Kalenderblatt zum 28. September

Der Lindengarten – Die grüne Lunge Wismars

  Am 28. September 1815 ruft Wismars Stadtsekretär Johann Christoph Walter in einer Extra Beilage der Wismarer Zeitung zu einer Geld- und Sachspende zum Aufbau eines Parks vor dem Altwismartor auf. Wismars Umgebung sah zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht gerade einladend aus. Das belegen schon die Berichte einiger zeitgenössischer Reisenden, wie 1796 Wilhelm von Humboldt. Sein Bericht war einfach niederschmetternd: „Die Stadt ist sehr schlecht gebaut, das Pflaster entsetzlich, die Unreinlichkeit auf den Straßen sehr groß und die Menschen zu zählen. Kurz, alles trägt das Ansehen der Armuth und Volksleere. Es muß überaus traurig sein, dort zu wohnen…….“. Nicht anders waren ähnliche Reisebeschreibungen anderer Besucher aus dieser Zeit. Nach der Wiederangliederung Wismars an Mecklenburg 1803 und dem Ende der Befreiungskriege 1813, besannen sich die Bürger auf die Verschönerung ihrer Umgebung. Vor der Stadtmauer sah es ziemlich wüst aus. Viele Wasserlöcher, Gräben und noch mehr Schutt waren vorhanden. Dies sollte sich mit einer Anlage eines um die Stadt herumführenden Weges ändern. Zuerst begann man mit dem Bereich vor dem Altwismartor bis zum Poeler Tor. In der Wismarschen Zeitung vom 28. September 1815 erließ nun der Wismarer Rat dann die „Einladung zu einer Subskription zu den Kosten der Anlegung eines öffentlichen Spazierganges vor dem Altwismarthore“.

Es wurden die Gartenbesitzer aufgefordert, „entbehrliches, niedriges Gebüsch und blühende Gewächse“ für den Ausbau dieses Spazierganges zu spenden. Der Aufruf hatte einen großen Erfolg. In kurzer Zeit kamen 1.200 Taler zusammen. Man sah vor, „den großen wüsten Schuttplatz und Acker mit einer Parthie Linden“ bis zur „Rolandsbrücke“ am Wasserturm zu bepflanzen. Die Rolandsbrücke gibt es heute noch im Bereich des alten Wasserturmes und hat ihren Namen nach dem Wismarer Bäcker Roland, der sich dort 1765 das Leben nahm. Etwas abseits von der Rolandsbrücke steht ein Stück Mauer unter der der Bachlauf zur Grube fließt. Genau an dieser Stelle befand sich die alte Stadtmauer und Wismarer Enthusiasten, die es zu jeder Zeit gab, haben hier mit dem  „gewaltsamen Reimspruch“: „Der Umgebung zur Zier, Abbruch der Mauer hier, November 1872 im Jahr, als die große Sturmflut war“ eine bleibende Erinnerung an den genauen Verlauf der alten Stadtmauer geschaffen. Der Rat erteilte am 12. November 1872 den Abbruch der Stadtmauer an dieser Stelle. Geblieben an dieser Stelle ist der „alte Wasserturm“, der 1682 von einem Wehrturm zum Wasserturm umfunktioniert wurde. Mittels eines Göpelwerkes wurde Süßwasser aus dem Mühlengraben geschöpft und in den Turm gepumpt und von da aus verteilt. 1715 vereinigte man die Leitungen der Wasserkunst auf dem Markt mit dem Wasserturm und hatte so zu jeder Gelegenheit das kostbare Wasser. Bei einer Belagerung der Stadt war die Versorgung aus den Metelsdorfer Quellen wegen der vor den Stadttoren gelegenen Wasserleitungen gefährdet.

Durch die neu angepflanzten Linden hatte der neue Platz rasch den Namen „Lindengarten“ erhalten, wie er dann auch in einer amtlichen Bekanntmachung vom 5. Dezember 1815 genannt wird.

Diese Anlage hat sich schon damals großer Beliebtheit erfreut. Man hat sogar 1819 eine neue Verordnung zum „Grüßen untereinander“ vorgestellt  und Stadtkommandant Oberst von Bülow ließ nachts die städtischen Wachen zum Schutz der Bäume und Pflanzen patrouillierten. Damit „auch der einfache Mann sein Vergnügen habe“, so heißt es in einer zeitgenössischen Zeitung, wurde eine Kaffeeküche eingerichtet „in der Familien Kaffee kochen können, vorausgesetzt, dass sie sich die „nöthigen Ingredienzien nebst Kaffeetöpken und dazu die Feuerung“ mitbrachten. Diese Kaffeeküche befand sich ungefähr an der Stelle des 1897 erbauten Hauses Bauhofstraße 7.

Den Lindengarten zeichnet sich heute noch durch einen alten und sehr wertvollen Baumbestand aus, der teilweise unter Naturschutzsteht. Darunter eine Eiche, die zur Erinnerung an die Völkerschlacht  bei Leipzig 1913 gepflanzt wurde, und woran eine Tafel bis vor über zwanzig Jahren erinnerte und seitdem nicht mehr aufgestellt  wurde. Ebenfalls im Lindengarten stand das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, das in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts willkürlich abgerissen wurde, und die Büste von Fritz Reuter. Diese war 1897 ein Geschenk von Auguste Hinstorff, der Witwe des Reuter-Verlegers Carl Dethloff Hinstorff, an die Stadt Wismar. Die Büste hatte im Lindengarten zwei Standorte und erhielt im August 1988 wohl seinen letzten Standort vor der Fritz-Reuter-Schule in der Dahlmannstraße. Zu Beginn der 70iger Jahre des letzten Jahrhunderts befand sich im Lindengarten ein Gehege mit Rehwild, woraus sich der später gegründete Wismarer Heimattierpark entwickelte. Eine vor zwei Jahren gegründete Bürgerinitiative will sich zum Erhalt des historischen Stadtparkes einsetzen, dessen 200-jähriges Jubiläum im Dezember 2015 ein guter Anlass sein wird, den Lindengarten besucherfreundlich zu gestalten.

Was sonst noch geschah

  1. September 1901 Ein Brand zerstörte in der ABC-Straße das Haus „Zur Hansa“. Das heutige Haus wurde am 5. Oktober 1902 eingeweiht.
  2. 29. September 1956 Übergabe der Werft-Poliklinik an der Koggenoor an Dr. Walter Heller als ärztlichem Direktor.
  3. September 1698 Weihe eines Soldatenfriedhofs vor dem Altwismartor.
  1. Oktober 1822 Ferdinand Gustav Michaelis übernahm den Weinberg nach mehrmaligem Besitzerwechsel.
  2. Oktober 1939 Eingliederung der Gemeinden Redentin, Hof, Redentin, Hinter Wendorf, Mittel Wendorf, Vor Wendorf und ZierowundRohlstorfer Forst aus dem Landkreis Wismar in die Seestadt Wismar und den Stadtkreis Wismar.
  3. Oktober 1953 Einweihung der Kabelkrananlage auf der MTW (Mathias-Thesen-Werft).
  4. Oktober 1994 Eröffnung des Wismarer Kino „CineStar“ (seit 1952 Volksfilmtheater).
  5. Oktober 1842 Eröffnung des Theaters in der Mecklenburger Straße.
  6. Oktober 2000 Eröffnung der Stadtbibliothek im Wismarer Zeughaus
  7. Oktober 2005 Eröffnung der Wismarer Freimaurerloge „Zur Vaterlandsliebe“ im Haus Lübsche Straße 50.
  8. Oktober 1993 Einweihung der 350 Meter langen neuen Seebrücke in Wendorf. 3. Oktober 1961 Abschluss des Vertrages über die Auflösung der „Geistlichen Hebungen“.
  9. Oktober 2004 Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Gottfried Kiesow wegen seiner Verdienste um den Wiederaufbau der Wismarer St. Georgenkirche und seinen Einsatz im Denkmalschutz generell.
  10. Oktober 1867 Der Wismarer Rat beschließt einstimmig, dass Juden den ungehinderten Zugang und Zuzug zur Stadt haben. Damit hört ein Verbot von 1350 auf, der den Wismarern bei strenger Geldstrafe verbat, Juden aufzunehmen. Die Juden durften nur zu den Jahrmärkten in die Stadt. 1754 wurde dies seinerzeit vom königlichen Tribunal bestätigt.

Detlef Schmidt

 

 

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