Kalenderblatt zum 28. Juli

Die große Pulverexplosion zerstörte Zeughaus

Am 28.Juli 1699 ereignete sich in Wismar eine Katastrophe, die bestimmt noch jahrzehntelang Gesprächsstoff der Bürger gewesen sein mochte, zumindest auch in die Annalen der städtischen Geschichtsschreibung einge-gangen ist und deren Folgen aufmerksame Beobachter noch heute er-kennen.
Zeitgenossen jener Tage berichteten, dass sich schon seit dem 26.Juli Gewit-terwolken über der Stadt zusammengezogen hatten. Diese unheimlich schwü-le Witterung hielt sich dann bis zum 28.Juli nachmittags gegen16 Uhr, als sie sich mit aller Gewalt entlud. Es sollen alleine schon durch das Donnern eini-ge Scheiben zerbrochen sein, und durch den einsetzenden Wind wurden etli-che Dächer abgedeckt. Die Katastrophe brach aus, als ein nachfolgender Blitz in drei Pulvertürme einschlug und diese entzündete. Diese Pulvertürme lagen mitten in der Ringmauer von dem Lübschen Tor bis nach dem Was-sertor, etwa 70 bis 80 Schritte voneinander entfernt. Sie waren nach damali-gen Maßen 90 bis lO0 Fuß hoch und von Ziegelsteinen massiv und viereckig gebaut. Der mittlere Turm war der größte und wurde deshalb der “Kayser” genannt. In ihm befand sich wohl euch die größte Menge Pulver. Insgesamt sollen 700 große Tonnen Pulver und auch einige Granaten, Bomben und Teerkränze entzündet worden sein.
Die Wucht der Explosionen war so stark, dass alle drei Türme bis auf den Grund aus der Erde gehoben worden, und Steine von ihnen sind sogar in den obersten Tribunalsräumen, dem heutigen Amtsgericht, gefunden worden. So wurden denn auch bei allen Kirchen und anderen Gebäuden die Dächer be-schädigt und fast alle Fenster zerstört. Am meisten wurde die Heilig-Geist-Kirche in Mitleidenschaft gezogen. Dort blieben nur die vier Mauern ste-hen. Ferner wurden in der am nächsten gelegenen Weststadt an die 200 klei-ne Hauser und 24 Giebelhäuser dem Erdboden gleich gemacht. Deshalb sind die Häuser in diesem Teil der Stadt alle“ jüngeren” Datums, das heißt, sie wurden nach 1699 erbaut.
Bei der Explosion wurden 30 Einwohner und 40 schwedische Soldaten getö-tet. Im Gegensatz zu vielen mittelalterlichen Stadtbränden in anderen Städ-ten, war Wismar diesbezüglich, bis auf die ersten Jahrhunderte glimpflich davon gekommen. Jedoch diese Katastrophe ist bis heute lebhaft in der Wismarer Stadtgeschichte und schon vor über 300 Jahren nahm man über-regional in den wenigen Zeitungen Notiz davon und verbreiterte diese Kata-strophe in einem größeren Umfeld. Wie tief der Schock gesessen hat, zeigt, dass durch eine Bekanntmachung vom 12. August 1801 gewarnt wird, bei dem wieder errichteten Pulverturm „hinter der Mauer beym Pulverthurm nicht mit einer brennenden Tabackspfeife“ zu gehen.
Unmittelbar nach dem Unglück begannen 1700 unter Leitung des schwedi-schen Festungsbaumeister Erik Dahlberg, die Neubauarbeiten am Zeughaus, dass sich zum damaligen Zeitpunkt fast an der Stadtmauer befand, so dass die heutige Hofeinfahrt die eigentliche Zufahrt ist, worüber sich auch der sti-lisierte eingemeißelte Namenszug des Schwedenkönigs Karl XII. befindet, von dem der Ausspruch überliefert ist, dass Wismar die Stadt mit den „sil-bernen Wällen“ ist. Er meinte damit die sehr hohen Kosten, die die Schwe-den zur Befestigung der strategisch wichtigen Stadt Wismar aufwenden mussten. Er vergaß dabei aber den hohen persönlichen und materiellen Ei-genanteil der Wismarer an diesem Bauwerk anzugeben. Das 1701 fertigge-stellte Zeughaus kann man es als Meisterwerk schwedischer Militärbaukunst ansehen. Genutzt hat es das in Wismar stationierte schwedische Militär als Waffenarsenal. Nach dem Nordischen Krieg sollte es als Teil der Festung ab-gerissen werden, doch Wismarer Bürger erwarben es 1718 und nutzten es als Speicher. 1754 kaufte die Stadt Wismar das Zeughaus. Das Zeughaus ist ne-ben dem Packhaus am Lindengarten, der zweite erhaltene Militärbau der Schweden in Wismar und diese Bestimmung charakterisierte auch den Stil: Großzügig, wehrhaft und nüchtern. Bewundernd aber die hervorragende Zimmermannsarbeit und die Statik dieses Hauses, das auch dazu beitrug, dass es jederzeit den richtigen Nutzer fand
Nach Abzug der Schweden 1803 ging das Zeughaus, der Name blieb bis heu-te erhalten, in das Eigentum der Stadt über, die es als Kornspeicher vermie-tete. 1848 wurde hier ein Wollmagazin mit jährlich stattfindenden Märkten und Auktionen zusätzlich eingerichtet und die seitwärts noch von den Schweden angebauter Rampe erlaubte es, Pferdegespanne bis in den obers-ten Stock zu fahren. Ab 1904 ist es wieder als Lagerraum für verschiedene Wismarer Kaufleute verbürgt, ehe sich 30. Juli 1935 die 1908 gegründete Wismarer Ingenieur-Akademie einmietete, die es schließlich als Ingenieur-Hochschule bis 1992 für verschiedene Einrichtungen nutzte.
Die Hansestadt Wismar hat dann ab 1992 wieder die Hausherrenrechte in Anspruch genommen. Eine umfassende Sanierung und Entkernung aller bauverfälschenden Einrichtungen zwischen 1993 und 2000 unter Wahrung der Sichtbarmachung die hervorragende barocke Militärarchitektur erbrachte eine Neunutzung als Stadtbibliothek, Medienzentrum und Versammlungs-stätte für gesellschaftliche und kulturelle Zwecke. Am 2. Oktober 2000 fand die Eröffnung der Stadtbibliothek im Wismarer Zeughaus nach einem Um-bau zwischen 1993 und 2000 und einem Investitionsbedarf von 14 Mio. DM statt.
Das über den ehemaligen Hauptzugang befindliche Wappen mit dem Na-menszug des schwedischen Königs Karl XII., ist mit finanzieller Unterstüt-zung des schwedischen Königshauses rekonstruiert und saniert worden. Schwedens König Karl XVI. Gustav und Königin Sylvia besuchten Wismar am 29. April 1993.
Die Wappen am Frontispiz über den Mittelrisaliten an der Straßenfassade sind vom Mecklenburger Tor, das am 23. Mai 1869 abgerissen wurde, hier angebracht.

Detlef Schmidt

 

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