Kalenderblatt zum 26. Februar

   Mitarbeiter besetzen ihre Werft und kämpfen um jeden Arbeitsplatz

Am 26. Februar 1992 wird die Wismarer „Meerestechnik-Werft“,  von der Belegschaft mit Beginn der Frühschicht um sechs Uhr besetzt, um eine schnelle Entscheidung zur Privatisierung herbeizuführen. Die MTW ist am 1. Juni 1990 von einem VE-Betrieb durch die Treuhandgesellschaft in eine GmbH umgewandelt worden. Seit dem 13. Oktober 1952 hat die Wismarer Werft den Namen „Mathias Thesen“, der am 1. Januar 1992 in „Meerestechnik-Werft“ umgewandelt wird. Ungeduldig warten 1992 die 3100 Mitarbeiter, von ehemals 6.300 in 1990, auf eine Entscheidung zur Privatisierung ihres Betriebes. Von ehemals 55.000 im Schiffbau beschäftigten Arbeitnehmern in MV sind nun 20.000 Menschen übrig geblieben. Es wird der Erhalt eines eigenständigen  existenzfähigen Schiffbaus gefordert. Von Wismar geht das Signal an alle Werften im Land aus, die sich der Betriebsbesetzung anschließen. Die Arbeit in den Unternehmen geht weiter. Auf der Helling liegt schon das nächste Schiff und zehn weitere Schiffe sollen noch im Jahr folgen. In der Betriebsversammlung spricht die Betriebsratsvorsitzende Inge Pohlmann, die ihre Kollegen respektvoll „Mutter Courage“ nennen, zu den Mitarbeiter: „Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Wir sind aufgestanden und werden bis zum letzten kämpfen“. Das wirkte, denn es waren keine Phrasen. Der eilig aus Schwerin gekommene Wirtschaftsminister Conrad-Michael Lehment wird mit „Der Schnapsbrenner Lehment muss verschwinden“ ausgebuht und die Stimmung kocht endgültig hoch als er sagt: „Für Werften dieser Größenordnung gibt es hier zukünftig keinen Platz“. Zwei Tage später versucht Bundesverkehrsminister Krause die Wogen zu glätten, das für Verstimmungen in der Schweriner Koalition sorgt. Die Wismarer Bürgerschaft solidarisiert sich mit den Werftarbeitern. In der Stadt weiß man was man an der Werft hat und beim der Ende Februar durchgeführten „Tag der offenen Tür“ besuchen tausende Wismarer „ihre“ Werft. Endlich am 1. März macht sich Ministerpräsident Alfred Gomolka, der seine USA Reise nicht unterbrechen wollte, auf den Weg nach Wismar und wird beim Besuch der Werft schon beim Pförtner zurück gewiesen. Er muss sich vor dem Tor mit Betriebsratsvorsitzenden Inge Pohlmann unterhalten. Der Ton wird rauer und die Forderungen energischer. Am 4. März marschieren die Werftler vor das Schweriner Schloss und richten vor der Staatskanzlei eine Mahnwache ein. Die Wismarer befürworten eine „Paketlösung“ mit dem Bremer Vulkan und keinen Einzelverkauf. Dies favorisierte auch zunächst Alfred Gomolka, taktierte aber in der Landesregierung eine andere Stellung. Das kostet ihm letztendlich am 14. März 1992 sein Amt und er tritt als Ministerpräsident zurück. Dies aber letztendlich aus „Parteigehorsam“, um die CDU an der Macht zu halten. Auf der Tagung des Verwaltungsrates der Berliner Treuhandgesellschaft wird am 17. März 1992 eine vorläufige Entscheidung für eine Paketlösung mit der Bremer Vulkan AG beschlossen. Dies ist der Favorit der Wismarer und Inge Pohlmann meint in ihrer direkten Art: „Mann, wir wollen doch nicht die Vulkan AG weil das unsere Lieblingskapitalisten sind“ – es ging ihr um den Erhalt aller Arbeitsplätze. Das war nun geschafft und am gleichen Tag wurde die deutschlandweit viel beachtete Betriebsbesetzung nach 21 Tagen aufgehoben. Am 11. August 1992 wird MTW von der Vulkan AG übernommen. Keine vier Jahre später wird das schon wieder Geschichte sein, doch es liegt nicht an der Belegschaft, sondern am Management der Vulkan AG. Ein besonderes Weihnachtsgeschenk bekommt die Wismarer Werft am 24. Dezember 1992 von der EU-Kommission als in Brüssel über ein beachtliches millionenschweres Beihilfepaket für die Umstrukturierung der Werft entschieden wird. Schon zwei Jahre später kriselt es wieder als es um einen Werftneubau oder Umbau geht und wieder Werftarbeiter bedroht sind. 20.000 Wismarer demonstrieren mit der Belegschaft. Hoffnung kommt auch als am 15. November 1994 Ministerpräsident Berndt Seite den Grundstein für die „Kompaktwerft 2000“ legt und am 28. Oktober 1998 ist die Kompaktwerft mit Dockhalle und 600 Mio. DM Investitionen fertig. Die Dockhalle ist 72 m hoch, 155 m breit und über 395 m lang. Der 354. und letzte Stapellauf war schon am 6. Dezember 1997 mit der „Mercur Tide“. Jedoch 1996 wird das Ausmaß des Missmanagements der Vulkan AG deutlich, als am 21. Februar Insolvenz angemeldet wird und die Werften ins Schlingern kommen. Hier bewies sich die wieder einmal die gute aber auch kritische Zusammenarbeit des Betriebsrates mit Inge Pohlmann und Werftchef „Ossi“ Müller, die alles versuchten das Unternehmen und somit die Arbeitsplätze  zu retten. Am 1. März 1998 übernahm dann der norwegische Aker-Konzern die Werft und es entstand die „Aker MTW Werft GmbH“. Die Norweger verkauften 2008 die Wismarer Werft an die russische Investmentfirma FLC in dessen Verlauf der Russe Andre Burlakow am 22. September 2008 die Geschäftsführung übernimmt und die Werft in „Wadan-Yards“ umbenennt. Mit keinem Auftrag und vielen Versprechungen geht das Unternehmen am 5. Juni 2009 in die Insolvenz. Der 1963 in der DDR geborene Russe Burlakow wird am 29. September 2011 in Moskau ermordet. Nach zähen Verhandlungen, die auch zu Lasten der Belegschaft gehen, kauft am 15. August 2009 der Russe Witali Jussusof die Werft und benennt sie in „Nordic Yards Wismar GmbH“ um. Mit dem Zukauf der Werften in Warnemünde und Stralsund erhoffte man sich eine stärkere Position im schwierigen internationalen Schiffbaumarkt. Am 13. Februar 2016  berichtet die „Ostsee-Zeitung“ erstmalig über Verkaufsgespräche der Nordic-Werften des Russen Witali Jussufow an die malayische Genting-Gruppe. In Wismar wurde dazu Ende Januar 2016 bereits die „Star Cruises Wismar Operations GmbH“ (Schiffbau) und die „Star Cruisis Property GmbH“ (Immobilien) gegründet und sind im Handelsregister Bremen eingetragen. An Wismarer Schiffbauern mit ihrer flexiblen Einstellung sollte es nicht liegen

Was sonst noch geschah
27. Februar 1313 die Stadt erteilt den Zisterziensern die Genehmigung zum Grunderwerb. Doberaner Hof in Mühlenstraße.
28.Februar 1991 Gründung des Gemeinnützigen Vereines für den Heimattierpark.
28. Februar 1996 Das Wismarer Amtsgericht zieht wegen grundlegender Sanierung seiner Amtsräume aus dem Fürstenhof aus und bezieht vorläufige Räumlichkeiten im „Diamanthof“ Rostocker Straße. Übergabe an Amtsgericht am 17. Dezember 2002.
1. März 1433 Weihe der Sühnekapelle für Bürgermeister Johann Banzkow auf dem St.-Marien-Kirchhof (1850 abgerissen).
1. März 1833 Ratsbeschluss: Niemand darf mehr innerhalb der Stadt beerdigt werden.
1. März 1855 Mecklenburgisches Schulzwangsgesetz tritt auch für Wismar in Kraft.
1. März 1991 Die Karstadt AG übernimmt wieder ihr altes Stammhaus. Schriftzug „Kaufhaus Magnet“ wird entfernt.
2. März 1850 Robert Schmidt, Gründer der Ingenieur-Akademie, geboren.

Detlef Schmidt

 

 

 

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