Kalenderblatt zum 29. Dezember

Mein Freund, der „alte Schwede“

Am 29. Dezember 1878 eröffnete der Wismarer Posamentierer Wilhelm Främcke in seinem Haus Am Markt 20 eine neue Gastwirtschaft und nannte es „Zum Alten Schweden“.

Främcke übte bis zur Eröffnung seiner Gastwirtschaft in diesen Räumen sein Handwerk und Handel aus. Als Posamentierer stellte er verschiedene Borten, Bänder, Gardinenquasten aber auch Schärpen her. Dazu war ein Posamentierer gleichzeitig auch ein Knopfmacher und konnte Gürtel herstellen. Daneben betrieb Wilhelm Främcke einen Handel mit Näh- und Strickseide und sonstigen Kurzwaren.

Das Haus, dessen Bauzeit heute um 1380 geschätzt wird, gehört mit zu den ältesten der Stadt, mit Sicherheit aber zu den letzten erhaltenen profanen gotischen Giebelhäusern. Auffallend ist, dass das Haus zwei Hausnummern hat, die 20 und 21. Seit 1670 ist das Grundstück geteilt und so wohnte 1878 in der rechten Seite, der Nummer 20, der Posamentierer Främcke und in der linken Seite, der Nummer 21, der Barbier Heinrich Wiechmann. Nur mit wechselnden Eigentümern hat sich daran bis 1979 nichts geändert. Rechts davorstehend war eine HO-Gaststätte und auf der linken Seite Friseur Peters.

Wilhelm Främcke hatte sich bei der Namensgebung schon etwas gedacht. Wie überliefert ist, soll er einen  Schiffer als guten Freund und auch Geschäftspartner gehabt haben, der ihn auch mit den nötigen Waren für seinen Laden belieferte und der von Främcke immer „alter Schwede“ genannt wurde. Der verunglückte tödlich und, um diesen zu ehren, nannte Främcke sein neues Lokal „Zum alten Schweden“. Es sollte gemütlich sein versprach Främcke in seiner Eröffnungsanzeigen vom 22. Dezember 1878 im Mecklenburgischen Tageblatt: „Besonders bemerke ich noch, dass die ganze Einrichtung, Meublement etc. dem Stil des 15. Jahrhunderts angepasst ist.“.

Das muss wohl ganz nach dem Geschmack der Wismarer gewesen sein, denn rasch hat sich die Gaststätte am Markt zu einer guten und gemütlichen Adresse entwickelt. Wismars kleine Geschäftswelt feierte gerne hier oder man saß am großen Stammtisch und sinnierte über den „Rest der Welt“. Viele seiner Gäste brachten zur Verzierung des „Alten Schwedens“ Andenken aus vielen Ländern der Erde mit. Bei Wismar als Hafenstadt kein Wunder. So füllte sich rasch der Gastraum mit allerlei Sammelsurium, was wiederum zu Gesprächsstoff bei den Gästen sorgte. Das blieb auch so als Wilhelm Främcke 1894 starb und Heinrich Kollmorgen den „Alten Schweden“ übernahm.

Treffend beschreibt der Wendorfer Dorfschulze und plattdeutsche Dichter Karl Gildemeister die Atmosphäre: „Ein lütt’ Stuw mit wenig Saken. Up ein Bänk ein Achtel Bier. Up ein Wandburt an twei Haken, Buddels, Gläs´ un Waschgeschirr“. Dass es nun dabei nicht blieb, dafür sorgten eben die Gäste im „Alten Schweden“. Da hingen alte Urkunden, Karten, Geschirr, Schiffsmodelle und alte Grafiken und Stiche aus Wismar. Über den Tresen ein großes Wismarer Bild mit einer Ansicht der alten Hansestadt. Auch getrocknete Schildkröten  und mittelalterliche Waffen gab es zu bestaunen. Über der Eingangstür befindet sich seit 1903, als die Wismarer die endgültige Loslösung von Schweden als ein großes Fest feierten, ein kleiner Schwedenkopf. Daneben befindet sich ein eiserner Ausleger mit einem Reiter, der eine schwedische Fahne mit den drei Kronen hält. Eventuell rührt daher die Annahme, dass der Gastwirtschaftsname zur Erinnerung an die Schweden sein sollte, was eben falsch war.

100 Jahre bis 1979, als schon längst die sozialistische Handelsorganisation (HO) die Gaststätte betrieb, war das nahezu unübersichtliche, doch anheimelnde Inventar im Gastraum unangetastet. Durch einen Zufall, der Biertresen neigte sich etwas, bemerkte man, dass die Balkenlagen verfault waren und sofort wurde das Haus geschlossen. Es dauerte nun etwas mehr als zehn Jahre, als Ende 1989 der „Alte Schwede“ wieder seine gastlichen Türen aufmachte. Es war nun ein Haus mit immer noch zwei Hausnummern, doch die Erdgeschoßfenster passte man historischen Nachbildungen an und im Erdgeschoss waren alle Einbauten beseitigt. Der Gastraum hat wieder ein hallenartiges Aussehen, als hier der hansische Kaufmann seine Waren lagerte. Die Fassade wurde aufwändig restauriert und Steine und Wimpergmotive erneuert. Trotzdem waren viele Wismarer enttäuscht, kannten sie doch so ihren „Alten Schweden“ nicht wieder. Verschwunden das „Sammelsurium“ und mit ihr die bei allen geliebte Gemütlichkeit. Doch der „Alte Schwede“ gehört, neben dem „Weinberg“, heute mit zu den bekanntesten gastronomischen Einrichtungen der Stadt. Viele Touristen sehen das schöne gepflegte alte Haus und wollen es erkunden und die schwedischen Gäste sind sowieso da. Auch Schwedens König Karl XVI. Gustav und Königin Sylvia ließen es sich nicht nehmen bei ihrem Wismarer Besuch am 29. April 1993 hier einzukehren.

Auch wenn der Gründer Wilhelm Främcke es anders gedacht hat, so zählen die Wismarer den „Alten Schweden“ schon längst zu den zahlreichen schwedischen Zeugnissen in der ehemals schwedischen Stadt.

Was sonst noch geschah:

29. Dezember 1830 Bestätigung einer neuen Verfassung durch den Großherzog, Auffassungen von Bürgermeister Anton Haupt fließen weitgehend mit ein. Erstmals seit 1427 werden Handwerker wieder ratsfähig.

29. Dezember 1918 Erste Kommunalwahlen mit Sieg der SPD und einem sozialdemokratischen Bürgermeister.

29. Dezember 1972 Grundsteinlegung eines neuen Arbeiterwohnheims für die Werft am Juri-Gagarin-Ring.

30. Dezember 1600 Ratsherr Hinrich Schabbell gestorben.

Januar 1845 Eröffnung der Hirsch-Apotheke Am Markt 29 als die „Neue Apotheke“.

Januar 1909 Die Verordnung zur Erhebung des Wassergeldes tritt in Kraft.

Januar 1927 Umbenennung der 1824 gegründeten städtischen Ersparnisanstalt in Sparkasse der Seestadt Wismar.

Januar 1947 Wiedereröffnung des Museums im Schabbellhaus.

Januar 1952 Verordnung über die Einrichtung von VEB Seehafenumschlagsbetrieben.  Aus der Hafengemeinschaft Wismar wird der Volkseigene Betrieb (VEB) Seehafen Wismar.

Januar 1952 Vereinigung der kommunalen Poliklinik mit dem Stadtkrankenhaus zu den städtischen Krankenanstalten.

Januar 1962 Das städtische Krankenhaus erhält den Status eines Bezirkskrankenhauses.

Januar 1992 die „Mathias-Thesen-Werft“ wird in „Meerestechnik-Werft“ umbenannt, das Kürzel MTW bleibt bestehen.

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

 

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