Große-Schütte referiert für einen Kampf gegen das Neue Forum.
  2. Oktober 1989 Treff von Sympathisanten des Neue Forum in Voßkuhl im Wohnhaus von Fritz Kalf.
  3. Oktober 1648 Wismar wird im „Westfälischen Frieden“ Schweden zugesprochen.
  4. Oktober 1982 Wiederinbetriebnahme des Glockenspiels von 1592 im St. Marienkirchturm durch Spenden der Altschülerschaft der Großen Stadtschule. Das Glockenspiel wird von den neun im Turm befindlichen Glocken und der Stundenglocke bedient. Es ertönt täglich um 12 Uhr, um 17 Uhr und um 19 Uhr und umfasst 14 Choräle aus dem evangelischen Kirchjahr. Das Glockenspiel ist 1592 gestiftet worden und ruhte seit 1928.
    24. Oktober 1831 Einweihung des Friedhofes (Ost) auf dem ehemaligen Galgenberg.
  5. Oktober 1908 Die Ingenieurakademie nimmt ihren Betrieb auf. Es beginnen die Vorlesungen.
  6. Oktober 1846 Gründung des Gewerbevereins Wismar im „Fründts Hotel“. Vorsitz Senator Süsserott.
  7. Oktober 1987 Städtepartnerschaft Lübeck-Wismar.
  8. Oktober 1946 Auf Befehl der SMAD wird die staatliche Bau- und Ingenieurschule gegründet

Detlef Schmidt

 

 

 

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