Kalenderblatt zum 3. Dezember

   Schiffsuntergang im Wismarer Werfthafen

Am 3. Dezember 1973 ist das am 12. November 1973 im Werfthafen gesunkene Fang- und Verarbeitungsschiff, die ROS 305 „Luis Fürnberg“ gehoben worden.

Das Schiff ist eines von insgesamt 13 auf der Wismarer MTW gebauten Serie von neu entwickelten Fang- und Verarbeitungsschiffen für das Rostocker Fischkombinat. Am 30. März 1962 lief es bei der MTW vom Stapel und ist am 31. Oktober 1962 in Dienst gestellt worden.

Dieser neuartige Typus von Fischereifahrzeugen ließ das Fischen in allen Gewässern der Erde zu. Man war unabhängig, denn der gefangene Fisch wurde an Bord mit bis zu 20 Grad minus gefroren. Die Einsatzgebiete reichten von der afrikanischen Küste bis in die Arktis und auch im Pazifik und im Indischen Ozean waren diese Fabrikschiffe im Einsatz. Der Fang wurde gleich Bord verarbeitet und konnte so an den Empfänger, auch im westlichen Ausland, geliefert werden. Die 3.000 BRT große „Luis Fürnberg“ verfügte über ausreichende Lagermöglichkeiten für den verarbeiteten Fisch mit Kühlanlagen. Dadurch erhöhte sich die Reisezeit für die Besatzungen enorm, doch die eingebrachten Devisen für die jederzeit „klamme“ DDR waren wichtiger.

Am 29. Oktober 1973 ist die „Luis Fürnberg“ in die MTW zur Durchsicht und Reparatur gefahren. Zwei Tage später wurde das Schiff eingedockt, wo die Arbeiten zügig und ohne weiteren Vorkommnisse begannen und wurde schon am 9. November ausgedockt. Dabei bemerkte man rechtzeitig beim Verlassen des Docks, dass einige Außenbordventile noch fehlten und man setzte die alten, nicht reparierten Ventile wieder ein. Da diese über dem Wasserspiegel lagen, sollten sie später am neuen Liegeplatz neben dem dort liegenden MS „Rudolf Breitscheid“ repariert werden. Dazu begaben sich am 12. November 1973 zwei Werftmitarbeiter mit einem Auftrag an Bord des Schiffes, um die alten wieder eingebauten Ventile zu reparieren. Sie meldeten sich bei dem Wachhabenden auf dem Schiff an, erhielten den Schlüssel zum Maschinenraum und demontierten die schadhaften Ventile, ohne Information an den technischen Offizier. Die Öffnungen lagen zu dem Zeitpunkt noch etwas über einen Meter über der Wasserlinie. Die Arbeiter gingen mit den Ventilen von Bord. Gegen sieben Uhr morgens sollte auf Betreiben der Werftbauleitung, die „Luis Fürnberg“ an die Dockdalben verholt werden. Dazu wurde der E-Ladenschluss gekappt. Der Technische Offizier kontrollierte auch den Maschinenraum, konnte in der Dunkelheit nichts erkennen und gab das Schiff zur Fahrt frei.

Als gegen neun Uhr die Reparaturmitarbeiter an Bord wollten, stellten sie erschrocken fest, dass das Schiff nicht mehr an seinem ursprünglichen Liegeplatz befand und eine starke Schlagseite nach Backbord hatte. Laut rufend machten sie den diensthabenden Offizier von Land aus klar, dass wohl Wasser durch die nicht geschlossenen Ventilöffungen kommt. Sofort eilte der in den Maschinenraum und sah nun das einströmende Wasser. Durch das Fehlen der Ventile war ein bordeigenes Abpumpen nicht mehr möglich. Es wurde nun noch versucht die Leckstellen mit den Ventilen abzudichten, was misslang. Die schon alarmierte Betriebsfeuerwehr traf ein und übernahm mit dem Lenzen der überfluteten Räume das Kommando. Das Schiff bekam immer mehr Schlagseite, da durch die Schräglage auch mehr Wasser eindrang. Alle Versuche, das Wasser aus dem Schiff zu bekommen, scheiterten. Zwei Hafenschlepper versuchten sich gegen die Bordwand der „Luis Fürnberg“, zu stemmen um es stabil zu halten. Ebenso wurde wegen der hohen Unfallgefahr der Einsatz von Tauchgeräten verworfen. Letzt endlich ist der 100-Tonnen Schwimmkran der Werft hinbeordert worden, der sich auch vergeblich bemühte. Gegen 12.30 Uhr verließen alle Personen das Schiff, die ersten Festmacherleinen begann vom Dock, in der das MS „Georg Schumann“ lag, zu reißen, als die Anordnung kam, die restlichen Leinen zu lösen und die Schlepper und den Kran abzuziehen. Das Schiff legte sich gänzlich auf die Backbordseite und versank mit dem Heck auf den Grund. Man kann sich schon die Aufregung auf der Werft vorstellen. Staatssicherheit und Kriminalpolizei begannen sofort mit der Werft- und Parteileitung die Ursachen zu erforschen. Man witterte zunächst Sabotage durch den „Klassenfeind“. Freigegeben zur Bergung wurde das Schiff am 16. November 1973 durch die Bagger, Bergungs- und Bugsierreederei aus Rostock. Diese arbeiteten gründlich und ohne Zeitdruck und konnten mithilfe zwei leistungskräftiger Schwimmkrane des „Klassenfeindes“ aus Westdeutschland, das Schiff am 3. Dezember 1973 heben. Es ist als erstes der dreizehn anderen Fischverarbeitungsschiffe verschrottet worden. Eine gemeinsame Gutachtergruppe der Hochseefischerei und des Schiffbaus, stellte fest, „dass wesentliche Schiffstheoretische von den um die Verhinderung des Kenterns Bemühten in der Katastrophensituation nicht voll übersehen wurden.“  Die Bezirksstelle der Kriminalpolizei als Ermittlungsbehörde sah aufgrund dieses Gutachtens keine strafrechtliche Verfolgung mehr.

Die Öffentlichkeit erfuhr vom Untergang der „Luis Fürnberg“ offiziell nichts – keiner Zeitungsnotiz war dies wert. Im Sozialismus durfte eben kein Schiff untergehen, dafür ging einige Jahre später ein ganzer Staat unter, auch wegen seiner Intransparenz.

Was sonst noch geschah

4. Dezember 1989 Kundgebung des Neuen Forum vor der Nikolaikirche und anschließend Demonstration zum Stasi-Gebäude. Die Staatssicherheit wird daran gehindert, weitere Akten zu vernichten.

5. Dezember 1815 Die am 12. Oktober 1815 begonnene Anlage vor dem Altwismartor, erhielt am 5. Dezember 1815 durch eine Zeitungsveröffentlichung den Namen „Lindengarten“.

5. Dezember 1989 Der Wismarer Studentenrat und das Neue Forum versiegeln die Wismarer Kreisdienststelle der Staatssicherheit.

5. Dezember 1860 Historiker Friedrich Christoph Dahlmann in Bonn gestorben.

6. Dezember 1997 354. und letzter Stapellauf auf der Werft.

6. Dezember 1989 „Runder Tisch“ wird in Wismar eingerichtet, um die politische Wende zu vollziehen.

6. Dezember 1749 Ab dem 6. Dezember 1749 gab es mit den „Wismarschen Intelligentz= und andere Nachrichten“ die erste regelmäßige Zeitung bis zum 6. Juni 1750. Danach wieder erst ab 1783.

 

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

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