Kalenderblatt zum 27. Juli

Als die Schützen zum Festmahl luden….

Vor 190 Jahren weihten die Wismarer Schützen ihr Haus ein

Am 27. Juli 1824 feierten die Wismarer „Vereinigten Schützen-Gesellschaften“ mit einem Festmahl ihr noch nicht ganz fertiges Domizil – das Wismarer Schützenhaus an der Schweriner Chaussee. Wismars Schützen haben eine lange Tradition, die aus den ehemaligen mittelalterlichen lebensnotwendigen Bürgerwehren entstanden ist. Maßgebliche Gesellschaften waren hier die „Papagoyengesellschaft“ des „gehobenen Standes“ und später auch die „St. Annenbruderschaft“. Jedenfalls mussten sie schon Bedeutendes geleistet haben, wenn der schwedische König dem Sieger im jährlichen Scheibenschießen 100 Reichstaler gab und der Schützenkönig ein ganzes Jahr von der Steuer befreit war. Schießstände gab es vor dem Lübschen Tor, dem Altwismar Tor, auf dem Lehmberg an der heutigen Rostocker Straße und vor dem Mecklenburger Tor. Hier pachtete die St. Annenbruderschaft die Schützenwiese für jährlich 30 Taler. 1823 kam es zu einer Vereinigung der Wismarer Schützen, dass sie mit einem Festessen am 27. Juli 1824 im noch nicht ganz fertig gestellten Schützenhaus an der Schweriner Chaussee feierten. Die nunmehr 87 Schützen begingen am 29. Juli 1824 den ersten gemeinsamen feierlichen Königsschuss und im November 1824 pachtete der Gastwirt Gußloff vom Grönings Garten das Restaurant im Schützenhaus. Das Schützenhaus wurde von den Wismarern sehr gerne als Ausflugslokal aber auch für gesellschaftliche Anlässe wie Bälle aber auch politische Veranstaltungen angenommen. Die Unruhen von 1830 und auch 1848 waren in Wismar deutlich zu spüren und das Schützenhaus wurde für Versammlungen genutzt. Trotzdem wachte der Gastwirt darauf, dass durch allzu „liberales Gerede“ der innere Friede nicht gestört wurde. „Durch mehrere unangenehme Auftritte sieht sich die vereinigte Schützengesellschaft zu der Erklärung veranlasst, dass das Schützenhaus kein Ort ist, wo jedermann Zutritt hat…“  Er wusste schon, was er seinen Gästen schuldig war. Sehr bald zeigte sich, dass das Haus, für einige Veranstaltungen zu klein wurde und 1865 wurde die „Tivolihalle“, heute besser bekannt als das darin vorhandene Kino, angebaut. Erst jetzt entwickelte sich das Schützenhaus zu Wismars erster Adresse, wenn es um gesellschaftliche Ereignisse und Bälle ging und die Wismarer wussten zu feiern. Das Schützenhaus befand sich vor den Toren der Stadt und gehörte zu den zahlreichen Ausflugslokalen der Stadt, wie Grönings Garten, Bernittenhof und Rothentor, um nur einige zu nennen.

In der Nazizeit missbrauchten die „Braunen“ gerne das Haus und schon am 4. Juni1932 brüllte hier Joseph Goebbels seine hasserfüllten Tiraden raus. Nach 1945 gab es eine deutliche Zäsur in der Geschichte des Schützenhauses. Es zog eine andere politische Luft ein und hier fand am 5.Februar 1946 eine Versammlung der Wismarer SPD mit Annedore Leber, der Frau des ermordeten Lübecker SPD-Reichstagsabgeordneten Dr. Julius Leber, statt. Spontan wurde an dem Abend entschieden, dass ab sofort die Lindenstraße in Dr.-Leber-Straße umbenannt wird. Mit einem großem Aufgebot von 1.000 Teilnehmern fand am 2. April 1946 der Wismarer „Vereinigungsparteitag“ von SPD und KPD im immer noch so genannten Schützenhaus statt. Dies geschah im Vorfeld der „großen Vereinigung“ vom 21. April 1946 in Berlin. 1949 hatte die nun bestimmende SED die Nase voll von dem „bürgerlich-dekadenten“ Namen Schützenhaus und benannte das geschichtsträchtige Haus in Volkshaus um, nicht beachtend, dass sie damit ihrer eigenen regionalen Geschichte schadete. Der zum Schützenhaus hinführende Straßenzug „Schützenweg“ wurde am 19. August 1949 in „Ernst-Thälmann-Straße“ umbenannt, einen Namen den man 1954 zum zehnjährigen Todestag von Thälmann auf die gesamte Schweriner Straße ausdehnte. Seit dieser Zeit befindet sich auch der Thälmann-Gedenkstein vor dem Schützenhaus. Wenn die Wismarer früher stolz sagten, dass sie „tau´n Danzen in´t Schüttenhuus gahn“ so gingen sie zu DDR-Zeiten zum Tanzen in den „Schuppen“. Das ist Volksmund.

1952 wurde die Tivolihalle des Schützenhauses umgebaut und hier entstand für die nächsten 40 Jahre das Volksfilmtheater. Nach der 1992 erfolgten Stilllegung des Volksfilmtheaters, bedingt durch die Auflösung der Bezirksfilmdirektion Rostock, wurde im Oktober 1995 das  „CineStar Wismar“ mit vier Kinosälen eröffnet. Lediglich die äußere Fassade erinnert noch an die 1865 erbaute Tivolihalle des alten Schützenhauses, ein Name der zu Unrecht in die Versenkung der Geschichte gebracht werden sollte. Diejenigen, die im Schützenhaus ihre Zwangsvereinigung feierten, brachten auch die Schützen als „kriegslüsterne“ Vereine in Verruf. Ein Blick ins Geschichtsbuch hätte ihnen mehr Klarheit gebracht. Die heutige Verwendung als Kindereinrichtung kann nicht besser sein und den Nutzern wie Besuchern sollten sich den historischen Wurzeln des Hauses bewusst sein.Seit einigen Wochen herrscht nun wieder Leben im alten Haus. Hier hat die felicitas gGmbH die Kindertagesstätte „Hanseatenhaus“ für 60 Krippenkinder und 68 Kindergartenkinder eingerichtet. Die ehemalige Schützenwiese wird zur grünen Spieloase für die Kinder. Zwar ist erst die erste Baustufe geschafft, doch mit der zweiten zum 1. September soll alles fertig sein.

Was sonst noch geschah:

  1. Juli 1699 Drei Pulvertürme am Lübschen Tor explodieren und große Teile der Stadt und das gerade neu erbaute Zeughaus werden zerstört.
  2. Juli 1928 Robert Schmidt – Gründer der Ingenieurakademie stirbt in Wismar.
  3. Juli 1940 7. Luftangriff: Zwischen 0.18 Uhr und 3.10 Uhr griffen erneut britische Bomber Wismar an, die etwa zwanzig Sprengbomben abwarfen. Tote waren bei diesem Angriff nicht zu beklagen. Es wurden jedoch Häuser am Rosenweg beschädigt und das Treibhaus der Gärtnerei Teude völlig zerstört.
  4. Juli 1950 Eröffnung des Betriebsambulatoriums der Werft.
  5. Juli 1935 Der Umbau des Zeughauses zur Ingenieursakademie ist abgeschlossen.
  6. Juli 1945 Der Rat trifft Maßnahmen zur Umsiedler Betreuung, bei Nichtbefolgung drohen Ausweisung, Entzug der Lebensmittelmarken oder zusätzliche Einquartierung.

Detlef Schmidt

 

 

 

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