Kalenderblatt zum 28. März

Wismarer Schützenjubiläum 

Am 28. März 1990 gründete sich der Wismarer Schützenverein Hanse e.V. mit 14 Mitgliedern. Der Wismarer Verein trat damit in eine jahrhundertealte Tradition ein, die schon von den Nationalsozialisten unterbrochen wurde und zu DDR-Zeiten als Überbleibsel einer bürgerlich-dekadenten Zeit und des Militarismus verboten wurde. In Wirklichkeit waren den Machthabern Vereine äußerst suspekt, da sie schwer überprüfbar waren. Dafür wurden Organisationen wie etwa die GST gegründet, in denen man derart militärische Übungen veranstaltet, gegen die ein Schützenverein wie ein Kaffeekränzchen vorkam. Heute gibt es im wiedervereinigten Deutschland 14.986 Schützenvereine. Älteste urkundliche Erwähnungen von Schützengilden stammen aus dem Jahr 1139. Für Wismar kann man als ersten Nachweis für die Schützen, die Abbildung ein

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es Vogels im ältesten Stadtwappen auf dem Bugsprit eines Schiffes erkennen. Wahrscheinlich ein Papagei, ist er auch der Namensgeber der „Papagoyengesellschaft“, die mit den Gesellschaften der Brauer und Kaufleute im „Neuen Haus“ hinter dem Rathaus ihren Sitz hatten. Daraus entwickelte sich später die „Kaufmanns- und Papagoyengesellschaft“, wie sie noch 1784 genannt wird. Wie notwendig eine Schützengesellschaft ist, zeigt folgende Episode von 1511. Dort erschienen plötzlich mitten im schönsten Pfingstmarkttrubel   die   Dänen, mit 20 Schiffen vor dem Hafen. Der Türmer von St. Marien merkte dies, aber Bürgermeister Heinrich Malchow, selbst nicht mehr ganz nüchtern, schlug dies als „betrunkene Hirngespinste“ ab und verbot Alarm zu schlagen. Doch die Bürger „sprangen auf wie ein verschreckter Haufen Schweine”. Schnell erholten sich die Wismarer vom ersten Schrecken und wehrten die Angriffe erfolgreich ab.

Zur „Wehrertüchtigung“ wurde einmal im Jahr zu Pfingsten das Vogelschießen vor dem Lübschen Tor veranstaltet. Maßgebliche Beteiligte waren die Mitglieder der Papagoyengesellschaft. Dazu wurde der Maigraf gewählt, den der Schützenkönig zu bewirten hatte. Der neue Schützenkönig wurde dann später im „Neuen Haus“ gebührend gefeiert. Der Maigraf führte das einfache Volk vor das Altwismartor in den Rosengarten, dem heutigen Lindengarten, wo es ebenfalls feierte und tanzte. Während in vielen Städten der Dreißigjährige Krieg diese Traditionen zerstörte, blieb diese in Wismar erhalten und lebte 1682 mit dem Scheibenschießen wieder auf. Neben der Papagoyengesellschaft gab es schon vor 1527 die Schützengesellschaft der Krämer, die 1682 als St. Annenbruderschaft vom schwedischen König eine Prämie von 100 Talern erhielt. Ihre Schießübungen machten sie auf dem Lehmberg an der Straße nach Dargetzow. Der Lehmberg erhielt auch zeitweise den Namen „Vogelstangenberg“. Der Schützenkönig hatte die Pflicht, bis spätestens eine Woche nach Pfingsten ein Essen zu geben und eine Tonne Bier zu spendieren, was mit 100 Talern wohl keine Schwierigkeit bereiten sollte. Außerdem war er ein ganzes Jahr von der Steuer befreit. Nach dem verheerenden Nordischen Krieg und der Schleifung der Festung Wismar 1720 wurden alle Aktivitäten eingestellt und erst 1746 begann man mit dem Scheibenschießen vor dem Mecklenburger Tor auf der Schützenkoppel, wofür sie eine jährliche Pacht von 30 Talern zu entrichten hatten. Die St. Annenbruderschaft begann erst 1819 in Bernittenhof mit dem Vogelschuss. Im November 1823 kam es zu einer Vereinigung der Wismarer Schützen, dass sie mit einem Festessen am 27. Juli 1824 im noch nicht ganz fertig gestellten Schützenhaus an der Schweriner Chaussee feierten. Die nunmehr 87 Schützen begingen am 29. Juli 1824 den ersten gemeinsamen feierlichen Königsschuss und im November 1824 begann der gastronomische Betrieb. Das Schützenhaus wurde von den Wismarern sehr gerne als Ausflugslokal aber auch für gesellschaftliche Anlässe wie Bälle aber auch politische Veranstaltungen angenommen. So waren die Unruhen von 1830 und 1848 hier spürbar und 1932 redete hier Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. 1865 wurde die „Tivolihalle“, heute besser bekannt als das darin vorhandene Kino, angebaut.  Nach 1945 gab es eine deutliche Zäsur in der Geschichte des Schützenhauses. Hier fand am 5.Februar 1946 eine Versammlung der Wismarer SPD mit Annedore Leber, der Frau des ermordeten Lübecker SPD-Reichstagsabgeordneten Dr. Julius Leber, statt. Spontan wurde an dem Abend entschieden, dass ab sofort die Lindenstraße in Dr.-Leber-Straße umbenannt wird. Mit einem großen Aufgebot von 1.000 Teilnehmern fand am 2. April 1946 der Wismarer „Vereinigungsparteitag“ von SPD und KPD im immer noch so genannten Schützenhaus statt. Der Schützenweg wurde am 19. August 1949 in Ernst-Thälmann-Straße umbenannt, eine Bezeichnung, die ab 1954 für die gesamte Schweriner Straße angewendet wurde. In das seit 1992 leerstehende Schützenhaus zog am 1. April 2014 die Kindertagesstätte „Hanseatenhaus“ ein.

Wismars Schützenverein hat sich in den letzten 27 Jahren ein bleibendes Bild in der Stadt erarbeitet. Kaum ein Ereignis, wo die schmuck gekleideten Schützen nicht auftreten. Ein Fest ohne die Schützen wäre undenkbar. Aktuell hat der Wismarer Schützenverein 80 Mitglieder. In ihrem Schützenhaus an der Poeler Straße wird neben Übungen auch das Brauchtum und das kulturelle Erbe Wismarer Schützen gepflegt, das unserer Stadt gut ansteht. 1998 gründeten sie die „Militärhistorischen Einheiten“, die als mecklenburgische Musketiere und schwedische Grenadiere ein farbenfroher Botschafter unserer Hansestadt Wismar sind.

 Was sonst noch geschah

27. März 1844 Der Dichter der deutschen Nationalhymne, Hoffmann von Fallersleben, ist Gast im Wismarer Hotel Stadt Hamburg. Ihm zu Ehren wird ein Essen gegeben.

27. März 1949 Eröffnung des Theaters an der Parkstraße.

27. März 1967 Sanitätsrat Dr. Ludwig Böckel, geb. 1. März 1867, gestorben. Er war der älteste praktizierende Arzt Deutschlands und hatte in der Lübschen Straße 48 von 1897 bis 1967 seine Praxis.

29. März 1906 Benennung der Podeusstraße nach Heinrich Podeus d. Ä.. Zu DDR Zeiten wurde sie in „Werkstraße“ umbenannt und seit dem 1. Juli 2000 wieder in Podeusstraße.

30. März 1936 Stadtchronist Dr. Friedrich Techen in Wandsbek gestorben.

30. März 1933 Judenboykotte in Wismar.

 Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

 

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