Kalenderblatt zum 30. August

Ehe die Franzosen abzogen, brannten sie noch ein Stadttor ab

Am 30. August 1813 mussten die Napoleonischen Truppen aus Wismar abziehen. Vor dem Altwismartor ist es zwischen den Alliierten und Franzosen zu heftigen Gefechten gekommen. Die Franzosen kamen aus einem vernichteten Gefecht bei Redewisch, wo sie eine größere Schlacht verloren haben. In Wismar wollten sie ihre Kriegskasse aufbessern. Doch die Wisma-rer konnten schlichtweg nicht mehr zahlen. Schon 1806 haben französische Truppen Wismar besetzt und stellten nahezu unerfüllbare Forderungen. Im ehemals von den Schweden als oberstes Tribunal oder Appellationsgericht genutzten Fürstenhof richteten die Franzosen 1810 ein Lazarett ein, das allein der Stadt nahezu 25.000 Taler kostete. Als sie 1813 endgültig aus Wismar abzogen steckten sie am 30. August 1813 das Altwismartor in Brand. General Loui-son erkennt die zahlenmäßige Unterlegenheit seiner Verfolger und besetzt Wismar am 1. Sep-tember 1813 wieder. Es werden in zwei Tagen 9.500 Reichsthaler als Kontribution erpresst und die Bevölkerung zu Schanzarbeiten vor der Stadtmauer gezwungen.
Beim endgültigen Abzug am 2. September 1813 nahmen die Franzosen kurzerhand Bürger-meister Emanuel Fabricius und den Stadtsyndicus Carl von Breitenstern als Geisel gefangen, um ihre hohen Geldforderungen einzutreiben. Doch die Franzosenzeit war auch in Wismar abgelaufen. Die beiden Wismarer sind bis zum Dorf Mecklenburg mitgenommen worden und kamen am nächsten Tag wieder in Wismar an.
Das Altwismartor soll seinen Namen nach einer Besiedlung in der Nähe des Flöter Baches bekommen haben. Die neue Stadt Wismar hatte sich im 13. Jahrhundert bei Stadtgründung diesen Namen gegeben. Zur besseren Unterscheidung blieb der Name „Altwismar“ und als Erinnerung ist heute nur noch der Straßenname geblieben. Da es aber auch keine fundierten und wissenschaftlich belegten Namensherkünfte gibt, ist die Bezeichnung spekulativ.
Das Turmgewölbe des Stadttores war 1813 noch unbeschädigt. Es befand sich am Ausgang der Altwismarstraße zur heutigen Rostocker Straße hin. Hier fuhren die Bauern aus den öst-lich gelegenen Dörfern ein und es war der Zugang zum Rosengarten, und ab 1815 zum neu angelegten Lindengarten. Am 30. August 1813 hinterließen die Franzosen mit der Brand-schatzung „mit 24 Tonnen Theer“ ein abgebranntes Tor. Glücklicherweise nahmen die angren-zenden Häuser keinen Schaden, denn leicht hätte dies zu einem verheerenden Stadtbrand füh-ren können. Von 1813 bis 1834 blieb es eine Ruine, mit der man sich notdürftig beholfen hat und erst im April 1834 wurde das neue Altwismartor errichtet und die endgültige Fertigstel-lung war im August 1834 mit dem Einbau der Tore und Absperrgitter abgeschlossen. Ironie der Geschichte ist es schon, dass dieses erst neu errichtete Tor im September 1868 als erstes der Wismarer Stadttore im September 1868 abgerissen wurde, worüber sich der Bürgeraus-schuss am 25. September 1868 beschwerte, da er hierzu nicht angehört wurde.
Verstehen konnte man die Wismarer schon, denn nach Rückkehr Wismars vom Königreich Schweden an das Herzogtum Mecklenburg am 19. August 1803, war Wismars Handelstätig-keit durch den Pfandvertrag und die damit verbundene Ausfuhrsteuer stark eingeschränkt. Erst durch die Aufhebung der Steuer am 1.Oktober 1863, und mit dem Beitritt des Großher-zogtum Mecklenburg zum Norddeutschen Bund, erholte sich die Wirtschaft zusehends.
Man muss aber auch die Tatkraft der Wismarer erwähnen. 1807 war ihr altes Rathaus zusam-mengefallen und sie bauten dies ab 1816 wieder auf. Erwähnenswerter ist die Anlage des Lindengartens als Stadtpark. Durch Spenden wurde der Park innerhalb weniger Wochen 1815 angelegt. Das sind Leistungen, die uns heute erstaunen lassen. Wenn heute das Rathaus be-schädigt würde, hätte man sich sicherlich nur darauf konzentriert. Heute ist man kaum in der Lage, Teile des „Gotischen Viertel“ besuchsfertig zu gestalten, von der Alten Schule ganz zu schweigen.
Einhergehend begann man mit der Beseitigung der Stadtmauer, da die Bürger glaubten, sich solcher engen Fesseln befreien zu müssen. So wurden in rascher Folge bis 1903 die gesamte Stadtmauer nahezu abgerissen und die Stadttore zwischen 1868 und 1870 entfernt. Lediglich das Große Wassertor, es gab noch ein kleines und ein mittleres Wassertor, blieb verschont. Das hatte seinen besonderen Grund. Es ist das einzige erhaltene Stadttor der Stadt Wismar und gleichzeitig das einzige erhaltene Wassertor in der südlichen Ostsee. Es verdankt seine Ret-tung einer Erwähnung in Wilhelm Lübckes „Geschichte der Deutschen Kunst“ im 19. Jahr-hundert. Denn nach einer derartigen „nationalen Erwähnung“, wagte kein Ratsherr mehr, dies Tor zu beseitigen.

Was sonst noch geschah
1. September 1857 Erste Wismarer Gaslaterne erhielt Gas aus dem 1856 erbauten Gaswerk.
1. September 1945 Krankenhaus in der Mühlenstraße als drittes Krankenhaus in der Stadt eröffnet.
1. September 1946 Die erste neu gewählte Stadtverordnetenversammlung nach dem II. Welt-krieg tritt im Saal des Hotels „Zu Sonne“ zusammen.
1. September 1948 Schiffsreparaturwerft bringt 1. Nummer der Betriebszeitung „Frische Bri-se“ heraus
1. September 1955 Eröffnung der Fachschule für Bauwesen.
1. September 1969 Gründung der Ingenieurhochschule Wismar.
2.September 1947 1.289 Wohnräume der Stadt sind für sowjetische Besatzungsmacht be-schlagnahmt.
2. September 2011 Die Evangelische Schule Wismar erhält den Namen des am 19. April 1951 im NKWD-Gefängnis in Schwerin umgekommenen Pfarrers Dr. Robert Lansemann.
3.September 1945 Einführung einheitlicher Lebensmittelmarken in Mecklenburg.
3. September 1997 Richtfest für die neue Dockhalle der Werft. Sie ist 395 Meter lang, 155 Meter breit und 76 Meter hoch.
4. September 1717 Beginn der Arbeiten zum Abriss der Festungsanlagen.
5. September 1990 Ab sofort erscheint die Ostsee-Zeitung als Unabhängige Zeitung im Nor-den mit einer zweiten Lokalseite für die Stadt Wismar.
6. September 1259 Schutzbündnis zwischen Lübeck, Rostock und Wismar. Beginn des Wen-dischen Quartiers der Hanse.
7. September 1925 Gründungsversammlung der Niederdeutschen Bühne Wismar.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sechzehn + zwei =