Kalenderblatt zum 28. September

Die Wismarer schufen sich ihren ersten eigenen Park

Am 28. September 1815 veröffentlichte die Wismarsche Zeitung in einer Extrabeilage einen Aufruf von Stadtsekretär Johann Walter: „Es ist leider nur zu wahr, daß unser Wismar an öf-fentlichen Spaziergängen ärmer ist, als manch viel kleinere Stadt in unserer Nähe. Mit Gewiß-heit glaube ich also auch annehmen zu können, daß es dem hiesigen Publiko nach Wunsche seyn würde, wenn man, nach so vielen Jahren der Entbehrung in diesem Stücke, auch endlich einmal hier eine Anlage zu einem öffentlichen Spaziergange machte, und ich bin daher so frei, mich als den Unternehmer einer solchen Anlage meinen geliebten Mitbürgern anzubieten, wenn sie nur die Güte haben wollten, ihre Kräfte mit den meinigen für die Sache zu vereini-gen.“ Er bat um Unterstützung und Kostenbeteiligung an einer „Park- und Flanieranlage“ vor dem Altwismartor. Die Wismarer Garten- und Landbesitzer sollten doch „entbehrliches, nied-riges Gebüsch und blühende Gewächse“ für den Ausbau dieses Spazierganges zu spenden. Der Aufruf hatte einen großen Erfolg und die materiellen Spenden waren zahlreich. Innerhalb von 14 Tagen sammelten Wismars Bürger über 1.200 Taler, um die Anlage fertig zu stellen und man konnte 12. Oktober 1815 mit den gärtnerischen Arbeiten beginnen. Man sah vor, „den großen wüsten Schuttplatz und Acker mit einer Parthie Linden“ bis zur „Rolandsbrücke“ am Wasserturm zu bepflanzen. Die Transportarbeiten wurden durch die ortsansässigen Pächter und Bauern maßgeblich unterstützt und sogar der mecklenburgische Herzog unterstützte das Vorhaben aus dem damals noch fernen Schwerin. Das Holz für die Umzäunung und die auf-zustellenden Bänke kamen aus seinem Forst. Die Arbeiten gingen sehr schnell voran und am 27. November 1815 stellte Stadtsekretär Johann Walter eine Aufstellung aller Leistungen zu-sammen und man kam auch eine Summe von 1.374 Taler und acht Schillingen. Eine äußerst beachtliche Summe, denn das kleine Wismar hatte zu der Zeit noch andere arge Sorgen. Schwedische und französische Besatzungen hatten in den letzten Jahrzehnten das „Stadtsä-ckel“ arg geplündert, das alte Rathaus stürzte 1807 ein und stand auf dem Marktplatz als Rui-ne. Es konnte erst 1819 wiederaufgebaut werden. Viele Häuser und Plätze gaben in der Stadt ein erbärmliches Bild. Das belegen schon die Berichte einiger zeitgenössischer Reisenden, wie 1796 Wilhelm von Humboldt. Sein Bericht war einfach niederschmetternd: „Die Stadt ist sehr schlecht gebaut, das Pflaster entsetzlich, die Unreinlichkeit auf den Straßen sehr groß und die Menschen zu zählen. Kurz, alles trägt das Ansehen der Armuth und Volksleere. Es muß über-aus traurig sein, dort zu wohnen…….“,und die Wismarer kümmern sich um die Anlage eines Parks? Ob die Wismarer das heute auch so hinbekommen würden? Im Verlauf der nahezu 800jährigen Stadtgeschichte stellten sie dies mehrfach unter Beweis. Nun wurden wieder die Kräfte gebündelt und der Anfang eines Parks sollte eben bei dem „wüsten“ Platz vor dem Altwismartor gemacht werden. Hier befand sich seit Errichtung der Festung Wismar, das Festungswerk „Vespasian“. Der durch den Lindengarten verlaufene Mühlenbach zeigt noch heute die Grenzen des Festungswerkes „Vespasian“ nach. Nachdem die Schweden im Großen Nordischen Krieg eine herbe Niederlage erlitten, forderten die alliierten Sieger eine vollständige Schleifung aller Festungsanlagen um die Stadt, die ab 1717 erfolgte. Zurück blieben Wasser-läufe und Sumpfflächen, die dann auch noch als Schuttabladeplatz benutzt wurden.
Das von Stadtsekretär Walter vorgesehene Areal vor dem Altwismar Tor schien bestens für eine Grünanlage geeignet. Er hatte sich diesbezüglich schon an den Wismarer Rat um Unter-stützung gewandt, die er auch bekam. Am 3. Oktober 1815 wurden die Verträge mit den Ei-gentümern der vorhandenen Fläche abgeschlossen. Die Stadt Wismar stellt den Schuttplatz unentgeltlich zur Verfügung und der Acker gehörte zum herzoglichen Dominium und wurde vom Kaufmann Carl Schmidt an gepachtet. Mit dem Fischers Wurlich wurde ein Grund-stückstausch vorgenommen und er erhielt zudem noch 500 Taler Abfindung. Somit war der Weg frei zum Errichten eines „Spazier- und Flanierweges“.
Der Spendenerfolg war so überwältigend, dass man am 12. Oktober 1815 mit den gärtneri-schen Arbeiten beginnen konnte. Man sah vor, „den großen wüsten Schuttplatz und Acker mit einer Parthie Linden“ bis zur „Rolandsbrücke“ am Wasserturm zu bepflanzen. Die Rolands-brücke gibt es heute noch im Bereich des alten Wasserturmes und hat ihren Namen nach dem Wismarer Bäcker Roland, der sich dort 1765 das Leben nahm. Die Transportarbeiten wurden durch die ortsansässigen Pächter und Bauern maßgeblich unterstützt und sogar der mecklen-burgische Herzog unterstützte d

as Vorhaben aus dem damals noch fernen Schwerin. Das Holz für die Umzäunung und die aufzustellenden Bänke kamen aus seinem Forst.
Die Arbeiten gingen sehr schnell voran und am 27. November 1815 stellte Stadtsekretär Jo-hann Walter eine Aufstellung aller Leistungen zusammen und an freiwilligen Leistungen kam die beachtliche Summe von 1.374 Taler und acht Schillingen zusammen. Eine äußerst beachtliche Summe. Viele Wismarer leisteten damals uneigennützige Hilfe beim Anlegen des Parks,
Dieser Plan ist weitestgehend bis Ende des Jahres 1815 durch den Lübecker Kunstgärtner Trapp umgesetzt worden. Ihm wurde nach Ende seiner Arbeiten vom Wismarer Rat und vom Lindengarten-Konsortium großes Lob ausgesprochen, dass er „seine Aufgabe, aus einem wüs-ten Schutthaufen auf beschränktem Raum eine Parkanlage zu schaffen, mit ausgezeichnetem Geschick gelöst habe.“ Am 27. November 1815 wurde erstmals der Name „Lindengarten“ vorgeschlagen, den die älteste Wismarer Parkanlage auch am 5. Dezember 1815 erhielt.

Was sonst noch geschah
28. September 1901 Ein Brand zerstörte in der ABC-Straße das Haus „Zur Hansa“, das erste Gewerkschaftshaus Wismars. Das heutige Haus wurde am 5. Oktober 1902 eingeweiht.
29. September 1541 Michaelistag. Gründung der Großen Stadtschule im Grauen Kloster Hei-lig Kreuz der Franziskaner. Seit 1948 heißt die Schule „Geschwister-Scholl Oberschule“ und erhält 1991 den Namen „Große Stadtschule – Geschwister Scholl Gymnasium“.
29. September 1945 Eröffnung der Spielzeit 1945/46 im Theater mit Ralf Benatzkys „Meine Schwester und ich“ in der Regie von Wolfgang Struck.
29. September 1956 Übergabe der Werft-Poliklinik an der Koggenoor an Dr. Walter Heller als ärztlichem Direktor.
30. September 1903 Uhrmachermeister Julius Brunnckow mit 76 Jahren gestorben. Mitglied des Bürgerausschusses seit 1871, und deren stellvertretender Vorsitzender von 1887-1901. Vorsitzender des Wismarer Gewerbevereins. Namensgeber des „Brunnckowkai“ am Hafen.

Detlef Schmidt

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