Kalenderblatt zum 4. Mai

Ein Haus für Kinder mit langer Tradition

Am 4. Mai 1795 gründete der Pastor und spätere Superintendent an St. Marien, Christian Balthasar Koch, im Eckhaus Neustadt-Lübsche Straße eine Schule für Kinder aus armen Verhältnissen. Neben Lesen und Rechnen erlernten hier die Kinder auch praktische Arbeiten. Es war keine Schule nach heutiger Definition, aber ein Anfang ärmeren Schichten mehr Bildung zu vermitteln. Dies war das Hauptanliegen von Pastor Koch. Trotz Einführung des Schulzwangs im Jahre 1684 in Mecklenburg ließ sich ein regelmäßiger Schulbesuch nicht durchsetzen. Da im Sommer die Kinder bei der Feldarbeit benötigt wurden, fand Unterricht nur im Winter statt. Herzog Friedrich erließ 1756 ein Schulzwang-Gesetz, jedoch im ehemals schwedischen Wismar wurde dies erst am 1. März 1855 durchgesetzt. Der Pastor und späterer Superintendent an St. Marien, Christian Balthasar Koch, wurde am 31. März 1751 in Vilmitz auf Rügen als Sohn eines evangelischen Geistlichen, und späteren Lehrer am Pädagogicum Bützow, geboren. Christian Koch war vom 27. März 1788 bis 1811 an St. Nikolai in Wismar als Pfarrer tätig. Am 6. April 1807 wurde er Superintendent und wechselte zum 16. September 1811 nach St. Marien, wo er bis zu seinem Tode am 15. Februar 1830 predigte. Am 1. September 1825 wurde er zum Kon­sis­to­ri­al­rat für den Kirchenkreis Wismar ernannt. Seit dem 22. Juni1786 war er mit Justine Behrmann aus Rostock verheiratet. Der einzige Sohn Friedrich, fiel 1813 als Leutnant beim mecklenburgischen Jägerregiment in einem Gefecht gegen die Franzosen.

Christian Koch lag besonders die ärmere Bevölkerung am Herzen und sah wie diese im noch schwedischen Wismar kaum Chancen hatten. Auf seine Initiative gründete er im Eckhaus Lübsche Straße, Neustadt am 4. Mai 1795 die erste Freischule. In Wismar erhielten Kinder je nach Vermögen eine Ausbildung oder keine. Wie notwendig das Wirken Kochs war, zeigt ein Ausschnitt aus dem ersten Jahresbericht der Stiftung: „Auf sechs Mädchen die während des harten Winters im armseligsten Zustande täglich vor den Häusern bettelten, war zuerst mein Augenmerk gerichtet, und ich wollte versuchen, ob es möglich sein werde, diese Kinder zu retten. Ich gab meine Absicht hie und da zu erkennen und fand bald, dass ich auf Unterstützung einige Rechnung machen durfte. Ich erhielt zur ersten Einrichtung der Schule Materialien und Werkzeuge, Wolle und Hede, Spinnräder, Haspel und Stühle, mehrere schickten mir abgelegte Kleidungsstücke, einige etwas Geld, und zwölf Familien verpflichteten sich außerdem, die Lehrmeisterin der Reihe nach alle sechs Wochen einmal zu Mittag zu speisen. Nun fragte ich die Eltern, ob sie darin willigen wollten, dass ihre Kinder in einer freien Schule in nützlicher Arbeit unterrichtet würden, und versprach ihnen in diesem Falle und unter der Bedingung, dass sie vom Betteln abstehen würden, nicht nur alles dazu Nöthige herbeizuschaffen, sondern auch den Kindern bessere Kleidung zu geben und ihnen die Arbeit, sobald sie brauchbar sein würde, zu bezahlen. Alle willigten ein.“ Der erste Unterricht konnte aufgenommen werden und die Frau eines Webers hatte sich bereit erklärt, für eine wöchentliche Vergütung von zwölf Schillingen, die sechs Mädchen und zehn Jungen zu unterrichten. Die Freischule hatte einen guten Zulauf, sodass die Räumlichkeiten zu beengt waren. Einen freien Platz für einen Neubau fand man in der unteren Mecklenburger Straße in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Schwarzen Kloster und der Stadtmauer. Christian Balthasar Koch, der Gründer der Stiftung starb am 15. Februar 1830, was jedoch den Fortgang der Stiftung nicht beeinträchtigte. Auf Verfügung des mecklenburgischen Großherzoges und in Andenken an die Verdienste des Stiftungsgründer Christian Koch, wurde am 21. Mai 1831 „auf höchste Anordnung“ verfügt, dass „zum immerwährenden Andenken des Stifters für alle kommenden Zeiten“ der Name „Kochsche Stiftung“ erhalten bleiben soll.

Der Neubau der Freischule ist am 23. November 1838 abgeschlossen. Das Haus wurde, da die Mittel der Stiftung mit 1839 Taler nicht ausreichten, wurde diese mit freiwilligen Beiträgen der Bürgerschaft und auch von der neu gegründeten Ersparniß-Anstalt, der heutigen Sparkasse, unterstützt. Weitere Sachspenden kamen von Wismarer Handwerkern, wie den Nagelschmieden, Tischlern, Malern, Klempnern und Ofenbauern. Nach fertigem Besuch konnten im Haus drei Lehrer wohnen und bis zu 300 Kinder konnten hier kostenlos unterrichtet werden. Die Freischule unterrichtete bis 1913 ohne Entgelt. Nach der Zerstörung der Marien- und Georgenkirche 1945 fanden hier bis zur Fertigstellung der neuen Kirche 1951 auch Gottesdienste der Kirchgemeinden von St. Marien und St. Georgen statt.

Einen guten Ruf hatte die Kochsche Stiftung schon zu DDR-Zeiten als Kindergarten, wo viele Eltern es genossen, dass ihren Kindern die allgemein üblich ideologische Ausrichtung schon im Kindergartenalter erspart blieb. Heute ist es wieder ein Kinderhaus mit Krippe für insgesamt 24 Kinder, für Kindergarten mit 59 Plätzen und im Hortbereich können bis zu 22 Schüler betreut werden. Wie zu Gründungszeiten mit Pastor Koch, werden alle Kinder aufgenommen, ohne Ansehen der Herkunft und Konfession. Am 29. Januar 2016 ist auf dem Grundstück der „Kochsche Stiftung“ in der Mecklenburger Straße eine neu erbaute Kinderkrippe eingeweiht worden. Träger des evangelischen Kinderhauses Kochsche Stiftung ist seit 1991 die evangelischen Kirchgemeinde St. Marien und St. Georgen in Wismar.

Was sonst noch geschah

  • 4. Mai 1957 Übergabe des ehemaligen Fründts Hotel als MTWKlubhaus mit Restaurant die MTW Werft.
  • 5. Mai 1957 3. Rennen auf dem Hanseatenring für Motorräder und Seitenwagengespanne, sowie Autos.
  • 6. Mai 1993 Tag der „Offenen Tür“ in Kaserne der Roten Armee und Verabschiedung der Roten Armee unter Major Wladimir Utjaschew nach 48 Jahren (2. Juli 1945 – 30.6.1993). Jedes Garnisonsmitglied erhält auf Vorschlag von Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken ein Erinnerungsgeschenk.
  • 7. Mai 1945 Die Besatzer erteilen eine Ausgangssperre von 18-9Uhr im Umkreis von 5 km, Ausweise müssen mitgeführt werden.
  • 7. Mai 1945    Treffen zwischen Marschall der Roten Armee Rokossowski und Feldmarschall Montgomery im ehemaligen Haus des Kreisleiters der NSDAP, Dr. Unruh-Str. 7.
  • 8. Mai 2010 Die St. Georgenkirche wird mit einem Festakt am 8. Mai wieder der Öffentlichkeit übergeben. 40 Millionen Euro wurden seit 1990 in das „Wunder von Wismar“ verbaut.
  • 9. Mai 1908 Gründung der Ingenieurakademie in Wismar.
  • 9. Mai 2014 Eröffnung der Aussichtsplattform auf dem ehemaligen Turm von St. Georgen in 34 Meter Höhe.

Detlef Schmidt

 

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