Kalenderblatt zum 3. November

Ein Buchhändler in Wismar

Vor 110 Jahren wurde Hermann Rhein am 03. November 1906 in Regensburg geboren. Vie-len Wismarern ist dieser Mann als Buchhändler und Antiquar bekannt, in dessen Buchhand-lung man stets fachlich gut beraten wurde und auch gerne einkaufte. Er war eigentlich „der Buchhändler“ Wismars. An ihm kam man nicht vorbei, wenn es rund um das Buch, Grafiken, antiquarische Bücher oder auch um die Historie von Wismar und Mecklenburg ging. Er war ein Bayer in Wismar, der nach 60 Jahren sagte, dass er in Wismar seine Heimat gefunden ha-be. Doch wieso kommt ein Bayer auf die Idee in den Norden zu ziehen?
Hermann Rhein kommt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater verstarb früh und so trug er, zur Unterstützung seiner Mutter, mit Bücher- und Zeitungsaustragen zum Lebensunterhalt bei. Der Kontakt zum lebensbestimmenden Beruf war geschlossen. Hermann kam davon nicht mehr los und da aus finanziellen Gründen ein Studium ausgeschlossen war, begann er im April 1923 eine Buchhändlerlehre bei Wadenklee in Würzburg. Diese schloss er im Oktober 1925 ab und arbeitete noch ein Jahr als Gehilfe in seinem Lehrbetrieb. Er war nun 20 Jahre alt und meinte, es wäre Zeit, sich woanders umzusehen und so führte ihn sein Weg über Nürnberg und Lübeck nach Göttingen. Er hat diese Zeit genutzt, um sich das notwendige Rüstzeug ei-nes Buchhändlers anzueignen. Frühzeitig hat er erkannt, dass neben dem Handel mit Büchern, man auch die Leidenschaft zu diesen entfalten muss, um den Kunden dafür zu begeistern. Auf der Suche nach einer Buchhandlung, die er selbständig betreiben wollte, stieß er auf Wismar. Hier verkaufte Karl Stolzenburg die Bartholdische Buchhandlung in der Dankwart-straße 23. Es war die kleinste der damals zehn Buchhandlungen am Ort. Im April 1933 wird Hermann Rhein Buchhändler in Wismar und es sollte eine Erfolgsgeschichte werden. Zwei Jahre später übernahm er die Hinstorff´sche Verlagsbuchhandlung von Walter Haas Hinter dem Rathaus 15 und richtete hier seine „Bartholdische Buchhandlung Inh. Hermann Rhein“ ein. 1938 musste er die Verkaufsräume wegen Eigenbedarf des Vermieters räumen und er kaufte das Haus Hinter dem Rathaus 9. Zwischenzeitlich hat sich der junge Buchhändler in der Stadt eingelebt und besonders interessierte ihn die Geschichte der Stadt und des Umlan-des. Enge Verbindungen zu anderen Buchhändlern in Deutschland erweiterten sein Unter-nehmen. Er baute in Wismar einen kleinen Verlag auf, den „Hermann Rhein Verlag“ und legte hier einige Bücher auf, aber auch historische Kostbarkeiten im Nachdruck, wie die „Beschrei-bung des Herzogthumbs Meckelburg“ mit der Laurembergschen Karte von Johannes Lauren von 1680. Geschäftstüchtig war er auch, wie eine Anekdote erzählt: „Um seinen Umsatz an-zukurbeln, ließ er an potentiellen Kunden, zumeist Geschäftsleuten, Bücher zur Ansicht brin-gen. Ein bekannter Wismarer Holzhändler wollte dies jedoch nicht und als Rhein dies nicht beachtete, schüttete der Holzhändler ein paar Bretter „zur Ansicht“ vor das Schaufenster. Ab sofort erhielt er keine Ansichtsbücher mehr“.
Er erkannte schnell und früh die historische Bedeutung Wismars und seiner Sammlungen. Schon vor dem Krieg arbeitete und wirkte er eng mit Stadtarchiv und Museum zusammen und so half er maßgeblich mit, Wismars Kulturgüter aus dem Museum und dem Stadtarchiv ab 1942 in geeignete Orte in der Region auszulagern. Nach kurzer Zeit bei der Wehrmacht wurde er bei den Dornier Werken dienstverpflichtet. Nach der Befreiung durch die Engländer am 2. Mai 1945 wurde er als Verbindungsperson zwischen Wismars größtem Unternehmen und der Stadt eingesetzt, bedingt durch seine Englischkenntnisse. Diese verhalfen ihm zu einer Tätig-keit im Übersetzungsbüro. Was ihn jedoch unruhig werden ließ, war der Gedanke an das aus-gelagerte Wismarer Kulturgut. Mit Hilfe von Stadtrat Ernst Ballerstedt, der Befürwortung durch den Oberbürgermeister und des Stadtkommandanten, stellte die Stadt einen LKW be-reit, um die Kulturschätze zurück zu holen. Schon im ersten Depot gab es eine unangenehme Überraschung. Alle Kisten waren aufgebrochen und wertvolle Archivalien lagen herum. Un-ermüdlich ist Hermann Rhein in den darauffolgenden Wochen in der Region tätig gewesen und hat sehr vieles retten und bergen können. Leider ist auch ein Teil durch Vandalismus, Verwüstung und Diebstahl verloren gegangen, so die Ratsmünzsammlung, die in Teterow ausgelagert war. Später fand sich noch das verschollene Wismarer Privilegienbuch von 1350 wieder an, worin Wismars wichtigste Rechte verzeichnet sind, sowie das erste Stadtbuch von 1250.
Ab 1947 begann Hermann Rhein mit dem weiteren Aufbau seiner Buchhandlung, zudem kam eine schwere Krankheit seiner Frau hinzu, die 1948 verstarb. Es wurde schwierig, die richtige Literatur zu beschaffen, aber Hermann Rheins Verbindungen in viele Städte Deutsch-lands bewährten sich und neben der aktuellen Literatur aller Genres, war es das Antiquariat, dass die Buchhandlung Hermann Rhein über die Grenzen Wismars und Mecklenburgs be-kannt machte. Post aus aller Welt belegt dies. Bei Rhein bekam man immer was man suchte.
Den staatlichen Stellen stand er, vorsichtig ausgedrückt, skeptisch gegenüber. Die passten nicht zu dem bibliophilen und freigeistigen Buchhändler. Er wurde ein gefragtes Mitglied in der Pirckheimer-Gesellschaft, die sich für Buchkunst, Grafiken und Exlibris einsetzen.
Hermann Rhein schrieb viel über seine neue Heimat. Die Festschrift zur 725 Jahrfeier trägt seine Handschrift, wie auch sein Boltenhagen-Büchlein und zur 750 Jahrfeier Wismars brachte er eine limitierte Sammlerausgabe einer alten Ratsverordnung heraus, um nur einige Beispiele zu nennen. Die 1951 verfasste Geschichte des Wismarer Buchhandels, der Buchbinder und Drucker im Manuskript gehört ebenso dazu.
Nach 1945 wurden viele private Unternehmen und Betriebe verstaatlicht, wobei der kleine Einzelhandel zunächst verschont blieb. Dies war nach den politischen Ereignissen 1972 an-ders. Jetzt setzte die letzte große Welle der Verstaatlichung von Betrieben mit mehr als zehn Mitarbeitern ein. Nach Überführung der Buchhandlung in Volkseigentum und Anschluss an den Volksbuchhandel beendete Hermann Rhein seine Tätigkeit in Wismar.
Von nun an wurde auch Parchim Lebensmittelpunkt, wo seine damalige Lebensgefährtin und spätere Frau Lotte Kunkel eine Buchhandlung betrieb. Seine geliebte Tätigkeit mit den Bü-chern und seiner Kundschaft konnte er dort noch ein paar Jahre ausüben. Das Ehepaar Rhein zog einige Jahre später wieder nach Wismar, wo Hermann Rhein am 15. Mai 1993 verstarb. Seine Frau Lotte Rhein, geb. Kunkel, verstarb in diesem Jahr am 1. Mai 2016 hochbetagt in Wismar.

Was sonst noch geschah
3. November 1897 Das letzte Mal fließt Wasser aus der Wasserkunst auf dem Marktplatz.

3. November 1862 Eröffnung der „Kleinkinderschule“ in der Neustadt 24.
5. November 1818 Gründung des zweitältesten deutschen Musikvereins im Briesemannschen Gasthof, heute Fründts Hotel an der Schweinsbrücke, durch Bürgermeister Carl von Breiten-stern (Bürgermeister 1814-1825).
5. November 1989 Öffentliches Forum zu Fragen Handel und Versorgung in der Sporthalle.
6. November 1954 Einweihung des Ernst-Thälmann-Gedenksteines in der Schweriner Straße.
7. November 2011 Gottfried Kiesow, Ehrenbürger von Wismar seit 2004, gestorben.
7. November 1810 Fritz Reuter geboren.
8. November 1848 Logiker Prof. Dr. Gottlob Frege in Böttcherstr. 2 geboren.
9. November 1832 Kapitän Heinrich Podeus in Warnemünde geboren.
9./10. November 1938 Judenpogrome in Wismar.
9. November 1946 Gründung der Ingenieurschule für Bauwesen.
9. November 1936 Wismar darf den Zusatz „Seestadt Wismar“ verwenden.
9. November 1989 Öffnung der Mauer in Berlin, in deren Folge die Grenze zur Bundesrepub-lik Deutschland entfällt.
10. November 1938 Aktionen der Nazis gegen jüdische Geschäftsinhaber wie Löwenthal, Lindor und Blaß. Deren Läden werden geschlossen.
12. November 1989 Erstes Gespräch zwischen dem Neuen Forum und dem Rat der Stadt Wismar.
13. November 1872 Schwere Sturmflut sucht Wismar heim. 306 cm über normal.

Detlef Schmidt

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