Kalenderblatt zum 29. Juni

Eine schwere Erinnerung
Wismars „Schwedenstein“ bringt 20 Tonnen auf die Waage

Am 29. Juni 1903 wurde mit viel Mühe und Pferdekraft ein 20 Tonnen schwerer Stein transportiert. Dieser Koloss aus dem Züsower Forst war ein Geschenk des Großherzoges an die Wismarer zu ihrer Jahrhundertfeier der Loslösung von Schweden. Bekanntlich gehörte Wismar seit 1803 wieder zu Mecklenburg und die Schweden hatten das Recht dieses Pfand nach einhundert Jahren wieder einzulösen. Doch daran war bei den Schweden gar nicht zu denken. Schon am 23. Januar 1903 gab der schwedische König an das Parlament in Stockholm den Auftrag zur Ausarbeitung eines Vertra-ges zur Rückgabe Wismars und nach Vorlage des Vertrages, stimmte der schwedische Reichstag am 16. Mai 1903 in Stockholm zu. Es war schlichtweg kein Geld da und dies ahnten die Stadtväter ge-nau wie die mecklenburgische Staatsregierung und bereiteten sich auf eine Jubelfeier 1903 vor. Was fehlte war ein Festplatz und ein würdiges Gelände dazu. Hierzu bot sich das Tal der Köppernitz an und das Plateau am Wischberg sollte für den Festplatz hergerichtet werden. Der Leipziger Gar-tenbauarchitekt Karl Hampe wurde 1901 mit den Arbeiten betraut, aus dem Köppernitztal einen Bürgerpark zu entwickeln. Nach den Aufzeichnungen her, löste er diese Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit der Wismarer und seines Auftraggebers. Kleine Brücken über den Bach, ausgebaute Wege, Ruhebänke und künstliche Aussichtspunkte begeisterten die Bürger. Dazu kamen noch zwei Goldfischteiche und ein künstlicher Wasserfall. Den Transport des „Schwedensteines“ übernahm der Wismarer großherzogliche Hofspediteur Carl Longuet aus der Schulstraße. Er gestaltete sich unter den damaligen Transportverhältnissen recht schwierig. Die Fahrtroute ging quer durch die Stadt und am 30. Juni 1903 war er am Lübschen Tor angekommen.
Den folgenden Weg beschreibt das „Mecklenburgische Tageblatt“ vom 1. Juli 1903: „Auf der Chaus-see ging der Transport mit acht Pferden ganz gut vonstatten bis zur Stadtziegelei (Heute: Burgwall-center), wo der Wagen auf den Landwegen (heute Ph.-Müller-Straße) nicht recht vorwärtskam und infolgedessen noch acht Pferde vorgespannt werden mussten, die den Stein bis an den Fest-platz brachten. Von da an machte der Berg große Schwierigkeiten. Obgleich oben ein schwerer Wagen festgerammt war, woran ein Flaschenzug angebracht wurde, den vier Pferde in Bewegung setzten, so mussten doch immer wieder Bohlen und Eisenplatten vor die Räder gelegt werden, damit diese nicht so tief in den Sand einschnitten. Am Nachmittag verließ man den Weg, um über die Stoppeln hinweg den ziemlich in gerader Linie liegenden Platz, wo der Block aufgestellt werden soll, zu erreichen. Hier wurden nun 14 Pferde vorgespannt, die um 4 Uhr den Stein an Ort und Stel-le brachten“.

Dort wurde er dann am Bestimmungsort mittels eines Flaschenzuges vom Wagen gehoben, um ihn dann auf den vorher gemauerten Sockel zu stellen. Am 7. August wurden in einer Metallkapsel mehrere zeitgenössische Schriften und die Festschrift zur Hundert-Jahr-Feier des Schweriner Ar-chivars Dr. Hans Witte eingemauert.
Die Einweihung nahm
anlässlich des Festes am 19. August 1903 der mecklenburgische Großherzog Franz IV. vor und übergab die Anlagen an die Wismarer. Nach dem 2. Weltkrieg verkam die Anlage und geriet etwas in Vergessenheit. Trotzdem nutzten die Kinder die Abhänge als Rodelstrecke. Auf dem Festplatz am Wischberg wurde am 15. August 1948 der Ehrenfriedhof der Roten Armee für 348 gefallene Militärangehörige eingeweiht. Damit war der Festplatz unbrauchbar und der Schweden-stein verschwand bis 1993 in einem kaum bekannten Eck, ehe er am 19. August 1993 in der Straße „Am Schwedenstein“ aufgestellt wurde. 1997 wurde durch den Tierpräparator Klaus-Dieter Jost aus Goldberg für das Wismarer Museum eine Replik des Schwedensteines angefertigt. Diese wurde 2010 aus dem Bestand des Museums ausgegliedert und steht jetzt auf dem zur Kanalstraße hinwei-senden Hof des Hauses Turnplatz 7 in Wismar.

Was sonst noch geschah
30. Juni 1866 Aufhebung der Torsperren an den Stadttoren.
30. Juni 1970 Übergabe des „Ex(perimental)baus“, Ernst-Scheel-Straße 15 im Paketdeckenhubver-fahren.
30. Juni 1979 Gründung des „Club maritim“, am 20. Mai 1983 im übergebenen Torraum des Wasser-tores am Alten Hafen.
30. Juni 1979 bis 7. Juli 1979 Festwoche zur 750 Jahrfeier Wismar (29. Juni Festveranstaltung Stadt-verordnetenversammlung in Sporthalle, 7. Juli Festumzug).
30. Juni 1993 Endgültiger Abzug der russischen Truppen (Rote Armee) aus Wismar. Hier waren das Mot.-Schützenregiment 288 und das Artillerie-Regiment 199 stationiert.
30. Juni 2003 Eröffnung des Technologie- und Forschungszentrum (TGF) Wismar mit Haus 4 im Holz-hafen.
1. Juli 1855 Die „Großherzoglich-Mecklenburg-Schwerinsche Post“ führt Briefmarken ein.
1. Juli 1955 Eröffnung des Kinder- und Jugendheimes „Gretel Walter“ am Schwedenstein.
1. Juli 1857 Einweihung des Bahnhofes Wismar.
1. Juli 1945 Kinderarzt Dr. Otto Connerth pachtet das Haus Parkstr. 43 (Ph.-Müller-Str.) von den Norddeutschen Dornierwerken und richtet eine Kinderklinik ein.
1. Juli 1947 Wagonfabrik Wismar wird in die Schiffswerft eingegliedert.
3. Juli 1906 Die Straße Platter Kamp erhält ihren Namen. Ursprünglich eine Flurbezeichnung nach dem Besitzer „Jürgen Plate“.
3. Juli 1993 Eröffnung des wiedererbauten Hotels „Stadt Hamburg“ mit Erhaltung der Fassaden zur Marktseite.
2. Juli 1945 Besetzung Wismars durch die Rote Armee.

Detlef Schmidt

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