Kalenderblatt zum 4. April

Dort wo früher die Funken stoben, ist Kultur, Handel und Geselligkeit
Am 4. April 2011 wurde die Wismarer Markthalle eingeweiht

Der Markthalle am Alten Hafen in Wismar sieht man ihr wahres Alter nun wirklich nicht an. Sie hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich und sieht doch jünger aus, als sie ist. Sie ist eines der letzten Zeugen der Industrialisierung Wismars. Maßgeblichen Anteil hatte der 1832 in Warnemünde geborene Kapitän Heinrich Podeus, der 1870 in Wismar ein Kohlenimportun-ternehmen gründete. Weitere Unternehmen wie Hobelwerke, Reederei und der Kauf der Ei-sengießerei von Friedrich Crull & Co. folgten. Besonders die Übernahme der Eisengießerei war prägend für den weiteren Unternehmensverlauf. In der Eisengießerei wurden Zulieferun-gen für Werften, Schiffsneubauten, aber auch für den Häuserbau und die Kanalisation gefer-tigt. An einigen Wismarer Häusern und besonders alten Schaufenstern kann man Podeus´sche schmiedeeiserne Säulen entdecken. 1893 gründete Heinrich Podeus mit seinem Sohn Paul eine Eisenbahnversuchsanstalt, in der 1895 der erste Eisenbahnpersonenwaggon gefertigt wurde. Schnell entwickelte sich dieser Unternehmenszweig und durch eine hervorragende Qualitäts-arbeit konnte der Absatz sprunghaft gesteigert werden. Nach dem Tod von Heinrich Podeus, der hochgeehrt am 21. Juli 1905 verstarb, waren es seine Söhne Heinrich Podeus jun. und Paul-Heinrich Podeus, die die Unternehmen weiter führten, wobei Paul-Heinrich Podeus, die inzwischen zur Waggonfabrik umbenannte Eisengießerei übernahm. Seit 1906 gibt es eine „Podeusstraße“
Während auf dem Gelände der alten Eisengießerei die Podeus´sche Maschinenfabrik entstand, in der seit 1902 landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge, LKW und ab 1910 der erste Wismarer PKW gefertigt wurde, war das Gelände für die Waggonfabrik zu klein geworden. Zwischen Platter Kamp und Bleicher Weg, an der Eisenbahnstrecke nach Schwerin gelegen, dehnte sich das Firmengelände auf 170.000 Quadratmeter aus, wovon 50.000 Quadratmeter überdacht waren. In Spitzenzeiten arbeiteten in den Podeus’sche Unternehmen bis zu 1.600 Mitarbeiter. Somit war das Unternehmen führend in der Region aber auch das soziale Engagement des Unternehmens war hervorragend. Von einer Betriebsbibliothek bis hin zu Werkswohnungen waren viele soziale Einrichtungen beispielgebend. In der Waggonfabrik wurde 1909 der 5.000ste Waggon ausgeliefert. So lieferte man für Stettin, Rostock und auch Schwerin Wag-gons für die Straßenbahnen und die neuen S-Bahnen in Hamburg und Berlin erhielten aus Wismar ebenfalls ihre Waggons. Exporte gingen nach Holland und Dänemark, sowie bis nach China. Die Wismarer hatten sich einen Ruf in der Qualität erworben und das zahlte sich aus. 1911 wurde die bis dahin Eigentümer geführte Waggonfabrik in eine Aktiengesellschaft um-gewandelt. Bis zum I. Weltkrieg lief die Produktion auf hohen Touren und während des Krie-ges baute man hier auch Fahrzeuge für das Heer. 1917 verließen der 10.000 Waggon die Hal-len am Platten Kamp. Nach dem I. Weltkrieg erhielt die Wismarer Waggonfabrik steigende Aufträge von der Reichsbahn. Deutschland hatte als Kriegsverlierer unter anderen 50.000 Waggons an die Siegermächte abzuliefern. Die Belegschaft wurde aufgestockt und da die alten Hallen, die um 1900 errichtet wurden, zu klein waren, baute man über die alten Hallen 1922 die neue Halle darüber. Das war die Geburtsstunde der heutigen Markthalle am alten Hafen, die in diesem Jahr nun 90 Jahre alt ist.
Hier wurden moderne Waggons, vom Speisewagen bis zum Salonwagen, gebaut. Es entstan-den hier in den kommenden Jahren auch Omnibusse, wie die nach Berlin ausgelieferten Dop-pelstockbusse und die bekannten dieselbetriebenen Eisenbahntriebwagen, die sogenannten „Schweineschnäuzchen“. Nach dem II. Weltkrieg wurde die Wismarer Waggonfabrik aufge-löst, die Unternehmen aufgeteilt. Es entstand an der Dr.-Leber-Straße der „Alubau“ und zwi-schen Platter Kamp und Kanalstraße auf dem Gelände der Waggonfabrik gab es das Press- und Schmiedewerk „Hein Fink“ und das Zweigwerk des Dieselmotorenwerkes Rostock. Die alten Hallen im ehemaligen Schmiedewerk und der vormaligen Waggonfabrik fristeten der-weil nach 1990 ein trostloses Dasein. 2009 wurde die alte Fertigungshalle abgebaut, in ihre Einzelteile zerlegt und mit einem Sandstrahl gesäubert. Seit dem 4. April 2011 erstrahlt die 50 Meter mal 25 Meter große Halle sichtlich verjüngt in neuem Glanz und ist ein sichtbares Zei-chen einer fast vergessenen Industriekultur. Bislang fanden auf den nahezu 1.300 Quadratme-tern Märkte, Konzerte, Festivals und auch gesellige Zusammenkünfte statt. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 2,31 Millionen Euro mit Unterstützung durch Fördermittel.

1. April 1893 Ende der „Wismarer Ortszeit“, die 15 min Differenz zur MEZ hatte
1. April 1910 Verkauf des Hauses am Markt 19 an Bäckermeister Olden-burg, der hier die Gaststätte „Reuterhaus“ einrichtet. Das Haus wurde 1988 wegen „Baufälligkeit“ komplett abgerissen und sofort 1989 ohne Fassa-denerker als Neubau wieder hochgebaut. Die Plastik an der Giebelseite zeigt den Verleger Hinstorff mit seinem Dichter Fritz Reuter. Die Plastik erschuf der Bildhauer Rainer Kessel aus Neu Nantrow im Landkreis Nordwestmeck-lenburg.
1. April 1888 Einweihung des Postamtes in der Mecklenburger Straße 18.
1. April 1891 Einweihung der Mädchen-Bürgerschule in Dahlmannstraße (seit 1946 Fritz-Reuter-Schule) Architekt Gustav Dehn.
1. April 1895 Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Otto von Bismarck.
1. April 2003 Einweihung des AWO Kindergarten „Löwenzahn“ am Bür-gerpark.
2. April 1933 Die Mädchenbürgerschule in der Dahlmannstraße wird in Adolf-Hitler-Schule umbenannt und SA Leute stehen mit Schildern vor jüdi-schen Geschäften.

Detlef Schmidt

 

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