Kalenderblatt zum 4. Juni

  Wo der Löwe grüßt

 Am 4. Juni 1851 wird in einer Anzeige erstmalig die Löwen-Apotheke als „Wohn- und Apothekenhaus, früher die untere Apotheke, jetzt die Löwen-Apotheke genannt“ erwähnt. Das Haus in der Bademutterstraße 2 oder am Hopfenmarkt gelegen, hat eine beeindruckende Fassade. Die Straßenfassade ist zwar im 19. Jahrhundert teilweise im Neorenaissancestil umgestaltet worden, doch ihr sicherlich zuvor aus der Entstehungszeit gotischer Ursprungsstil ist nicht zu verleugnen. Es gehörte der Familie von der Lühe und hatte ursprünglich auch die Braugerechtigkeit und trägt somit ebenso wie der Hopfenmarkt zur Tradition des Bierbrauens in Wismar bei. In diesem Hause gründete 1659 mit Genehmigung des Rates der Stadt der Sohn des Ratskellerpächters Mathias Scheffel mit 40 Jahren die zweite Apotheke der Stadt. Nun wurde kein Bier mehr gebraut, sondern man konnte unter anderem auch „scharfen Schnaps“ bekommen. Diesen verkauften früher Apotheken als Medizin und nicht auszudenken, wenn es diesen heute noch auf Rezept gäben würde. Natürlich war die Herstellung von Medikamenten die alleinige Aufgabe des Apothekers, doch es gehörten eben auch einige Sorten von Wein dazu. Über alles wachte der Wismarer Rat und gab 1599 eine Ratsverordnung gegen „etlicher schedtlicher mengel und mißgebräuche auff ihrer apoteken“ heraus.

Mit dem Aufblühen der Stadt nach dem dreißigjährigen Krieg und der Übernahme des Hauses als Apotheke, wurde es dem Stile der Zeit entsprechend angepasst und mit einer barocken Fassade versehen. Man nannte sie im Gegensatz zur Ratsapotheke am Markt die „untere“ oder „kleine“ Apotheke. Diese beiden Namen haben sich beinahe 200 Jahre gehalten, ehe sie wie heute Löwen-Apotheke heißt. Apotheken haben nahezu alle einen Namen, die teilweise aus der christlichen Religion stammen, aber auch viele Tiernamen, wie Greif, Pelikan, Schwan, Storch, die nach wie vor als Apothekenname verwendet werden, haben ebenso christliche Bedeutung, ist doch Christus der eigentliche Heiler. Zahlreich sind die Hirsch-Apotheken, denn der Hirsch soll sich vom Lebens- oder Weltenbaum ernähren. Die Klauen des Hirsches dienten als Amulett, Talg, Blut und Horn finden in der Volksmedizin Verwendung. Der Löwe, der schon im alten Orient Symbol der Stärke und des Königtums war, spielt in der christlichen Symbolik und in der Volksmedizin eine besondere Rolle. Löwengalle soll als Augenheilmittel und das in Spiritus destillierte Löwenhirn gegen die Pest wirksam sein.

Nach dem Tod des Gründers der Apotheke übernahm sein Sohn Jürgen-Joachim Scheffel die väterliche Apotheke, und von ihm ging sie wiederum auf seinen Sohn Mathias Scheffel über. Dieser verkaufte sie 1766 an Dietmar Allhusen, der jedoch elf Jahre später „durch einen unglücklichen Fall im Keller seinen Tod gefunden“, so eine ältere Aufzeichnung. Wismar wurde als schwedische Festung in viele kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Die schwerste von diesen war der Nordische Krieg zu Beginn des 18.Jahrhunderts. Aus dieser Zeit stammt noch eine Kanonenkugel im Gebälk des Hinterhauses, die bei einer Bombardierung durch dänische Truppen dort stecken blieb und so als Zeuge für eine für Wismar schlimme Zeit steht.

Die nächsten Besitzer der Apotheke waren dann Peter Heinrich Ahrens, danach seine Witwe, bis schließlich die Erben 1827 an den Apotheker Ludwig Fabricius für 1500 Taler verkauften. Im Kaufkontrakt vom 27.Februar 1827 schrieb man von einem „Wohn- und Apothekenhause“, genannt die „untere Apotheke“. Dagegen nannte man die Apotheke bei einer erneuten Veräußerung im Kaufkontrakt mit dem Apotheker Carl Beckmann vom 4.Juni 1851 „Wohn- und Apothekenhaus, früher die untere Apotheke, jetzt die Löwen-Apotheke genannt“. Weitere Besitzer dieser zweitältesten Apotheke der Stadt waren dann Carl Lössin, Hans Kuhlmann und Werner Radloff und zuletzt bis 2004 die Apothekerin Lisa Poppe aus Bad Kleinen.

Seit etwa derselben Zeit, um die Mitte des 19.Jahrhunderts, hat der Löwe über dem Eingangsportal als Wappentier des Hauses seinen Platz. Mehrmals war er schon diebischen Anschlägen ausgesetzt, doch immer wieder kehrte er glücklicherweise an seinen Platz zurück. Das letzte Mal war er kurz nach der „Wende“ 1990 verschwunden und wurde einige Tage später wieder gefunden. Da man wohl annimmt, dass er aus Metall ist, ist man hinterher enttäuscht, dass er doch eine Mischung aus Gips und Holz ist. Doch noch eine Besonderheit und stilistische Kostbarkeit birgt dieses Haus. Die Fenster der Offizin und der Arbeitsräume im Erdgeschoß wurden zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit einer Jugendstilverglasung ausgestattet. Diese sind uns bis heute trotz Kriege und manch anderer Umstände nahezu unversehrt erhalten geblieben.

Die Löwen-Apotheke ist ein Blickfang für jeden Touristen und Besucher der alten Hansestadt Wismar. Wismars zweitälteste Apotheke wurde Ende 2004 wegen wirtschaftlicher Effektivität geschlossen. Dafür haben ein ansprechendes Café mit Ferienwohnungen und ein Weinkontor mit einem gesunden Angebot hinter historischen Mauern geöffnet und so bleibt Leben im Haus.

Was sonst noch geschah

  1. Juni 1911 Arzt und Historiker Dr. Friedrich Crull gestorben.
  2. Juni1932 Rede Joseph Goebbels im Schützenhaus und im Hotel „Zur Sonne“.
    6. Juni 1229 Grundstücksüberlassungsurkunde des Landesfürsten Johann I. an „seinen Bürgern“ zwischen Wendorf und der Köppernitz (erste Erwähnung der Stadt Wismar) „ Geburtsurkunde der Stadt Wismar“.
  3. Juni 1940 Erster Fliegeralarm im 2. Weltkrieg für Wismar.
  4. Juni 1907 Der Gefangenenturm wird während eines schweren Gewitters von einem sogenannten kalten Schlage getroffen und beschädigt.

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

 

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