Kalenderblatt zum 4. Juli

Vom Poeler Konsulat nach New Orleans

Am 4. Juli 1997 eröffnete die Schwerinerin Andrea Niemann mit gerade mal 24 Jahren nach zweijäh-riger Bauzeit das Hotel & Restaurant „New Orleans“. Unbewusst setzte sie damit eine Tradition fort, die es an diesem Standort schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gibt. Über den Hafen, kamen früher wie heute, der größte Anteil von Fremden in die Stadt. Dies erkannte Heinrich Greiff, der am 24. Juni 1851 das Wismarer Bürgerrecht erhielt und richtete in einem kleinen Haus an der Stadtmauer zum Hafen hin, die Gaststätte mit Logis „Hafen-Halle“ ein. Zu diesem Zeitpunkt war die alte Stadtmauer noch vorhanden, aber es waren schon „einige Steine locker“, um sie durchlässiger zu machen. Heinrich Greiff verstarb mit 84 Jahren 1884. 1878 hatte sein Sohn Georg-Greiff-Haus und Gastronomie schon übernommen und ließ das alte Haus 1899 abreißen und durch den heute noch vorhandenen Bau ersetzen. Die einengende Stadtmauer war weg und das Geschäft lief gut. Eine Zeitlang hatte Georg Greiff über der Eingangstür das Schild „Poeler Konsulat“ mit etwas hinter-sinnigem Humor stehen. Die gegenüberliegende Kai war der Anlegeplatz des Poeler Postbootes und der erste Weg mag die Poeler in die „Hafenhalle“ geführt haben, sei es für einen ersten „Köm“ oder nur, um einmal die schnell benötigte Toilette zu benutzen. Sicher ist, dass viele Besucher und Gäste aus dem Hafen kamen und die Winterlieger, Schiffe, die im Hafen blieben, trafen sich sicher-lich auch hier. Für die Betreuung von Seeleuten wurde schon damals einiges aufgewendet. So wur-de am 14. Juni 1908 die schwedische Seemannsmission in der Kleinen-Hohe-Straße 26 (Eckhaus) durch den schwedischen Pastor Setelius aus Kiel mit einem kirchlichen Seemannsfest eingeweiht.
Georg Greiff verstarb 1914 und sein Sohn Heinrich Greiff übernahm die „Hafenhalle“, der dies an Hans Möller verkaufte und Theodor Körner wurde Pächter. Nach der Besetzung Wismars durch die Rote Armee, ist die „Hafenhalle“ von der sowjetischen Kommandantur beschlagnahmt worden und der Eigentümer enteignet. Hier wurde die DERUTRA (Deutsch-Russische-Transportgesellschaft) eingerichtet. Da es für 800 Hafenarbeiter keine Quartiere gibt, wird die Kommandantur um Räu-mung der Hafenhalle gebeten und ihnen das „Reuterhaus“ oder die „Wallhalle“ angeboten. Letzt-endlich kommen viele Hafenarbeiter im Hause unter und die Hafenkommandantur. 1948 hatte sich die Wohn- und Arbeitssituation der Hafenarbeiter gefestigt, der Name „Hafenhalle“ verschwindet komplett und es entsteht das Klubhaus des Hafens, mit der Hauptaufgabe, ausländische Seeleute zu betreuen. Für die meisten Wismarer war dieses Haus ein geheimnisvolles, denn das Betreten war nur einem bestimmten Personenkreis gestattet. Dies wurde noch deutlicher als am 16. März 1956 die ehemalige Gaststätte „Hafenhalle“ in den „Internationaler Club der Seeleute“ (Interclub) umgewandelt wird. Nach Aussage von Markus Wolf, der Leiter der Auslandsaufklärung, ging die Idee für die Gründung der Interclubs auf den damaligen Staatssicherheitschef Ernst Wollweber zurück. Wollweber war seit den 30er Jahren hochrangiger kommunistischer Funktionär in der Inter-nationale der Seeleute und Hafenarbeiter. Die Clubs in den Hafenstädten der DDR sollten allen Seeleuten, auch aus der DDR, offenstehen und der gegenseitigen Kontaktaufnahme dienen. In der DDR unterlagen solche Kontaktaufnahmen einer strengen Kontrolle durch den Staatssicherheits-dienst, der auch im Interclub ständig präsent war. Im Klub gab es Barbetrieb und Tanzveranstaltun-gen, zu denen Frauen jederzeit freien Eintritt hatten, oft auch mit Fremdsprachenkenntnissen. Auch Hotelzimmer standen zur Verfügung. Nach Auflösung der DDR waren die Voraussetzungen für einen Interclub, der eben nur der Spionage und nicht der Betreuung diente, hinfällig. 1995 übernahm Andrea Niemann die Immobilie und ließ das Haus zu einem Hotel mit Restaurantbetrieb umbauen. Als begeisterte Jazz- und Blueshörerin kam sie auf die US-amerikanische Südstaaten-stadt New Orleans als Namensgeber für ihr Haus und ein Besuch dorthin bestätigte ihr, dass sie genau das wollte. Das Interieur des Restaurants, besonders das Rückbuffett, nachgebaut von ei-nem Wismarer Tischler, gibt den „Spirit of New Orleans“ wider, der auch in den zahlreichen Live-Konzerten zum Ausdruck kommt. 2009 erweiterte sie ihr Haus mit mehr Bettenkapazität und einem „Frenchcafe“. Das „New Orleans“ bereichert das Gastronomieangebot im Hafenbereich und seine Gäste aus der Region und weit über die Grenzen hinaus sind begeistert vom Haus, der Lage und dem Angebot.

Was sonst noch geschah
5. Juli 1859 Ausbruch der Cholera in Wismar.
5. Juli 1945 Die Wismarer müssen ihre Uhren nach Moskauer Zeit zwei Stunden vorstellen.
5. Juli 1995 Anbringung des Schildes „Tittentasterstraße“ mit diebstahlsicheren Schrauben am Haus Markt 23, nachdem das Vorgängerschild nach nur einem Tag entwendet wurde.
6. Juli 1990 In Wismar werden 1.200 Arbeitslose gemeldet. Einen Monat später steigt die Zahl auf das Doppelte.
7. Juli 1947 Durch Befehl 93 der SMA wird die Demontage des ehemaligen Luftwaffenlazarettes beendet und Notwohnungen eingerichtet. Nach Antrag von zweiundzwanzig Wismarern sowie Oberbürgermeister Herbert Säverin vom 17. Juni 1947 an den Ministerpräsidenten, erhält es den Namen „Friedenshof“, ein Name, der später auf das gesamte Wohngebiet angewendet wird.
10. Juli 1992 Eröffnung des Wismarer Frauenhauses in der Schulstraße 14.
10. Juli 2000 Kiellegung der Poeler Kogge.
10. Juli 2001 Die Fischer erhielten als Ersatz für verloren gegangene Schuppen auf der Fischerkuppel neue Fischerhütten mit Spitzdach.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwei + zehn =