Kalenderblatt zum 26.Mai

 Wismars grüne Lunge sind die Gärten um die Stadt

Am 26. Mai 1933 wurde der Kleingartenverein Wismar gegründet, dessen Entstehung aber schon am 18. Dezember 1918 mit der Gründung des Obst- und Gartenbauverein für Wismar und Umgebung erfolgte. 1933 wurde die Gelegenheit bei der Neugründung wahrgenommen, auch diesen Verein mit der Ideologie des gerade an die Macht gekommenen Nazi-Regimes gleichzuschalten.
Wismar hat mit seinen Gärten eine sehr lange zurückliegende Tradition. Schon 1475 sind um die 150 Hopfengärten nachweisbar und noch Anfang der fünfziger Jahre hieß ein kleiner Weg zwischen Friedrich-Techen-Straße und Köppernitztal „Bei den Hopfengärten“. Sicherlich wa-ren es reine Erwerbsgärten doch das waren Gärten bis vor wenigen Jahren immer noch, ehe die Naherholung in den Vordergrund rückte. Auf dem Kagenmarkt gab es die Kohlgärten und Apotheker hatten ihren eigenen Gewürzgarten. Nachweisbar ist einer an der Ecke Weberstraße zur Bauhofstraße. Die Goethestraße hieß früher „Fürstengarten“ und weist auf den Küchen-garten für den Fürstenhof hin. Nach der Schleifung der Festung Wismar ab 1721 gab es vor den Stadtmauern reichlich verwüstetes Land, wo Gärten angelegt wurden. So entstanden die Wallgärten auf den ehemaligen Wällen und es sind Gärten vor dem Lübschen Tor und dem Mecklenburger Tor angelegt worden, so dass der erste Grüngürtel um die Stadt entstand. Die erste Gartengemeinde bildet sich 1797, die die Koppel an den Wismarer Tierarzt Vetter auf 50 Jahre verpachtet. Dieser verpachtet das Land weiter als Generalpächter. Die Bebauung an der Reiferbahn in unmittelbarer Nähe zu den Wallgärten begann 1880 und es mussten Gärten auf-gegeben werden. 190 Wallgärten sind übrig geblieben. 1856 sind die Kagenmarkgärten und Mühlenteichgärten angelegt worden und die Stadtkämmerei als Verpächter pflanzte auf ihre Kosten in jedem Garten vier Obstbäume. Ende des 19. Jahrhundert bis 1914 wurden die Ackerstücke „Am Torney“, „Lenensruher Feldmark“ bis zum Friedhof, „Mecklenburger Hufe“ und die Gärten am Bernittenhöfer Weg, heute Friedenshof entstanden. Zwar war die Hanse-stadt Wismar führend im Kleingartenwesen, doch eine ordnende Organisation erhielten die Kleingärtner am 18. Dezember 1918 mit der Gründung des Obst- und Gartenbauvereines. Dies war insbesondere wichtig, weil der Verein als Generalpächter fungierte. Die Stadt sah dies etwas anders und ein Stadtrat meinte „Dem Appelbauverein keinen Fetzen Land“. Nur durch Geschicklichkeit und „Strohmänner“ gelang es dem Verein, Land zu pachten, wie die Anlage „Am Dorstein“. Hier wurden 1920 Gärten angelegt und 4.000 Obstbäume gepflanzt. Um sich in der Verwaltung mehr Gehör zu verschaffen wurde auf Drängen des Wismarer Kleingartenvereines in der Stadtverwaltung ein Kleingartenamt installiert. Dieses hatte darauf zu achten, dass es zu keinen Preistreibereien für Gartenland kommt. Wismar hatte durch die seit 1870 einsetzende Industrialisierung viele Arbeitsplätze geschaffen und die Arbeiter brauchten für ihre Familien dringend die Gärten, um sich besser zu ernähren und auch einen Ausgleich zu finden. 1924 sind die Gärten „am Wischberg“ (Gagarin-Ring) angelegt. 1933 fand auch im Kleingartenwesen die Gleichschaltung mit dem neuen Regime statt. Es gab ei-nen Reichsbund, der jeden Kleingärtner aufforderte Mitglied zu werden. Am 3. Oktober 1934 forderte Kreisbauernführer Eberhard von den Kleingärtnern, alle Gartenerzeugnisse restlos zu verwerten. Eine besondere Ehrung erhielten Wismars Kleingärtner 1937 mit der Verleihung des „Goldenen Spatens“ für ihre in Deutschland beispielslose Arbeit. Jeder zweite Wismarer hatte einen Garten und somit zählte Wismar zu den Gartenreichsten Städten in Deutschland. Die Gartenanlagen waren nun gesetzlich geschützt als Daueranlagen. 1944, noch kurz vor Kriegsschluss ist die vereinseigene Mosterei zerstört worden, die ab 1949 wieder errichtet werden konnte. Das Ende des 2. Weltkrieges brachte einen Bevölkerungsschub und eine be-sondere Nachfrage nach Gärten, so entstanden die Gartenanlagen „hinter dem Friedhof“, „Klußer Damm“, „Hinter dem Mühlenteich“ und „Wendorfer Weg“. 1950 waren es 5.749 Kleingärten. Den Kleingärtner wurde aber auch ein Abgabesoll auferlegt. Jeder Kleingärtner hatte fünf Kilogramm Obst abzugeben. Sie wurden auch aufgefordert mehr Himbeeren, Brombeeren und schwarze Johannesbeeren zur Herstellung von Tee und Medikamenten anzu-bauen. 1973 kamen die Gartenanlagen „Am Karpfenteich“ und am „Klingenberg“ hinzu, wo-bei hier schon mehr der Naherholungeffekt im Vordergrund stand. Sie waren Ausgleichsflä-chen für genutztes Bauland, wie Friedenshof, Kfz-Werkstatt KIB und Kagenmarkt.
Am 16. Juli 1963 wurde der am 13. Dezember 1920 in Neubukow geborene Joachim Techel zum Vorsitzenden des Wismarer Kleingartenverbandes gewählt. Seiner 23jährigen Tätigkeit ist es zu verdanken, dass Wismar eine überdurchschnittlich große Kleingartenanzahl hat und der Verband eine hohe Wertschätzung erfuhr. Er schied am 1. September 1986 aus und ver-starb hochbetagt am 8. September 2013. Er war Ehrenmitglied des Verbandes der Kleingärt-ner in Wismar und im Landesverband. Nach der Wende stellte der Kleingartenverband Wis-mar sich auf die neuen gesellschaftlichen Bedingungen ein und verzeichnet heute mit 32 Ver-einen, die in 91 Kleingartenanlagen tätig sind und 5320 Gärten auf 205,57 ha Fläche bewirt-schaften. Das sind bei rund 42.000 Einwohnern in der Hansestadt Wismar über 126 Gärten pro 1000 Einwohner! Fünf Prozent der Stadtfläche sind Dauerkleingärten und sorgen mit ihrer grünen Lunge für einen Ausgleich fehlender Wälder. Mit diesen Zahlen hat Wismar in Deutschland die Spitzenposition. Diese Position hatte die Stadt schon erreicht, als es vielen Bürgern nicht so gut geht wie heute und man schaffte sich Gärten zur Eigenversorgung und Erholung an. Geht es uns so gut, dass man wertvolles Gartenland nicht mehr bewirtschaftet? Kleingärtner wie Landwirte sind die Pfleger unserer Kulturlandschaft und schaffen gute Luft.

Was sonst noch geschah
27. Mai 2004 Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Gottfried Kiesow wegen seiner Verdienste um den Wiederaufbau der Wismarer St. Georgenkirche.
28. Mai 1863 Erstmalige Anbringung von sechs Briefkästen in der Stadt.
29. Mai 2004 Taufe „Wissemara“ und Zuwasserlassen der Poeler Kogge.
29. Mai 1987 Eröffnung der elektrifizierten Bahnstrecke nach Bad Kleinen.
30. Mai 1990 Die neu gewählte Wismarer Bürgerschaft tritt zu ihrer ersten konstituierende Sitzung zusammen. Dr. Rosemarie Wilcken wird Bürgermeisterin und Prof. Dr. Rolf Eggert Stadtpräsident.
1. Juni 2014 Übergabe und Eröffnung des Weltkulturerbezentrum mit Bundesbauministerin Dr. Barbara Hendricks im ehemaligen Haus der Wismarer Kaufmannscompagnie.
2. Juni 1811 Verleger Dethloff Carl Hinstorff geboren.

Detlef Schmidt

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