Kalenderblatt zum 30. Mai

  Erste Frau in Wismarer Geschichte wird Bürgermeisterin
Vor 25 Jahren konstituierte sich die erste freigewählte Bürgerschaft

Der 30. Mai 1990 war für die Wismarer Geschichte ein bedeutsamer Tag. Erstmals seit nahezu 60 Jahren konnte eine frei gewählte Bürgerschaft ihre Arbeit aufnehmen. Die letzte freie Wahl zur Stadtverordnetenversammlung fand am 16. November 1930 statt und eine Präsidiumswahl zur Stadtverordnetenversammlung am 25. Januar 1933, die danach aufhörte zu existieren. Die aus der Wahl vom 7. Mai 1990 hervorgegangene erste freie Kommunalvertretung übergab 50 Frauen und Männer das Mandat für die Wismarer Bürgerschaft. Dabei gab es folgende Wahl-ergebnisse: SPD 34,45 Prozent, CDU 27,31 Prozent, PDS 13,0 Prozent, Neues Forum 8,44 Prozent, FDP 6,5 Prozent.
Die genau ein Jahr zuvor abgehaltenen letzte Kommunalwahlen brachte durch ihre nachgewie-senen Wahlmanipulationen das „Fass zum Überlaufen“ und läuteten zum Endspurt auf den „heißen Herbst“. Es werden 1989 für die Stadtverordnetenversammlung 137 Abgeordnete und 46 Nachfolgekandidaten gewählt. 43.757 Wismarer haben ihre Stimme abgegeben. Da-von waren 17 Stimmen ungültig und 218 stimmten gegen den Wahlvorschlag. Im Nachhinein wurden zwölf Bürgereingaben gegen die Wahl und wegen Unregelmäßigkeiten abgegeben.
Für die neue Bürgerschaft sollte Käthe Poppei von der Volkssolidarität als Alterspräsidentin die denkwürdige Sitzung eröffnen, doch sie fehlte wegen Erkrankung. An ihrer Stelle trat Karl Hellwig von der SPD. Nach Bestätigung der von der Wahlkommission überreichten Wahlunterlagen vom 7. Mai 1990 und der Verabschiedung der neuen Geschäftsordnung wur-de Dr. Rolf Eggert (SPD) mit 42 Stimmen zum Stadtpräsidenten gewählt. Er dankte in seiner Antrittsrede Superintendent Christoph Pentz und Pfarrer Christian Krüger für die Gesprächs-leitung am „Runden Tisch“, der zwischen dem 6. Dezember 1989 und 21. Mai 1990 tätig war. Sie wurden mit einer Eintragung in das Ehrenbuch der Stadt geehrt. Die Wismarer Stadtver-tretung gab sich ganz der hanseatischen Tradition bewusst den Namen „Bürgerschaft“, in der sich der Ausdruck der Bürgermitbestimmung am besten ausdrückt. Seit Jahrhunderten waren die Bürger weitgehend von den Beschlüssen des Rates ausgeschlossen, wenn man von den Unruhen 1409 und 1427 in der Stadt unter Claus Jesup absieht. Im Bürgerausschuss saßen zumeist Männer, die nach Stand und Beruf ausgewählt wurden. Erst nach den Unruhen von 1830 und 1848 konnten Bürger, die das Wohnrecht in der Stadt haben, auch gewählt werden. Seit dem 7. Oktober 1919 wurde die „Bürgerschaft“ in „Stadtverordnetenversammlung“ um-benannt und die Senatoren wurden zu Stadträten. Eine Bezeichnung, die bis 1990 fortdauerte.
Mit Spannung wurde in der ersten Bürgerschaftssitzung die Wahl zum Bürgermeister erwar-tet. Kandidaten dafür waren Dr. Rosemarie Wilcken von der SPD und Manfred Wahls von der CDU. Mit 29 Stimmen entschied Dr. Rosemarie Wilcken die Wahl für sich und wird die-ses Amt 20 Jahre bis zum 17. Juli 2010 äußerst erfolgreich ausüben. Manfred Wahls bekam 20 Stimmen. An dieser Stelle wurde die Sitzung unterbrochen und man gab den Bürgerschafts-mitgliedern und Gästen ausreichend Gelegenheit, der neuen Bürgermeisterin zu gratulieren. Eine denkwürdige Wahl, denn erstmalig in der nahezu 800jährigen Stadtgeschichte leitete eine Frau die Geschicke der Hansestadt. Die Bezeichnung „Oberbürgermeister“, die mit der Nazi-Gemeindeordnung von 1935 bis in die DDR-Zeit galt, wurde nicht weiter verwendet und Dr. Wilcken benutzte die auch in der Stadtsatzung verankerte Bezeichnung „Bürgermeis-ter“. Zu neuen hauptamtlichen Senatoren wurden Thomas Beyer (NF) für Soziales als 1. Stell-vertreter, Dr. Joachim Behrens (CDU) für Umwelt als 2. Stellvertreter, Burghard Scheffler (CDU) für Bauwesen, Wolfgang Kuhls (SPD) für Finanzen ernannt. Ehrenamtliche Senatoren wurden Thomas Funk (SPD) Jugend, Bernd Wulff (SPD) Wirtschaft, Ulrich Lückstädt (CDU) Fremdenverkehr-Tourismus, Ulrich Litzner (BFD) Bildung, Reinhard Sieg (PDS) Wohnungswesen und Jürgen Cremer (SPD) Kultur. Nahezu alles war neu und die kommunale Selbstverwaltung ein Fremdwort. Dies anzupacken, erforderte einen ungeheuren Arbeitsauf-wand und viel Sensibilität in einer Zeit, wo die Wismarer Bürger alles selbst neu erfassen mussten. Als sehr gut und äußerst nachhaltig hat sich in der Anfangsphase der neuen Entwick-lung und zum Aufbau einer effizienten Verwaltung die Unterstützung durch Egon Hilpert, Senator a.D. aus der Partnerstadt Lübeck erwiesen. Wirksam für die weitere Entwicklung der Stadt erwies sich auch die Einbeziehung aller demokratischen politischen Strömungen in den Aufbauprozess der Stadt, was sich auch in der Besetzung der Senatoren widerspiegelt und ist zumeist in der damaligen ostdeutschen Landschaft einmalig gewesen. Am 1. November1991 schied Dr. Rolf Eggert, er wurde 1992 zum Professor und Lehrstuhlinhaber an der Hochschu-le Wismar berufen, wegen seiner Wahl in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und als Vizepräsident des Landtages aus der Wismarer Bürgerschaft aus. Nachfolger im Amt des Stadtpräsidenten in Wismar wurde Dr. Gerd Zielenkiewitz am 2. November 1990, das er bis zum 26. Juni 2014 ausübte, als der Landtagsabgeordnete Tilo Gundlack (SPD) für dieses Amt von der Wismarer Bürgerschaft gewählt wurde. Dr. Rosemarie Wilcken trat 2002 in einer erstmalig durchgeführten Direktwahl für das Bürgermeisteramt an, und erzielte ein äußerst beachtliches Ergebnis von 79,1 Prozent, was ihre Stellung stärkte. Am 26. März 2015 stimmt die Wismarer Bürgerschaft mehrheitlich dafür, Dr. Rosemarie Wilcken für ihre Verdienste um die Hansestadt Wismar mit der Ehrenbürgerschaft zu würdigen.

Was sonst noch geschah
31. Mai 1932 Rede Adolf Hitlers auf Jahnsportplatz anlässlich der Landtagswahlen. Danach demoliert die Wismarer SA den Konsumverein.
31. Mai 1991 Gründung des Lions-Club Wismar.
31. Mai 1945 Unrechtmäßig erworbene Motor- und Fahrräder sind der Ortspolizei im Stadt-haus am Markt zur angeblichen Rückgabe an die Eigentümer zu überlassen. Erweiterung der Ausgangserlaubnis auf 100 km (außer in die sowjetische Besatzungszone), Gebrauch von Fahrrädern wird gestattet.
1. Juni 1952 Gründung der kommunalen Musikschule Wismar.
1. Juni 1994 Zusammenschluss der Sparkassen Wismar, Grevesmühlen und Gadebusch zur Sparkasse Mecklenburg-Nordwest mit Sitz in Wismar.
1. Juni 2014 Übergabe und Eröffnung des Weltkulturerbezentrum im ehemaligen Haus der Wismarer Kaufmannscompagnie, Lübsche Straße 23.
2. Juni 1811 Verleger Dethloff Carl Hinstorff geboren.
2. Juni 1945 Der englische König hat Geburtstag und Wismars Geschäfte und Ämter bleiben geschlossen.
2. Juni 1993 Kreisgebietsreform und Kreisfreiheit Wismars.
3. Juni 1922 Kaufvertrag zum Bau von 134 Kleinsiedlungen bei Dargetzow und dem großen Exerzierplatz.

Detlef Schmidt

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