Kalenderblatt zum 27. März

  Ein Arzt für alle und zu jeder Zeit – Deutschlands ältester praktizierender Arzt

Am 27. März 1967, vor knapp 60 Jahren, stirbt in Wismar kurz nach seinem 100. Geburtstag Sanitätsrat Dr. med. Ludwig Böckel in seinem Haus in der Lübschen Straße 48. Über 70 Jah-re hatte er in diesem Haus seine Arztpraxis und so ist es erklärlich, das viele Wismarer ihn kannten und schätzten. Er entstammt aus einer alten Wismarer Familie, die seit 1650 hier an-sässig sind, als der Gewürzkrämer Mathias Böckel am 7. Februar 1650 das Bürgerrecht erhielt. Ludwig Böckel ist in Boitze im Kreis Bleckede geboren, wo sein Vater Theodor einen Hof mit Landwirtschaft betrieb. Dessen Vater Jakob Böckel war Weinhändler und hatte 1833 das Hotel „Stadt Hamburg“ erworben und es 1848 verkauft, um sich als Weinhändler Hinter dem Rathaus 25 nieder zu lassen. Die Böckelsche Weinhandlung war ein gut geführtes Unterneh-men, das bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts existierte. Danach hatte hier „Kai-ser`s Kaffee“ seine Wismarer Filiale. An dem Haus, in dem heute eine Bank ist, sind noch an der Fassade die floralen Schmuckelemente der Weinhandlung zu entdecken. Die Familie The-odor Böckel zieht im Alter 1874 nach Wismar und sein Sohn Ludwig Böckel wird an der Großen Stadtschule eingeschult. Die Böckels waren in Wismar weit verbreitet und der sieben-jährige Ludwig traf in der Schule allein auf neun Verwandte. 1888 macht er an der Schule sein Abitur und beginnt ein Medizinstudium. Zunächst in München, Rostock, Kiel und Berlin. 1894 schließt er das Studium mit dem ärztlichen Examen in Kiel ab und erhält die Approbation als praktischer Arzt. Am 1. September 1894 promoviert Ludwig Böckel und mit seiner Dissertation über die „Pathologische Anatomie des Wurmfortsatzes“ zum Doktor der Medizin. Nach Aufenthalten als Assis-tenzarzt in Greiz und Hamburg lässt er sich am 23. Januar 1896 als praktischer Arzt in Wismar, Hinter dem Rathaus 27, neben der Weinhandlung seines Onkels Paul Böckel, nieder. Etwas später erwirbt er das Haus Lübschen Straße 48, wo er Praxis und Wohnung einrichtete und nahezu 60 Jahre wohnte. Dr. Böckel war auch einer der ersten Ärzte, die Kassenpatienten und Wohlfahrtempfänger, also arme Leute, behandelten. Er begrüßte ausdrücklich die seit dem 1. Dezember 1884 bestehenden gesetzlichen Verordnungen zur Schaffung von Krankenkassen und meinte: „Die Fabrikherren hätten von sich aus nie etwas für ihre Leute be-zahlt“ und weiter „Jeder sollte ein Recht auf die gleiche gewissenhafte ärztliche Hilfe haben“. Er wurde Vertrauensarzt der Ortskrankenkasse und setzte sich be-sonders für die Schwächeren der Gesellschaft ein. Er heiratete 1904 Marie-Luise Paepke, die aber schon 1911 im Alter von 32 Jahren verstarb. Seine zweite Frau Else Uthoff aus Klein Woltersdorf begleitete ihren Mann auch als Sprechstun-denhilfe in seiner Praxis und starb zehn Jahre nach ihrem Mann am 4. August 1976 im Alter von 94 Jahren. Seine soziale Einstellung und auch sein praktisches Können brachten ihm ein großes Vertrauen seiner Patienten ein, die ihm bis in sein hohes Alter treu blieben. Er selbst war zeit seines Lebens ein Lernender, der sich in der Ohren-, Haut-, Frauen- und Kinderheilkunde ständig weiter bildete. Zwischen 1914 und 1918 war er Mitglied der Wismarer Bürgerschaft, sowie auch zwischen 1925 und 1930 Stadtverordneter. Seine politische Meinung war im so-zialen Engagement und gegen Krieg. Im 1. Weltkrieg hat er zeitweise als Laza-rettarzt gearbeitet und kannte die Schrecken eines Krieges. Zwei seiner Söhne kamen aus dem 2. Weltkrieg nicht mehr nach Haus. „Das darf sich nie wiederho-len“, war seine Maxime. Nach 1945 setzte er mit seinen damals schon 78 Jahren die dringend gebrauchte medizinische Arbeit fort und sprichwörtlich kam er bei Sturm und Wetter, wenn andere Ärzte abgewunken haben, mit seinem schwarzen Gehrock und einer in die Jahre gekommenen Arzttasche. Ausgleich fand er in seinem Garten mit hundertjährigen Bäumen und in der Turnerschaft, der er seit seiner Studienzeit bis zum Lebensende aktiv angehörte. Sein Garten an der Gro-ßen Hohen Straße wirkte auf uns Jungen wie ein Magnet. Doch wir, die wir an-sonsten jeden Zaun überwanden, gingen da nicht rein. Nicht, weil wir Angst hat-ten, sondern Respekt vor den „ollen Herrn Dokter“. Seine Promotions-Universität Kiel zeichnete ihn 1964 mit der „Goldenen Doktor Urkunde“ aus. 1961 wurde er mit dem Titel „Sanitätsrat“ gewürdigt und 1962 erhielt er mit der Hufeland-Medaille die höchste medizinische Auszeichnung in der DDR. Bis zu seinem 98. Lebensjahr führte er wöchentlich viermal Sprechstunde durch und be-suchte Kranke. Doch dann wollte er kürzer treten, denn er hatte den Ehrgeiz bis zu seinem 100. Geburtstag als Arzt tätig zu sein, was er auch schaffte. An sei-nem 100. Geburtstag am 1. März 1967 kamen zahlreiche Gratulanten, auch die im damaligen Westen beheimatete Altschülerschaft der Großen Stadtschule, um ihren ältesten Abiturienten zu ehren. Viele Gratulanten besuchten den Jubilar und die Ostsee-Zeitung schreibt in ihrem Lokalteil am 1. März 1967: „Seit siebzig Jahren kommen und gehen Patienten zu Sanitätsrat Dr. med. Ludwig Böckel, dem ältesten noch praktizierenden Arzt in Mitteleuropa“. Vier Wochen später, am 27. März 1967 hat sich sein reiches Leben erfüllt und wenn man von Dr. Bö-ckel spricht, dann immer in Hochachtung vor seiner nahezu selbstaufopfernden Arbeit. Er war Arzt für alle und zu jeder Zeit.

Was sonst noch passierte
27. März 1949 Eröffnung des Theaters an der Parkstraße.
27. März 1844 Der Dichter der deutschen Nationalhymne, Hoffmann von Fallersleben, ist Gast im Wismarer Hotel Stadt Hamburg. Ihm zu Ehren wird ein Essen gegeben.
27. März 2013 Baubeginn zum Um- und Neubau des Polizeigebäudes an der Rostocker Straße mit einem finanziellen Gesamtvolumen von 9.4 Millionen Euro.
27. März 1953 SG Dynamo Wismar wird gegründet als Polizeisportgemeinschaft Wis-mar. Am 14.08.1990 wird die SG Dynamo Wismar in PSV Wismar e.V. umbenannt und am 17. April 2009 wird die SG Dynamo Wismar e.V. nach 19 Jahren mit zunächst sieben Mit-gliedern neugründet. Der Verein sieht sich in der Tradition des Urprungvereins.
28. März 1990 Gründung des Schützenverein Hanse e.V. mit 14 Mitglieder.
29. März 1906 Benennung der Podeusstraße nach Heinrich Podeus d. Ä.. Zu DDR Zeiten wurde sie in „Werkstraße“ um benannt und seit dem 1. Juli 2000 wieder in Podeusstraße.
30. März 1936 Stadtchronist Dr. Friedrich Techen in Wandsbek gestorben.
30. März 1933 Judenboykotte in Wismar.
30. März 1997 Robert Förster (Flugkapitän und Werksflieger bei Dornier Wismar) verstorben in seinem Haus am Wendorfer Weg. Geboren am 5. Januar 1897 in Wismar.

Detlef Schmidt

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