Kalenderblatt zum 30. Juni

    Die letzten Torwächter gingen in Pension
Das letzte Relikt des Mittelalters verschwand

Am 30. Juni 1866 ist mit der Aufhebung der Torsperren an den Stadttoren ein letztes Relikt des Mittelalters verschwunden. Schon am nächsten Tag werden die Torwachen in Pension geschickt und der Rat entscheidet sich, die Stadttore abzureißen.
An den Stadttoren standen jahrhundertelang Wachen. Die erste Erwähnung eines Torwächters ist von 1278, wo ein Johannes Kok „Ordnungshüter“ am Altwismartor war. Natürlich gab es Toröffnungszeiten, zumal die Stadttore die sensiblen Bereiche für die Bürger waren. Unge-hindert und ungesehen sollte keiner in die Stadt kommen; die Brandgefahr war zu groß und auch Raubüberfälle waren nicht selten. Natürlich wurden die Tore nachts verschlossen. Die Öffnungszeit der Stadttore richtete sich nach der Jahreszeit. So wurden im Sommer schon morgens um drei Uhr die Tore geöffnet und schlossen erst um 22 Uhr abends. Im Winter kam man erst morgens um sieben Uhr aus Wismar heraus und musste in der dunklen Jahreszeit bis 17 Uhr wieder in der Stadt sein, denn dann wurde abgeschlossen. Wer später kam, musste im Mittelalter mit einer Abweisung rechnen oder ein ziemlich hohes Sperrgeld zahlen. So manch einer wird dann wohl vor der Stadt bis zum nächsten Morgen gewartet haben, was im Winter wohl nicht gerade gemütlich war.
Im 19. Jahrhundert war die Nutzung der Stadttore und auch der Mauer schon beträchtlich in Frage gestellt. So erlaubte der „Ehrsame Rath“ im Jahr 1831 „ zur Erleichterung der gewerbe-treibenden Bürger, welche auf ihren Äckern oder in ihren Gärten vor den Thoren arbeiteten, wenn sie den Thorschluß versäumten, innerhalb der nächsten Stunde für sich, ihre Beute und des Fuhrwerkes frei eingelassen werden sollten“. Nur mussten sie dem Torwächter beim Öff-nen und Schließen des Tores „hülfreich zur Hand gehen“. Die Stadtmauer wurde an verschie-denen Stellen durchbrochen, indem man lose Steine wie „zufällig“ entfernte. S wurde an der Mühlengrube die Mauer 1865 durchbrochen, um einen besseren Zugang zum Bahnhof zu ha-ben. Ein Antrag des Stadtkämmerers, der um seinen Zolleinnahmen fürchtete, diese wieder zuzumauern blieb erfolglos.
Das 19. Jahrhundert war für die Hansestadt Wismar eines der schwierigsten. Die Schweden übergaben Wismar nahezu völlig verarmt zurück und die Akzise, eine aus der Schwedenzeit stammende Einfuhrsteuer, lähmte bis 1862 Wirtschaft und Handel. Mit der Zugehörigkeit Mecklenburgs zum Norddeutschen Bund änderte sich dies ab 1864 und die Wismarer mein-ten, dass alles die Wirtschaft Hemmende weg müsse. Dazu gehörten ihrer Meinung nach Stadtmauer und Tore, die sich dem modernen Verkehr, Wismar hat seit 1848 Eisenbahnan-schluss, entgegen stellten. Vier Stadttore sind zwischen 1868 und 1870 entfernt worden. Da-mit ging auch der sukzessive Abriss der Stadtmauer bis 1904 einher. Lediglich der Gefan-genenturm an der Turmstraße, er wurde im Januar 1962 wegen Baufälligkeit abgerissen, und der Wasserturm an der Bauhofstraße im Lindengarten, blieben erhalten. Dazu Reste der Stadtmauer an der Wallstraße und zwischen den Straßen Katersteig und An der Klosterkirche, wo sich jetzt ein geschichtsträchtig einladender Spazierweg befindet.
Als erstes Stadttor wurde im September 1868 das Altwismartor entfernt. Es befand sich am Ausgang der Altwismarstraße zur heutigen Rostocker Straße hin. Hier fuhren die Bauern aus den östlich gelegenen Dörfern ein und es war der Zugang zum Rosengarten, wie auch der 1815 angelegte Lindengarten, bezeichnet wurde. Das Mecklenburger Tor wurde in der Nacht vom 22. zum 23. Mai 1869 entfernt und stand seit 1688 am unteren Straßenausgang der Dankwartstraße. Bis 1688 gab es ein Mecklenburger Tor in der Mecklenburger Straße und es wurde dann in die Dankwartstraße aus praktischen Gründen der Verkehrsführung verlegt. Die sich stadtseitig befindliche Tafel des Tores mit ihrer Inschrift ist seit 1909 über die Eingangs-tür des Rathauses angebracht und die Wappen des Mecklenburger Tores schmücken den Fron-tispiz des Zeughauses zur Ulmenstraße hin. Das wohl repräsentativste und schönste Stadttor der Hansestadt Wismar war das Lübsche Tor. Es hatte einen ca. 30 Meter hohen viereckigen Torturm und diente sogar den Seefahrern als Landmarkierung. Das Lübsche Tor fiel einer schweren Explosion am 28. Juli 1699 zum Opfer und wurde völlig zerstört. Das Lübsche Tor ist in vereinfachter Form als Bogentor sofort nach dem Unglück neu aufgebaut worden. Am 25. September 1868 beschloss der Bürgerausschuss den Abbruch des Tores und dies wurde im Winter 1868/1869 bis Ende Februar 1869 vollzogen. Die beiden Wappen des Tores wurden an das Wohnhaus der Grubenmühle angebracht, wo sie leider nicht mehr sind. Das Poeler Tor, oder wie es noch 1412 als Haraldstor bezeichnet wurde ist am 14. Januar 1870 abgerissen worden und aus seinen Steinen errichtete der Maurermeister Lundwaldt das Haus Schatterau 34. Das alte Wappen ziert seitdem den kleinen Fischerwachturm am Hafen.
Das Wassertor ist das einzige erhaltene Stadttor der Stadt Wismar und gleichzeitig das einzige erhaltene Wassertor in der südlichen Ostsee. Nur einem glücklichen Umstand verdankt man seine Erhaltung. Rat und Bürgerschaft wollten schon über den Abriss befinden, als ein Wis-marer Ratsherr entdeckte, dass dieses Tor eine größere Erwähnung in Wilhelm Lübke´s „Ge-schichte der Architektur. Von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart “ von 1855 findet. Nach einer derartigen „nationalen Erwähnung“, wagte kein Wismarer Ratsmann oder Bürger-schaftsmitglied mehr, dies Tor zu beseitigen. Es wurde um 1450 erbaut und hat seine heutige Giebelform von 1600 erhalten. Es hat zur Hafenseite und zur Stadtseite jeweils zwei Stadt-wappen und seit 20. Mai 1982 ist hier der Wismarer Club „maritim“ beheimatet.
Sicherlich hätte es heute ein anderes Bild ergeben, wenn Wismar seine alte Stadtbefestigung nicht innerhalb von wenigen Jahren entfernt hätte, doch die Wismarer denken schon immer praktisch. Das zeichnet sie mit anderen Hansestädten in Norddeutschland aus – es wird immer alles dem wirtschaftlichen Leben unter geordnet. So wie der hansische Kaufmann sein Kontor zur Straße hatte und die Privaträume sich im hinteren Teil des Hauses befand. Das war zur Hansezeit die prägende Einstellung und warum sollten sich die Wismarer da geändert haben?

Was sonst noch geschah
30. Juni 1970 Übergabe des „Ex(perimental)baus“, Ernst-Scheel-Straße 15 im Paketdecken-hubverfahren.
30. Juni 1979 Gründung des „Club maritim“, am 20. Mai 1983 im übergebenen Torraum des Wassertores am Alten Hafen.
30. Juni 1979 bis 7. Juli 1979 Festwoche zur 750 Jahrfeier Wismar (29. Juni Festveranstaltung Stadtverordnetenversammlung in Sporthalle, 7. Juli Festumzug).
30. Juni 1993 Endgültiger Abzug der russischen Truppen (Rote Armee) aus Wismar. Hier wa-ren das Mot.-Schützenregiment 288 und das Artillerie-Regiment 199 stationiert.
1. Juli 1881 Bau von Quartierhäusern für die Soldaten und Unteroffiziere des Wismarer Infan-terie-Regiments.
1. Juli 1945 Abzug der englisch-kanadischen Besatzungstruppen, Übernahme durch die Rote Armee.
1. Juli 1945 Dr. Connerth pachtet das Haus Parkstr. 43 (Phillip-Müller-Str.) und richtet eine Kinderklinik ein.
1. Juli 1857 Einweihung des Bahnhofes Wismar.
5. Juli 1859 Ausbruch der Cholera in Wismar.
5. Juli 1945 Die Wismarer müssen ihre Uhren nach Moskauer Zeit zwei Stunden vorstellen.
5. Juli 1995 Anbringung des Schildes „Tittentasterstraße“ mit diebstahlsicheren Schrauben am Haus Markt 23, nachdem das Vorgängerschild nach nur einem Tag entwendet wurde.
6. Juli 1990 In Wismar werden 1.200 Arbeitslose gemeldet. Einen Monat später steigt die Zahl auf das Doppelte.

Detlef Schmidt

 

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