Kalenderblatt zum 30. Dezember

Akademiegründer Robert Schmidt ein Pionier in der „pädagogischen Provinz“

Am 30. Dezember 1907 bringt der 57jährige Architekt Robert Schmidt einen Antrag zur Gründung einer „Ingenieur-Akademie“ dem Wismarer Rat zur Entscheidung. Der Rat entscheidet ungewöhnlich schnell, erkannte er wohl auch die Chance, die solche Bildungseinrichtung für die Hansestadt wäre. Am 9. Mai 1908 schloss Robert Schmidt mit dem Wismarer Rat den Gründungsvertrag und am 26. Oktober 1908 nimmt die neue Ingenieur-Akademie mit dreizehn Studenten in den Lehrrichtungen Maschinenbau und Bauingenieurwesen ihren Betrieb auf. Gründungsort ist die 1855 erbaute ehemalige Mädchenvolksschule auf dem Heilig-Geist-Hof, die vom Rat der Stadt Wismar zur Verfügung gestellt wurde. Es sollte eine Wismarer Erfolgsgeschichte werden, die bis heute anhält.

Robert Louis Adolph Schmidt wurde am 2. März 1850 in Büchen-Pötrau im Herzogtum Sachsen-Lauenburg als Sohn des Zollverwalters Hermann Friedrich Adolph Schmidt und dessen Ehefrau Catharina Dorothea Friederike Schmidt, geborene Kähler, geboren. Robert Schmidt besuchte zunächst die Privatschule der Eisenbahnverwaltung in Büchen-Bahnhof. Ab 1860 ging er auf das Gymnasium Ratzeburg und am Realgymnasium in Perleberg. Durch den erfolgreichen sechsjährigen Besuch einer neunstufigen höheren Schule erwarb Robert Schmidt ein „Zeugnis über die wissenschaftliche Befähigung für den Einjährig-Freiwilligen Militärdienst“. Es folgte der Besuch des Militär-Pädagogiums Berlin. An die Schulzeit schloss sich ein Volontariat in einem technischen Büro an. Nach einem Volontariat in einem technischen Büro arbeitete er von November 1871 bis Ende September 1872 als Bauführer beim Neubau des Amtsgerichts und des Gefängnisses in Harburg/Elbe. Danach schloss sich ab 1872 ein Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger in einem Infanterie-Regiment in Altona an. Ab Oktober 1873 studierte Robert Schmidt am Eidgenössischen Polytechnikum Zürich Kunst- und Literaturgeschichte, Finanzwirtschaft und Geologie. Zwischen 1874 und 1877 studierte er an der Technischen Hochschule Darmstadt und an der Technischen Hochschule München. 1877 erfolgte sein Wechsel an die Technische Hochschule Wien. Nach dem Studium der Fächer Architektur, antike Baukunst und Bauingenieurwesen erlangte Robert Schmidt an der TH Wien sein Absolutorium und konnte 1878 seine Abschlussprüfung ablegen. ­­­­­Am 11. April 1877 heiratete Robert Schmidt in München Emma Hülsen. Das Ehepaar Schmidt zog 1878 nach Bessungen, heute ein Stadtteil von Darmstadt. Dort wurde das erste Kind geboren, dem noch weitere drei Kinder folgten. Hier war  Robert Schmidt als Architekt tätig. Er übernahm 1880/81 die Bauleitung für Staatsbauten in den elsässischen Städten Mülhausen (Bezirksgefängnis), Altkirch und Colmar. 1881 wechselte Robert Schmidt an das Städtische Technikum Rinteln. In der dortigen kunstgewerblichen Abteilung fungierte er als Fachlehrer für Kunstgewerbe, Architektur und deren Hilfswissenschaften. 1882 erfolgte sein Wechsel an die Herzoglich-braunschweigische Baugewerkschule in Holzminden. 1883 fungierte er als Fachlehrer an der Königlichen Baugewerkschule in Erfurt. Dort unterrichtete er u. a. die Fächer Entwerfen und Formenlehre. Zwischen 1884 und 1886 war er als Leiter eines technischen Büros für stadttechnischen Tiefbau in Gotha tätig. In dieser Zeit belegte er als Gasthörer an der Universität Leipzig Lehrveranstaltungen, u. a. Kunstgeschichte und Archäologie. Am 9. Februar 1886, wurde Robert Schmidt in Zerbst Mitglied der Freimaurerloge „Friedrich zur Beständigkeit“, eine Mitgliedschaft, die er bis zu seinem Tod in Wismar in der Loge „Zur Vaterlandsliebe“ beibehielt. 1886 inventarisierte und erforschte Robert Schmidt im preußischen Regierungsauftrag Architektur- und Kunstdenkmaler in Schleswig-Holstein. Hier entstanden eine Reihe von fachlichen und wissenschaftlichen Aufsätze, die in Fachkreisen Beachtung fanden, wie die von ihm verfasste „Formenlehre“. 1887 schied er aus dem Staatsdienst aus und begann eine Tätigkeit am Technikum in Neustadt/Glewe. Deutschland brauchte wegen seiner technischen Entwicklung Lehranstalten. Absolventen staatlicher Fachschulen konnte den steigenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften nicht decken. Unternehmer, die selbst eine Ausbildung zum Ingenieur oder Architekt durchlaufen hatten, gründeten als Folge des Fachkräftemangels private Fachschulen. Nicht nur die staatlichen Bildungseinrichtungen, sondern auch die schon bestehenden privaten Lehranstalten beobachteten argwöhnisch jede dieser Neugründungen. Vielfach konnten sich diese neuen Fachschulen im Bildungssektor behaupten, weil sie nicht nur finanzkräftige Bildungswillige aus dem In- und Ausland anzogen, sondern auch häufig durch die jeweilige Kommune gefördert wurden. Von der Ansiedlung einer Fachschule versprachen sich die kleineren Städte mit ihren Bürgermeistern Städte eine Umsatzsteigerung im örtlichen Gewerbe, da Lernende und Lehrende Unterkunft und Verpflegung finden mussten. Im Oktober 1887 gründete Robert Schmidt in Zerbst mit Unterstützung der Regierung des Herzogtums Anhalt und der Stadt Zerbst die private „Anhaltische Bauschule“. Zunächst umfasste die Bauschule die Abteilungen Hochbau, Tiefbau und Steinmetztechnik. Später kamen Abteilungen für Eisenbahnbau und Ziegeleitechnik hinzu. Robert Schmidt verkaufte 1899 seine private Fachschule an die Stadt Zerbst. Schon am 15. November 1899 unterbreitete Robert Schmidt dem Rat der Hansestadt Wismar schriftlich den Vorschlag, eine „Höhere Polytechnische Lehranstalt“ zu gründen. Mit diesem Ansinnen wurde er auch bei den Bürgermeistern in Kulmbach und Friedberg/Hessen vorstellig. Aufgrund eines Gutachtens des Schweriner Landbaumeisters Gustav Hamann lehnte der Rat der Hansestadt Wismar den Vorschlag Schmidts ab. Begründet wurde die Ablehnung mit der begonnenen Verstaatlichung der privaten bzw. kommunalen Baugewerkschulen in Preußen. Enttäuscht wandte er sich anderen Projekten zu und eröffnete am 29. Oktober 1901 mit Unterstützung der Stadt Friedberg in Hessen die „Gewerbe-Akademie Friedberg“ als Privatanstalt. Weil sich die Studierendenzahlen nicht wie erhofft entwickelt hatten, blieben die Einnahmen niedrig im Verhältnis zu den Kosten. Robert Schmidt trat deshalb am 10. Oktober 1907 in Verhandlungen mit der Stadt Wismar bezüglich der Schaffung einer Ingenieur-Akademie in der Hansestadt ein. Nach dem Verkauf der Gewerbeakademie Friedberg zog die Familie Schmidt nach Wismar. Die Eröffnung der Wismarer Lehranstalt fand am 26. Oktober 1908 statt. Robert Schmidt, der seine Wirkungsstätte selbst als „pädagogische Provinz bezeichnet schreibt über sein Ziel: „Wahre Bildung, welche wir durch das technische Studium vermitteln wollen, ist Einsicht in den wirklichen Zusammenhang der Dinge …“ Finanziert hatte er seine neue Akademie aus eigenen und verwandtschaftlichen Mitteln. Die Ingenieur-Akademie verfügte über die Abteilungen Architektur, Bauingenieurwesen, Maschinenbau und Elektrotechnik. Robert Schmidt fungierte sowohl als Direktor wie auch als Fachlehrer. In den Folgejahren förderte die Stadt Wismar durch Zuschüsse die Aufrechterhaltung des Lehrbetriebs. Am 1. September 1922 verkaufte Robert Schmidt die private Ingenieur-Akademie an die Stadt Wismar. Nach dem Verkauf blieb Robert Schmidt der Ingenieurakademie erhalten, als Direktor in städtischen Diensten. Erst Ende 1923, in seinem 73. Lebensjahr, trat Robert Schmidt in den wohlverdienten Ruhestand. Er starb am 28. Juli 1928 in Wismar, seine Ehefrau Emma Schmidt starb wenige Wochen später am 5. Oktober 1928.

Was sonst noch geschah

30. Dezember 1970 Übergabe und Eröffnung der Sport- und Kongresshalle.
1. Januar 1845 Eröffnung der Hirsch-Apotheke Am Markt 29 als die „Neue Apotheke“.

Verordnung zur Erhebung des Wassergeldes tritt in Kraft.

1. Januar 1927 Umbenennung der 1824 gegründeten städtischen Ersparnisanstalt in „Sparkasse der Seestadt Wismar“.

1. Januar 1947 Wiedereröffnung des Museums im Schabbellhaus.

2. Januar 1302 Fürst Heinrich I. („der Pilger“), geb. 1230, in Wismar gestorben. Begab sich 1272 auf Pilgerfahrt in das „Heilige Land“, wurde 1273 gefangengenommen und war 25 Jahre in Kairo in Gefangenschaft. Kehrte am 28. Juli 1298 zurück.

2. Januar 1820 Der Neubau des Rathauses betrug 26.174 Reichstaler.

5. Januar 1255 Erstmalige Erwähnung von einem Franziskanerkloster.

9. Januar 1814 Der Maler Carl Canow geboren.

 

Detlef Schmidt

 

 

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