Kalenderblatt zum 4. August

 

Folgenreicher Beschluss in der Stadtverordnetenversammlung

Am 4. August 1960 tagte die Wismarer Stadtverordnetenversammlung in einer außeror-dentlich einberufenen Sitzung mit nur einem Tagungsordnungspunkt, um ihre Zustimmung zu einem von der SED-Bezirksleitung Rostock herausgegebenen Order zu geben. Am 17.Februar 1960 hatte die Parteileitung der SED in Wismar aus Rostock die unmissverständliche Order bekommen, den Abbruch des Kirchenschiffes von St. Marien unverzüglich in die Wege zu leiten. Es war eine eindeutig festgelegte Order aus ideologischen Gründen, wobei man die finanziellen Engpässe nur vorschob. Aus den gleichen ideologischen Gründen wurden in der DDR die Leipziger Universitätskirche und andere Kirchen, wie in Potsdam, zerstört. Schon im Februar 1960 war die Wallfahrtskapelle „Maria zur Weiden“ ohne Genehmigung entfernt worden. Die Wismarer Genossen der SED-Kreisparteileitung leiteten die Order der SED-Bezirksleitung im März 1960 unverzüglich an Oberbürgermeister Herbert Fiegert mit einem verbindlichen Auftrag zur Ausführung weiter. Wie wichtig die Angelegenheit für die SED war zeigt, dass sich der oberste SED-Bezirksparteichef Karl Mewis selbst einschaltete und im Juli 1960 kritisierend anfragte, wie weit „die Sache nun gediehen sei“. Um den Bürgern diese „Kulturschandtat“ schmackhaft zu machen, wurden Pläne zur Umgestaltung des Marienkirch-platzes mit einem Theater öffentlich vorgestellt. Hinzu kam eine breit angelegte gesteuerte „Leserbriefaktion“ in der Tageszeitung, wo ausnahmslos nur positive Stimmen zum Abriss von St, Marien abgedruckt wurden. Nachweislich geschriebene Protestbriefe wurden nicht veröf-fentlicht. Eine „Expertenkommission“ untersuchte am 9. Juni 1960 die Ruine und schrieb am gleichen Tag (!) ein „Gutachten“ von einer halben DIN A 4 Seite – ein Schreiben, das nicht das Blatt Papier wert ist, auf dem es geschrieben wurde. Ein vom Institut für Denkmalpflege in aller Eile in Auftrag gegebenes Gutachten wurde nicht mehr in Erwägung gezogen, den Experten wurde sogar der Zugang zu St. Marien verwehrt.
Nun wurde vielen erst richtig deutlich, wie groß die Gefahr für St. Marien war. Der Kirchge-meinderat und engagierte Wismarer Bürger wandten sich vergeblich an den Wismarer Rat und an die DDR Regierung. Die Kreisleitung der SED hatte am 3. Juni 1960 beschlossen, dass die Stadtverordnetenversammlung den Abbruch der Kirche zu beschließen habe!! Dieser „Beschluss“ kam am 4. August 1960 zustande. Von 60 Stadtverordneten waren 55 anwesend und 60 Gäste. Oberbürgermeister Herbert Fiegert eröffnete die Versammlung und erläuterte den Abgeordneten die Gründe für einen Abriss, als da sind: „Gefährdung der Ruine für Kin-der, die hohen Kosten für einen Wideraufbau, das merkwürdige Gutachten vom 9. Juni und versprach, dass die Steine für Neubauten verwendet würden. Außerdem würde man den schändlichen Luftangriff anglo-amerikanischer Luftverbände damit ausmerzen.“ Das war wieder die alte Lüge der DDR-Ideologen, denn es gab keine anglo-amerikanischen Verbände, aber man wollte für Zerstörungen ausschließlich den Westen verantwortlich machen. Von Zer-störungen durch die Rote Armee ist nie etwas verlautet worden. Der Schweriner Landes-denkmalpfleger Serafim Polenz sprach sich in der Stadtverordnetenversammlung massiv ge-gen den Abbruch. Er plädierte für einen Erhalt des Kirchenschiffes zur Nutzung als „Kultur-kirche“. Maßgebliche Vertreter der Landeskirche waren sich auch nicht einig und mit der Größe von St. Marien überfordert. Da St. Marien ein Denkmal war, wäre die Stadt in der Pflicht, dies zu erhalten. Einstimmig stimmten die 55 Wismarer Stadtverordnete der SED-Order zu, St. Marien den Todesstoß zu versetzen.
Bei den Bürgern gab es unterschiedliche Meinungen dazu und auch massiven Protest. So wie vom Wismarer Dr. Jürgen Gundlach, der mit einem Protestschreiben an den Ministerpräsiden-ten der DDR seine junge akademische Laufbahn aufs Spiel setzte. Es war auch vielfach stiller Protest zu merken. Nach Meinung führender SED Funktionäre waren dies „von der Nato und westlichen Aggressoren gesteuerte Meinungen“. Jetzt erst merkten viele Bürger, was sie verlo-ren hatten. Der brutalen Zerstörung von St. Marien ging ein jahrelanger, von vielen unbemerk-ter, Prozess voraus. Die Situation nach dem II. Weltkrieg mit den politischen Umwälzungen stellte auch in Wismar alles auf dem Kopf, was bislang als richtig und gut galt. Waren viele Wismarer gleich nach dem Krieg bis in die fünfziger Jahre hinein noch fest überzeugt davon, dass die beiden zerstörten Kirchen wieder aufgebaut würden, so verhielten sich durch die ver-stärkte kirchenfeindliche Politik und deren massive Agitation große Teile der Bevölkerung wenn nicht gerade feindlich, so doch mehr und mehr gleichgültig gegenüber den Kirchen. Die 1951 von Mitgliedern der Kirchgemeinden erbaute Neue Kirche sollte bis zur Wiederherstel-lung der beiden großen Kirchen als Notkirche für die obdachlos gewordenen Kirchgemeinden dienen.
Über dem St.-Marien-Kirchhof ertönte am frühen Sonnabendmorgen des 6. August 1960 kurz nach 9 Uhr das dreimalige Signal des Sprengmeisters und genau um 9.08 Uhr verrichtete die erste Sprengladung ihre zerstörerische Wirkung. Als die ersten Staubwolken sich verzogen, sahen die Wismarer mit ungläubigem Entsetzen, dass ein Teil des Kirchenschiffes von St. Ma-rien zu einem Schutthaufen zusammen gesunken war. Die St.-Marien-Kirche war am 14. April 1945 durch englische Luftminen schwer beschädigt worden, doch an diesem 6. August 1960 begann die endgültige Vernichtung von St. Marien. Weitere Sprengungen erfolgten am 10., 16. und 26. August 1960. Alle Bewohner im Umkreis von 150 Meter waren durch kurz zuvor angebrachte Plakate aufgefordert worden, zu diesem Zeitpunkt ihre Wohnungen zu verlassen und die Fenster wegen der Druckwellen zu öffnen.
Aus den Versprechungen der Stadt gegenüber der Kirche wurde nicht viel. Das Archidiako-natshaus wurde aufgebaut und es entstand auf dem Kirchenboden von St. Marien, der Teil des alten Wismarer Friedhofes ist, ein Parkplatz. Erste Sanierungsarbeiten am St. Marienturm blieben, außer der Instandsetzung der Turmuhr und des Glockenspieles, das zudem noch aus dem damaligen „Westen“ von Altschülern der Großen Stadtschule bezahlt wurde, im Ansatz stecken. Auf dem Platz von Maria zur Weiden wurde eine noch heute existierende Betonde-cke gegossen und der damalige VEB Fleischwirtschaft stellte dort seine Fahrzeuge ab. Im „sozialistischen Stadtteil“ Wendorf wurde 1966 das „Haus der Begegnung“ geweiht. Man vermied damals das Wort „Kirche“. Die St.- Georgen-Kirche verfiel immer mehr und erst ab 1990 war die Zeit reif für einen Wiederaufbau. St. Marien ist durch die Sichtbarmachung der Umfassungsmauern des Kirchenschiffes längst wieder aktuell und sollte Mahnmal sein, das sich ein 14. April 1945 und ein 6. August 1960 nicht wiederholen darf.

Was sonst noch geschah
5. August 1995 Erstes Wismarer Buchtschwimmen der DLRG Wismar von Hinterwangern auf der Insel Poel nach Hohen Wieschendorf. Initiator der 3,5 Kilometer langen Strecke ist Dr. Joachim Behrens (Jahrgang 1947).
6. August 1960 Erste Sprengung von insgesamt vier an St. Marien (10., 16. und 26. August weitere Sprengungen).
7. August 1970 Einweihung der Hochbrücke – mit 400 Metern längste Spannbetonbrücke der DDR (15 Mio. Mark Baukosten).
7. August 1931 Gottfried Kiesow, Ehrenbürger von Wismar 2004, geboren. Gestorben 7. No-vember 2011.
9. August 1948 Das Karstadt Kaufhaus firmiert jetzt als „Mecklenburgisches Kaufhaus VEB“.
09. August1959 – 7. Hanseatenring-Rennen für Motorräder und Seitenwagengespanne, sowie Autos. Es waren 102 Fahrer am Start, die fünf Rennen fuhren. Im 2. Rennen gab es in der 56. Runde in der Südkurve einen schweren Unfall. Das Rennen wurde von Ausweisfahrer mit Motorrädern der 250 ccm Klasse gefahren. Ein Fahrer aus Sachsen und zwei Zuschauer star-ben dabei und es gab neun Schwerverletzte. Das Rennen wurde daraufhin abgebrochen und es fanden keine Motorrennen mehr statt.
10. August 1882 Verleger Dethloff Carl Hinstorff gestorben.
10. August 1959 Eröffnung Betonwerk Lenensruher Weg.
12. August 1951 Weihe der Bartning-Kirche (Neue Kirche am St. Marien-Kirchhof) Entwurf: Kirchenbaumeister Prof. Otto Bartning.

Detlef Schmidt

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