Kalenderblatt zum 27. Juli

   Alte Hauptwache – Schmuckstück im Marktensemble

Am 27. Juli 2015 wird im Stadthaus, der ehemaligen Hauptwache, nach 18monatiger Bau- und Sanierungszeit mit einem Baukostenvolumen von 4,27 Millionen Euro, der normale Be-trieb eröffnet. Ab sofort stehen die Bereiche Bürgerbüro, Finanzverwaltung und Wohnungs-wesen den Bürgern wieder umfassend und bürgergerecht zur Verfügung.
1857/1858 wurde die neue Hauptwache an der heutigen Stelle nach Plänen des Wismarer Ar-chitekten Helmuth Brunswig errichtet und am 24. Februar 1859 eröffnet. Der angewendete Baustil, der sogenannte „Tudorstil“ im Bereich der Dachtraufe, ähnelte dem Schweriner Arse-nal aber auch dem nur wenige Jahre zuvor errichtetem Militärlazarett vor dem Altwismar Tor, wo der Einfluss des Schweriner Hofbaumeisters Adolf Demmler erkennbar ist. In der Haupt-wache war auch das städtische Gefängnis, die „Hechte“ untergebracht. Die „Hechte“ diente sowohl der Polizei als Gefängnis, aber auch als Militärgefängnis für die Garnison. Weiter fand im Untergeschoß die Feuerwache, die Remise für die Feuerspritze und Zimmer für Polizeian-gehörige Platz. Im 1. Obergeschoss gab es eine Wohnung mit drei Wohnzimmern.
Die Häuserzeile zur Hegede hin ist stadtgeschichtlich äußerst interessant, befanden sich doch hier die von der Stadt vermieteten Verkaufsbuden der Händler. Im Bereich des heutigen Stadthauses waren die Fleischer angesiedelt. Vor dem Neubau der Hauptwache befand sich an der Ecke zur Dankwartstraße hin neben dem Kohlenmesserhaus ein Grundstück mit einem kleinen Haus, das dem Manufakturwarenhändler Johann Gertz gehörte, der sein Geschäft we-gen des Neubaus der Hauptwache vorläufig aufgab, um später im neuen Haus wieder einzu-ziehen, so die Wismarsche Zeitung vom14. März 1857. Es ist zu vermuten, dass dieses Haus, es steht heute links neben dem Stadthaus, im gleichen Zeitraum wie die Hauptwache entstand. Mit einem Durchbruch sind dann später beide Häuser verbunden. 1916/17 wurden umfangrei-che bauliche Veränderungen, besonders im Treppenbereich getroffen um auch der ständig wachsenden Verwaltung gerecht zu werden. In den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts sind im heutigen linken Gebäude Umbauarbeiten in größerem Umfang getätigt worden, da im Keller ein Luftschutzkeller eingebaut wurde. Hier war die Luftalarmzentrale für die Hanse-stadt Wismar während des Krieges untergebracht. Noch heute kann man an der Giebelfront von der Dankwartstraße her, einen Kellerschacht entdecken mit der Aufschrift „Luftschutz-einrichtung“ der „Fa. Mannesmann“. Dies haben nicht einmal die eifrigen bekannten „staatli-chen“ Helfer der DDR entdeckt. Im Obergeschoß der Hauptwache verpachtete 1864 der Wismarer Rat für 60 Taler, dem ein Jahr zuvor gegründeten Museumsverein seine Räume für eine Museumsausstellung zur Verfügung, ehe sie 1880 in die Alte Schule einzogen.
An der Stelle des heutigen Stadthauses stand das Kohlenmesserhaus. Die Aufgabe der Koh-lenmesser bestand im mittelalterlichen Wismar ursprünglich darin, mit Holzkohle zu handeln und sie abgewogen (zu messen) zu verkaufen. Sie waren im Amt der Träger vertreten. Im Lau-fe der Geschichte, als ihre ursprüngliche Aufgabe immer mehr zurückging wurden sie zu „Strafvollzugsbeamten“ des Rates. Sie waren die Vorläufer der städtischen Polizei und hatten für Ruhe und Ordnung auf den Straßen zu sorgen, gegen übermäßige Bettelei vorzugehen, und wenn es gar zu arg mit der „Viecherei“ war, Hühner und Schweine von der Straße zu treiben. Das Kohlenmesserhaus mit der „Hechte“, den Arrestzellen, befand sich bis 1857 un-gefähr dort, wo heute das Stadthaus am Markt steht. Die alte Hauptwache, stand unmittelbar vor den Marktlinden. Zwischen dem Kohlenmesserhaus und der Hauptwache stand der Pran-ger, der „Kaak“. Auch diesen hatten die Kohlenmesser zu überwachen. So sollte 1820 die Frau eines städtischen Beamten an den Pranger, weil „sie sich erlaubet hat, Menschenkoth auf die Straße zu werfen!“ Sie wurde jedoch zu einer Gefängnisstraße von einem Tag in die „Hechte bey Wasser und Broth“ verurteilt. Der letzte Kohlenmesser Ranz schied 1867 aus dem Amt und wurde in den Ruhestand versetzt.
Die Ablösung der Kohlenmesser wurde in der Hauptsache durch das Formieren eines Polizei-apparates beschleunigt. So wurde 1823 die städtische Polizei vom Gericht abgetrennt und eine eigenständige Einrichtung. Erster nebenberuflicher Polizeidirektor war der Senator und Sei-denkrämer Christian Cornelssen. Als Kuriosum kann angeführt werden, dass, wenn der Poli-zeidirektor nicht anwesend war, ihn sein Lehrling Ernst Gertz vertrat! 1836 wurde dann der Senator und Jurist Gottlieb Haß „Polizeichef“. Eine eigene Uniform hatten die „Stadtsolda-ten“, so wurden die Polizisten allgemein bezeichnet, nicht. Als Zeichen ihrer „Würde“ durften sie einen „Krückstock“ tragen. Die erste Uniform datiert aus dem Jahre 1896. Auf dem Kopf hatten sie einen Helm mit dem Wismarschen Wappen. 1914 hatte die Polizei bei einer Ein-wohnerzahl von etwa 25.000 Bürgern einen Personalbestand von fünf „oberen“ Beamten, zwei Polizeiwachtmeistern, 18 Schutzmännern und neun Wächtern. Dienstsitz der Wismarer Polizei war bis 1952 die Hauptwache am Markt, ehe sie in das ehemalige Finanzamt in die Rostocker Straße umzog. Dieses Haus war ab 1848 als Militärlazarett errichtet worden und beherbergte nach 1920 das Finanzamt.
Vor der Hauptwache, den Namen „Stadthaus“ bekam das Gebäude erst nach dem Krieg, standen früher drei Kanonen. Die beiden größeren stammten aus der Schwedenzeit und sind nach 1945 verschwunden. Die kleinere war eine Beutekanone aus dem deutsch-französischem Krieg von 1870/71 und wurde 1921 von der Reichswehr mitgenommen. Mithilfe des Wisma-rer Lions Clubs wurden 1997 zwei alte Festungskanonen aus dem schwedischen Landskrona hier aufgestellt, um das alte Bild wieder herzustellen.
Übrigens sind die beiden Linden auf dem Marktplatz seit 1736 nachweisbar, als die ersten Bäume auf diesem Standort vor der alten Hauptwache, vermutlich als Schattenspender für die Stadtsoldaten, gepflanzt wurden. Eine Zeichnung aus dem Jahre 1813 zeigt die Linden genau vor der alten Hauptwache stehend. Gern werden die „Marktlinden“ auch als Gerichtslinden bezeichnet, doch hier tagte nie das Gericht und die Vollstreckung des Urteils mit dem Beil fand mitten auf dem Markt statt. Die letzte Hinrichtung war am 10. September 1799.

Detlef Schmidt

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