Kalenderblatt zum 29. April

Über 100 Jahre wurde hier Gas produziert

Am 29. April 1968 wird das Wismarer Gaswerk nach fast 111 Jahren stillgelegt und die Wis-marer Verbraucher werden an die zentrale Ferngasversorgung angeschlossen. 1856 wurde mit dem Bau eines Gaswerke an der Schweriner Chaussee begonnen und am 3. Mai 1857 begann das neue Gaswerk Steinkohlegas zu produzieren. Die ersten Gaslaternen sind dann am 1. Sep-tember 1857 in Wismar angezündet, die die spärlichen Petroleumfunzeln ablösten. Mit 320 zugelassenen Gaslaternen gehört Wismar zu den ersten kleineren Städten in Deutschland, die eine zentrale Straßenbeleuchtung einführen.
Die Wismarer Gasanstalt wurde von Heinrich Weißflog und dem Ingenieur Ernst Christiani errichtet. Das privat geführte Unternehmen ist von Gustav Gaiser zuerst als Teilhaber, dann als alleiniger Inhaber geleitet worden. Ein Vertrag mit der Stadt Wismar sicherte die Gasversor-gung und die entwickelte sich enorm. Von 1856 bis 1897 war eine Steigerung um das Zwölf-fache der Produktion von 1857 mit 37tausend Kubikmetern zu verzeichnen. Der Vertrag, den Gaiser mit der Stadt sah aber auch ein Vorkaufsrecht der Stadt nach 30 Jahren vor, den die Stadt jedoch nicht wahrnahm. Einen Verkauf des Gaswerkes an das Unternehmen Dorn & Co stimmte die Stadt zu, doch als diese das Wismarer Gaswerk an die schweizerische Gasgesell-schaft in Schaffhausen verkaufen wollte, machte die Stadt 1897 von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch und erwarb das Gaswerk vor dem Mecklenburger Tor. Um diese Zeit hatte Wismar 18.000 Einwohner mit 324 Gasverbrauchsstellen. Mehrere Erweiterungen auf dem Betriebsge-lände waren notwendig geworden, um dem steigenden Bedarf an Steinkohlegas zu befriedi-gen. 1892 wurde ein zweiter Gasspeicher in Betrieb genommen. Nach der Übernahme des Werkes durch die Stadt sind weitere Neuerungen durchgeführt, besonders das Leitungssys-tem erweitert und vergrößert worden. Betrug die Leistung 1897 490tausend Kubikmeter, so war 1902 mit 1,2 Mio Kubikmeter das Ergebnis mehr als verdoppelt. Die Leitung hatte der in Wismar hochgeschätzte Max Lindekugel, der auch 1904 das erste städtische Elektrizitätswerk auf dem Gelände der Gasanstalt errichtete und somit den Grundstein für die Wismarer Stadtwerke legte. Am 19.April 1904 wurde durch den Wismarer Rat die Genehmigung zu einem kommunalen Elektrizitätswerk erteilt, mit der Kabellegung ist noch im Juli des gleichen Jahres begonnen worden und am 15. Oktober 1904 konnte das Kabelnetz in Wismar unter Spannung gesetzt werden. 1906 ist das „Städtische Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk Wis-mar“ gegründet worden. Doch es dauerte noch einige Zeit, ehe die Elektrizität in Wismar überall Einzug hielt. Zwar boomte Wismar in den sogenannten „Gründerjahren“ nach 1871 mit einer Reihe von Industrieanlagen, wie Eisengießerei, Hobelwerke, Zuckerfabrik, Schlachthof, Hafen usw., doch man verließ sich in der Energieanwendung ausschließlich auf Gas und die dadurch erzeugte Dampfkraft, die letztendlich Dampfturbinen antrieben und ihre Kraft auf die Maschinen abgaben. Trotz der Überlegenheit der Elektrizität, hielt man an Gaslaternen und Petroleumlampen fest, denn als man im Winter 1906 die Hafenbeleuchtung immer noch mangelhaft befand, sollten zehn neue Lichtquellen Abhilfe schaffen. Dies genehmigte der Rat und – es wurden drei neue Gaslaternen und sieben Petroleumlampen aufgestellt. Auf den Straßen, in den Büros und auch in kleinen Werkstätten brannten nach wie vor Gaslaternen, die für Wismar noch bis in die späten fünfziger Jahre nachweisbar waren, als der „Laternenmann“ mit seinem langen Stock abends durch die Straßen ging und die Lampen anzündete.
In den letzten Jahren des 2. Weltkrieges machte sich auch hier durch zeitweise Störungen im Elektro- und Gasbereich die Mangelwirtschaft bemerkbar. Nach dem Krieg wurde es noch prekärer, doch es fehlte an Kohle. Am 21. Dezember 1945 erhalten die Wismarer Stadtwerke erstmals 800 Tonnen Kohle zugeteilt und beginnen sofort mit dem Hochfahren der Öfen. Die erste Gaslieferung erfolgte dann im Januar1946. 1950 müssen die kommunalen Wismarer Stadtwerke ihre Anlagen in den VEB Energie Nord einbringen und hören somit auf zu existie-ren. Schließlich wird am 29. April 1968 das Gaswerk stillgelegt und die Versorgung Wismars erfolgt ausschließlich über eine Ferngasleitung. 1993 erfolgt die herbeigesehnte Umstellung vom geruchsstarken und giftigen Leuchtgas auf Erdgas und 1994 schlägt die Stunde der Stadtwerke, die die Gasversorgung nach 40 Jahren wieder übernehmen. Sie sind es auch, die 1998 die erste Erdgastankstelle einrichten, nachdem sie 1995 den ersten erdgasbetriebenen PKW in Mecklenburg-Vorpommern präsentierten.
Jahrzehntelang verfiel das Gelände an der alten Gasanstalt, ehe im Juli und August 2014 Bag-ger anrückten und nicht mehr benötigte Gebäude der alten Gasanstalt und des Elektrizitäts-werkes abrissen, um einer Neubebauung Platz zu machen.

Was sonst noch geschah
29. April 1991 Beginn der Abrissarbeiten an der am 1.10.1953 errichteten Kabel-Kran-Anlage auf der Werft.
29. April 1950 Grundsteinlegung für die ersten Wohnhäuser in Vor-Wendorf. Baubeginn.
29. April 1993 Besuch des schwedischen Königspaares, Karl Gustav und Sylvia von Schwe-den, in Wismar.
1. Mai 1920 Der 1. Mai wird erstmals in Mecklenburg als regulärer Feiertag begangen. Nach der Machtergreifung der Nazis wird der Feiertag am 1. Mai 1933 zum „Tag der nationalen Arbeit“ umbenannt.
1. Mai/2.5.1945 Nachts erschossen sich in der „neuen Kreisleitung“ am Exerzierplatz am Vo-gelsang nach einem Trinkgelage die NSDAP Kreisleiter von Rostock, Otto Dettmann und Wismar, Paul Ohl. Ebenso nahm sich die Sekretärin, Gisela von Sobbe das Leben. Alle drei wurden am 2. Mai 1945 auf dem Soldatenfriedhof beigesetzt.
1.Mai 1949 Grundsteinlegung für das Wohngebiet Flöter Weg.
1.Mai 1956 Übergabe Hochhaus am Platz des Friedens in Wendorf.
1. Mai 1961 DDR-Urlauberschiff „Fritz Heckert“ geht auf Jungfernfahrt. Das Schiff wurde am 28. November 1959 auf der MTW auf Kiel gelegt und am 25. Juni 1960 hatte das Schiff Stapellauf. Es sollte ein „Urlauberschiff für die Werktätigen“ sein, finanziert von Spenden und Freiwilligenarbeit als Zeichen des „siegreichen Sozialismus“.
2. Mai 1945 Besetzung durch kanadische und britische Truppen.
3./4. Mai 1945 Erschießung des Geschäftsführers vom Schuhhauses Bolte in der Krämerstra-ße, Karl Prasse. Sein Leichnam wird zwei Tage zur Abschreckung, sich nicht gegen die An-weisungen der Alliierten zu stellen, auf dem Marktplatz vor dem Haus Nr. 16 abgelegt. In der gleichen Nacht brennen die Häuser Krämerstraße 10 und 12 (Kaufhaus Otto) aus nie geklärten Gründen ab.
4. Mai 1957 Übergabe des ehemaligen Fründts Hotel als MTW Klubhaus mit Restaurant die MTW Werft.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sechzehn + 6 =