Kalenderblatt zum 31. Oktober

  Vom russischen Dampfbad zum Landratsamt

Am 31. Oktober 1927 übergibt Dagmar Podeus, die Witwe des 1924 verstorbenen Paul-Heinrich Podeus, die Villa „Ravelin Horn“ infolge des Konkurses der Podeus AG persönlich an die Stadt Wismar. Sie bezieht eine Wohnung am Turnerweg 11.
Der Name stammt von einem Befestigungswerk aus schwedischen Zeiten, einem „Ravelin“, so der militärische Ausdruck für eine eigenständige dreizackige Wehranlage, die sich mit einem „Hornwerk“ am Festungsgraben befand. Die unweit davon entferne, heute im Lindengarten befindliche Befestigungsanlage, dessen Verlauf noch am Mühlenbach erkennbar ist, hatte den Namen „Vespasian“. Erinnerungen an die schwedische Festungszeit gibt es heute noch mehre-re, wie die „kleine“ und Große Arbeit“, die „Grothusenschanze“ oder an den „Dahlberg“. Am 4. September 1717 begannen auf Befehl der alliierten Streitkräfte, die Wismar im Großen Nordischen Krieg eingenommen haben und die Schweden besiegten, mit den Arbeiten zum Abriss der Festungsanlagen. Die Lage des „Ravelin Horn“ schien günstig und der Gastwirt Stapelfeld war einer der ersten Pächter der das etwa 9.350 Quadratmeter große Grundstück pachtete. Er bekam von der „hohen Krone“ auch das Recht, Wohnhäuser und Gebäude zu errichten, was auch auf die späteren Pächter überging und der erste Kontrakt sollte bis 1847 Gültigkeit haben. Doch da waren die Schweden längst weg, aber der Name „Ravelin Horn“ blieb. Nach Abzug der Schweden 1803 wird „Ravelin Horn“ 1815 als Gartenlokal mit den Namen „Eckertshof“ erwähnt. Pächter Struck kündigte an, dass „eine Gesellschaft von res-pektierlichen Damen und Herren diesen Sommer ihre Gartenlust bei ihm genießen wollten, so dass keine andere Gesellschaft bei ihm Platz haben könne“. 1826 wurden ein neuer Gartensaal und sogar ein Billardhaus angebaut. Doch am 2. Februar 1838 ging das gesamte Gehöft mit allen Anlagen in Flammen auf, und „der schöne Lustgarten des auf einer Halbinsel gelegenen romantischen Lokals ist verödet“, vermeldet ein Zeitungsbericht. Daraus geht hervor, dass dieses Gelände damals noch stark von den vorhandenen Festungsgräben begrenzt und so teil-weise, anders wie heute, von Wasser umgeben war.
Im Oktober 1839 eröffnete dann Heinrich Petersen ein neues Ausflugs- und Gartenlokal und nannte es eingedenk der alten Bezeichnung „Ravelin Horn“. Um sein Gasthaus noch attrakti-ver zu gestalten, richtete Petersen hier zusätzlich ein russisches Dampfbad ein, das regen Zu-spruch fand. Ob da Wismars erste Sauna entstand, ist nicht nachvollziehbar. Dieses existierte von 1842 bis 1860. In jenem Jahr wurde die Gastwirtschaft aufgegeben und Heinrich Petersen betrieb nur noch eine Gärtnerei. 1884 wurde dann das uns heute noch bekannte Gebäude, an dem zwar der Eingangstreppenturm fehlt, durch den vermögenden Gutsbesitzer von Ladiges errichtet, von dessen Erben es am 29. Juni 1901 an den bekannten Wismarer Unternehmer Paul-Heinrich Podeus, dem Sohn von Heinrich Podeus, für 55.000 Reichsmark verkauft wur-de. Schon Ostern 1899 war Paul Podeus mit seiner dänischen Frau Dagmar in das Oberge-schoß eingezogen. Doch jetzt wollte die Vorbesitzerin plötzlich das Haus behalten. Erst An-fang 1901 gab sie auf und Podeus konnte seinen Kaufkontrakt abschließen. Das Haus wurde ganz dem Zeitgeschmack entsprechend eingerichtet und galt als gute Adresse im bürgerlichen Wismar. Die Außenanlagen waren sehr gepflegt und durch die Nähe zum gegenüberliegenden Lindengarten, war es eine ruhige, beinahe ländliche Wohngegend.
In den zwanziger Jahren kamen die Podeus-Werke arg ins wirtschaftliche Trudeln und 1921 wurden die Podeus-Werke in eine Holding überführt. Am 23. Dezember 1925 übernimmt Bürgermeister Raspe die Geschäftsaufsicht über die Maschinenfabrik von Podeus. Letztend-lich waren noch 250 Arbeitsplätze in Gefahr. Wismar hatte zu diesem Zeitpunkt eine Arbeits-losenquote von fast 29 Prozent. Am 31. Mai 1926 fand der gerichtliche Vergleichstermin in Berlin statt und der Konzern hörte auf zu bestehen. Die Hansestadt Wismar übernimmt in Übereinstimmung mit allen Fraktionen der Bürgerschaft am 31.10.1928 eine Bürgschaft von 300.000 Reichsmark mit der Vorgabe, dass Dagmar Podeus als Eigentümerin auf alle Gegen-stände und Immobilien die zur Sicherheit der Bürgschaft dienen Sachen verzichtet. Damit waren zunächst die Arbeitsplätze in einer wirtschaftlich schweren Zeit gesichert. Nach einer Bewertung vom 17. Dezember 1926 wurde für „Ravelin Horn“ 45.000 Reichsmark ermittelt.
Am 31. Oktober 1927 übergab Dagmar Podeus die Villa offiziell an die Stadt Wismar. Diese ging im Zuge des Firmenkonkurses als Bürgschaftsgarantie in deren Eigentum über. In den folgenden Jahren waren hier Verwaltungsabteilungen des Mecklenburg-Schweriner Amtes, ab 1929 Landratsamt für den Landkreis Wismar, nach 1945 der Rat des Kreises Wismar bis 1994 und danach das Katasteramt untergebracht. Seit 2011 ist „Ravelin Horn“ der Amtssitz des Landrates des neu gebildeten Kreises Nordwestmecklenburg mit Wismar als Kreisstadt. Seit 2014 wird der Kreissitz für acht Millionen Euro umgebaut und erweitert und soll ab 2016 be-zugsfertig sein.

Was sonst noch geschah
31. Oktober 1375 Kaiser Karl IV. besucht Wismar aus Lübeck kommend.
31. Oktober 1989 Das Neue Forum ruft zu einem Treff zum Reformationsgottesdienst in St. Nikolai auf. Thomas Beyer vom Neuen Forum hält die Ansprache.
1. November 1881 Benennung der Bahnhofstraße.
1. November 1891 Fernsprechamt geht mit 30 Teilnehmern in Betrieb. Ab 12. Oktober 1903 wurde die Fernsprechleitung unterirdisch verlegt.
1. November 2002 Einweihung des Alten- und Pflegeheimes „Schwarzes Kloster“ der Diako-nie.
2. November 1889 Gründung der Zuckerfabrik Wismar als Aktiengesellschaft. 1890 wird der Betrieb aufgenommen.
2. November 1991 Erster Tag der offenen Tür in der sowjetischen Garnison nach 46 Jahren.
3. November 1897 Das letzte Mal fließt Wasser aus der Wasserkunst auf dem Marktplatz. Ab sofort erfolgt die Versorgung durch den neuen Wasserturm am Turnplatz.
3. November 1862 Eröffnung der „Kleinkinderschule“ (Kindergarten) in der Neustadt 24.
4. November 1934 Einweihung der 1. Deutschen Ahnenhalle in der Kapelle Maria zur Wei-den. Im Februar 1960 Abriss der 1324 erstmalig erwähnten Wallfahrtskapelle Maria zur Wei-den auf dem St.-Marien-Kirchhof ohne denkmalpflegerische Genehmigung. Sie wurde im Krieg beschädigt, war aber aufbauwürdig.
5. November 1818 Gründung des Musikvereins (zweitältester in Deutschland) im Briesemann-schen Gasthof, heute Fründts Hotel an der Schweinsbrücke, durch Bürgermeister Carl von Breitenstern (Bürgermeister 1814-1825). Aufführung des Oratoriums „Der Messias“ von Jo-seph Haydn mit 100 Sängern in St. Nikolai Ende 1816.
5. November 1989 Öffentliches Forum zu Fragen Handel und Versorgung in der Sporthalle.
7. November 2011 Gottfried Kiesow, Ehrenbürger von Wismar seit 2004, gestorben. Geboren 7. August 1931.
7. November 1989 1. Demonstration auf dem Wismarer Markt mit 40-50tausend Menschen.
8. November 1848 Logiker Prof. Dr. Gottlob Frege geboren (Böttcherstr. 2), gestorben 26. Juli 1925.

Detlef Schmidt

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