Kalenderblatt zum 27. April

Stettiner gründeten Wismarer Werft

Am 27. April 1946 wurde die Wismarer Werft auf Befehl der Roten Armee gegründet. Die Russen hatten mit der Vulkan-Werft in Stettin eine Werft für ihre Schiffe beschlagnahmt, doch die Sicherheit war in Polen für sie nicht gewährleistet. Schon 1945 wurden geeignete Flächen im eigenen deutschen Besatzungsgebiet gesucht und war letztendlich in Wismar fün-dig. Der Hauptingenieur der Stettiner Werft, Kurt Penning, wurde mit 13 Mitarbeitern nach Wismar mit dem Befehl zum Aufbau einer Werft beordert. Wismar hatte mit der Hansewerft und der Bootswerft von „Schröder und Schackow“, zwei kleine Reparaturbetriebe, die später mit der sich im Aufbau befindlichen Wismarer Werft zusammen geschlossen wurden.
Wismar als Hafenstadt ist seit Jahrhunderten auch Werftstandort. Nur sollte man das nicht mit den heutigen Maßstäben vergleichen. Die Schiffbauplätze der Stadt befanden sich auf der Lastadie zwischen Baumhaus und Wassertor. Hier wurden für die Wismarer Kaufleute Schif-fe gebaut. Koggen waren bis zum Ende des 14. Jahrhunderts der wichtigste größere Schiffs-typ der Hanse. Im ausgehenden 14. Jahrhundert wurden die Koggen mehr und mehr vom ähn-lichen Holk, danach vom Kraweel abgelöst. Die Kogge mit geringem Tiefgang revolutionierte den Handel, denn solch ein Schiff konnte bis zu 200 Tonnen transportieren. Diese Mengen waren nie mit Pferde und Wagen zu bewerkstelligen. Wismar betrieb bis ins 19. Jahrhundert nur Holzschiffbau. Dies sollte sich nach 1945 ändern. Schnell entwickelte sich die Wismarer Werft an der Kopenhagener Straße in den ehemaligen Hallen der norddeutschen Dornierwer-ke und weiterer verstreut liegender Standorte, wie auch die ehemalige Waggonfabrik von Po-deus. Ende 1946 ist die Belegschaft schon auf fast 700 Mitarbeitern angestiegen. Am 3. Juni 1946 kam mit der „Iwan Susanin“ das erste Schiff zur Instandsetzung in die Werft und seit dem 15. Oktober 1946 untersteht die Werft dem sowjetischen Handelsministerium. Die Wis-marer Werft ist zunächst eine reine Reparaturwerft und hatte die von den Russen auferlegten Reparationen zu erwirtschaften. Dazu gehörte die Instandsetzung ehemaliger deutscher Schif-fe, die nun zu Russland gehörten. 1947 sind weitere Mitarbeiter mit ihren Angehörigen aus Stettin nach Wismar beordert worden. Hinzu kamen noch Maschinen, Werkzeug und Material aus der Vulkan-Werft. Ein dringendes Problem war jedoch zu dieser Zeit, die Versorgung mit Wohnraum. Hierfür wurden ab 1949 die Wohngebiete Flöter Weg und ab 1950 Vor-Wendorf entwickelt und erbaut. Ab Juli 1948 stellte man Lehrlinge und Umschüler ein, um so den not-wendigen Fachkräftemangel zu beheben. Probleme gab es jedoch in der schwierigen Nach-kriegszeit mit dem notwendigen Material. Da die Werft jedoch unter dem Befehl der Roten Armee stand, wurde in der gesamten Besatzungszone ein Befehl zur Belieferung an die Wis-marer Werft angewendet. Am 1. Januar 1947 wurde die mecklenburgische Landesverwaltung Eigentümer der nunmehrigen VEB Schiffsreparaturwerft Wismar, die natürlich nur die Auf-träge der Russen abzuarbeiten hatte. Da die über der Stadt verteilten Produktionsstandorte sich negativ auswirkten, ist am 1. August 1950 mit dem Bau eines neuen Standortes am West-hafen begonnen worden. Es sind Werkhallen an der Kai errichtet, die teilweise demontierte Altbauten von Flugplätzen sind. Das Hauptverwaltungshaus an der Lübschen Straße ist 1950 bezogen worden. Die Namensgebung in VEB Mathias-Thesen-Werft (MTW) fand am 31. Oktober 1951 statt. Mit Slipanlage und Kabelkrananlage am 1. Oktober 1953 gab es weitere Anlagen zur Effizienz der Produktion. Hauptaugenmerk lag auf die Erfüllung der Reparati-onsleistung, die nach Abschluss am 31. Dezember 1953 allein aus Wismar 232 Millionen Mark betrug.
Ab diesem Datum konnte die MTW ihre Einnahmen mit Reparaturen und Neubauten selbst erwirtschaften, wobei die Sowjetunion zunächst Hauptauftraggeber war. Bekannt sind rigoro-se Preisnachlassforderungen und unverhältnismäßige Reparaturnachforderungen. Diese schmälerten das Betriebsergebnis drastisch.
Trotzdem wird im sozialen Bereich viel über die jetzt tausenden Mitarbeiter getan, wie die am 29. September 1956 übergebende Werft-Poliklinik an der Koggenoor mit Dr. Walter Heller als ärztlichem Direktor und ab 1957 das Werftkulturhaus an der Schweinsbrücke.
Trotz aller schwierigen Bedingungen entwickelte sich die Werft zu einem führenden Unter-nehmen in der Schiffbaubranche mit einem exzellenten Ruf. Wismar war und ist bekannt durch Spezialschiffbau in geringer Stückzahl, wobei sie beim Bau der Seefahrgastschiffe schon serienmäßig arbeitete. Bei MTW sind die ersten Fang- und Verarbeitungsschiffe, Eisen-bahnfähren und Handelsschiffe für die DDR und anderen Ländern des Warschauer Vertrages geliefert worden. Für die Sowjetunion sind die Expeditionsschiffe und vier Kreuzfahrschiffe gebaut worden. Der DDR einziges Kreuzfahrschiff, die „Fritz Hecker“, ist 1960 in Wismar vom Stapel gelaufen.
Am 1. Juni 1990 wird die Mathias-Thesen-Werft von der Treuhandgesellschaft in eine GmbH umgewandelt und am 23. April 1991 begann der Abriß der Kabelkrananlage mit radikalem Umbau der Werft durch Ausgliederung von Bereichen in selbständige Unternehmen. Nach mehreren „Pleiten, Pech und Pannen“ gehört die Wismarer Werft seit dem 2. März 2016 zur malaysischen Genting-Gruppe und firmieren unter „MV Werften“ mit Sitz in Wismar. Hier entstehen Kreuzfahrschiffe für den asiatischen Markt und Wismar setzt ihre 800jährige Schiffbautradition mit der sprichwörtlichen Qualitätsarbeit fort.

Was sonst noch geschah:
28. April 1946 Neupflasterung des Marktplatzes fertiggestellt, nachdem ein dort befindli-cher Luftschutzbunker gesprengt wurde.
29. April 1950 Grundsteinlegung für die ersten Wohnhäuser in Vor-Wendorf.
29. April 1968 Das Gaswerk wird nach fast 111 Jahren stillgelegt.
29. April 1993 Besuch des schwedischen Königspaares, Karl Gustav und Sylvia von Schweden, in Wismar.
1. Mai 1920 Der 1. Mai wird erstmals in Mecklenburg als regulärer Feiertag begangen.
1.Mai 1949 Grundsteinlegung für das Wohngebiet Flöter Weg.
1.Mai 1956 Übergabe Hochhaus am Platz des Friedens in Wendorf.
2. Mai 1945 um 16:30 Uhr 1.Fallschirmbataillon der 6. Luftlande-Division der britischen und kanadischen Streitkräfte erreicht Wismar.

Detlef Schmidt

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