Kalenderblatt zum 26. Mai

Vom Siechenhaus zum modernen Krankenhaus

Am 26. Mai 1909 erhielt Wismar nach langen Bemühungen ein neues Krankenhaus am Dahlberg. Stadtphysikus Dr. Hugo Unruh, der seit 1888 gleichzeitig der Direktor des Krankenhauses am Kater-steig war, hatte sich jahrelang für einen Krankenhausneubau eingesetzt und immer wieder auf die Notwendigkeit hingewiesen. Hugo Unruh, geboren am 11. Dezember 1854, bemängelte die unzu-länglichen hygienischen Zustände und vertrat vor dem Wismarer Rat, dass dies nur durch einen Neubau verändert werden kann. Er unternahm mehrere Reisen in vergleichbare Städte und sam-melte dort Erfahrungen, die auch auf Wismar anwendbar waren. Eine 1902 gebildete Kommission zum Bedarf eines neuen Krankenhauses, folgte den Vorschlägen Dr. Hugu Unruh weitgehend. Er legte in einem Gutachten dar, dass das neue Krankenhaus 91 Betten, ein Sonderhaus für anste-ckende Krankheiten mit 14 Betten, ein Waschhaus mit Verwalterwohnung und ein Leichenhaus haben sollte. 1902 erfolgte auch der Vorschlag für den Standort eines neuen Krankenhauses am Turnplatz. Hier setzte schon seit 1902 mit dem Bau der katholischen Kirche eine rege Bautätigkeit ein, die ab 1906 mit den heute noch vorhandenen Villenbauten fortgesetzt wurde.
Am 21. August 1906 wird im Rat und im Bürgerausschuss der Krankenhausneubau beschlossen und 236 300 Mark dazu veranschlagt. Im Frühjahr 2007 wurde mit den Bauarbeiten begonnen und schon am 30. Mai 1907 ist die „Desinfektionsanstalt“ fertig gewesen. Über die Eröffnung des neuen Kran-kenhauses schreibt das „Mecklenburger Tageblatt“: „In aller Stille hat sich gestern unter sachkundi-ger Leitung der Ärzte die sachkundige Übersiedlung vom alten Krankenhaus in das neue Heim un-serer städtischen Krankenpflege vollzogen. Es mussten hierbei 25 Kranke überführt werden. Unter ihnen befanden sich neun Schwerkranke, zu deren Transport, der sich in Tragkörben vollzog, die Krankenträger der hiesigen Sanitätskolonnen verwendet werden. Die übrigen 16 Kranken wurden in Droschken befördert. Der ganze Umzug ging gut vonstatten. Heute Vormittag fand in dem einen großen Krankensaal eine von Herrn Pastor Müller abgehaltene Andacht statt, an der außer den Kranken sämtliche Angestellte, Herr Medizinalrat Dr. Unruh, die Anstaltsärzte und Schwestern, sowie das Direktorium des Stadtkrankenhauses unter Führung von Senator Sohm teilnahmen.“ Die zum Krankenhaus gehörende Leichenhalle ist 1910 geweiht worden. Mit 320tausend Mark wurde der Neubau deutlich teurer als die veranschlagte Bausumme. Seit dem 22. Oktober 1908 heißt die neu errichtete Straße dorthin „Zum Dahlberg“, nach dem schwedischen Festungsbauer Erik Dahl-berg. 1908 begann man auch mit einer neuen Wegführung von der Schützenwiese und als beson-ders wird herausgestellt, dass vom Krankenhaus es einen direkten Fahrweg zum Friedhof gibt. Ob das nun aufmunternd war, mag bezweifelt werden.
Das alte Krankenhaus am Katersteig wurde „Alters- und Siechenheim“ und hat diese Funktion bis 1974 gehabt, ehe es zum Kagenmarkt übersiedelte. Seit 2003 ist es Teil der Seniorenwohnanlage „Schwarzes Kloster.
Erster Krankenhausdirektor wurde der Geheime Medizinalrat Dr. Hugo Unruh. Er blieb bis zu sei-nem Tod am 18. Februar 1923 in dieser Funktion. Die Hansestadt Wismar ehrte ihn 1924 mit der Benennung einer Straße im unmittelbaren Bereich seines alten Wirkungskreises. Mit 90 Betten hatte das neue Krankenhaus eine vorübergehende ausreichende Kapazität für die über 20 Tausend Einwohner Wismars. Im Krankenhaus selbst fand man „nach Kassenlage der Patienten“ verschie-dene Krankenzimmer. So gab es für die 1. Klasse einen Aufenthalt in zwei-drei Bett-Zimmer, wäh-rend dessen die Patienten der 3. Klasse sich in den großen Krankensälen behandeln lassen muss-ten. Die Bettenkapazität stieß auch bald an ihre Kapazitäten, zumal nun Krankenhausleistungen auch von den Fürsorgeeinrichtungen und Kassen bezahlt wurden. Entlastung hatte man durch die 1919 von Dr. Alexander Tschirch gegründete Frauenklinik in der Mecklenburger Straße. Das am 26. Januar 1939 eröffnete Luftwaffenlazarett war nur bedingt für die Zivilbevölkerung zugänglich. Die Krankenhausversorgung war nach dem II. Weltkrieg durch die anwachsende Bevölkerung und ein-hergehenden ansteckenden Krankheiten katastrophal. Das alte Packhaus am Lindengraten ist am 1. September 1945 als drittes Wismarer Krankenhaus, ehe es 1949 zur Poliklinik umfunktionierte, ein-gerichtet worden. Mit der Eröffnung der Frauenklinik am 31. Januar 1960 begann eine positive Ent-wicklung eines Militärbaues, die bis heute in das Wismarer Klinikum reicht. Seit dem 1. Januar 2012 ist die Sana AG Eigentümer und firmiert seit 2012 unter dem Namen Sana HANSE-Klinikum Wismar GmbH.
Das alte Krankenhausgelände wurde ab 2011 nicht mehr vom Wismarer Klinikum genutzt und ist Ende 2014 an eine Projektgesellschaft verkauft worden, die hier im Auftrag der Vitanas Unterneh-mensgruppe eine Seniorenanlage plant. Auf dem über zwei Hektar großem Areal können in Appar-tementhäusern 147 ältere Bürger wohnen und 127 pflegebedürftige Personen. Geplant ist weiter ein Mehrgenerationenhaus mit 27 Wohneinheiten. Zu einem Brand im alten Krankenhaus kam es in der Nacht vom 7. August auf den 8. August 2016, so dass eine Beräumung des Areals nötig sein soll-te. Verständlich, dass dabei die Emotionen bei Anwohnern wie auch Bürgern zu ihrem alten Kran-kenhaus eine Rolle spielen, doch dieser über einhundert Jahre alte Bau hat keinen Denkmalstatus.

Was sonst noch geschah
26. Mai 1868 Arzt Dr. Leopold Liebenthal geboren. Gestorben 30. November 1938. Seit dem 9. Feb-ruar 1961 trägt eine neuerbaute Straße seinen Namen.
27. Mai 2004 Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Gottfried Kiesow wegen seiner Verdienste um den Wiederaufbau der Wismarer St. Georgenkirche und seinen Einsatz im Denkmalschutz generell.
28. Mai 1863 Erstmalige Anbringung von sechs Briefkästen in der Stadt.
29. Mai 2004 Taufe „Wissemara“ und Zuwasserlassen der Poeler Kogge.
29. Mai 1987 Eröffnung der elektrifizierten Bahnstrecke nach Bad Kleinen.
30. Mai 1990 Dr. Rosemarie Wilcken (SPD) wird als erste Frau zur Bürgermeisterin gewählt (Amtszeit 30. Mai 1990 – 17. Juli 2010).
31. Mai 1932 Rede Adolf Hitlers auf Jahnsportplatz anlässlich der Landtagswahlen. Danach demoliert die Wismarer SA den Konsumverein.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn − eins =