Kalenderblatt zum 4. November

   Alte Prozessionskapelle ohne Makel

Der 4. November 1934 ist für Wismar nicht gerade ein rühmliches Datum. An diesem Tag entweihte der mecklenburgische Nazi-Gauleiter Friedrich Hildebrandt mit Wismars Nazi-Bürgermeister Alfred Pleuger die alte Prozessionskapelle Maria zur Weiden zur ersten deutschen Ahnenhalle. Hier konnten Wismarer Familien offen ihren „arischen“ Stammbaum nachweisen. Immerhin 200 Familien haben sich dazu bereit erklärt.

Die ehemalige Prozessionskapelle St. Maria zur Weiden oder früher auch „St. Maria zu den Weiden“ genannt, im lateinischen „St. Maria sub salice“, war ein fester Bestandteil des Gotischen Viertels von Wismar. Der genaue Baubeginn ist nicht bekannt, doch 1324 wird die Kapelle erstmalig erwähnt. Sie war als Prozessionskirche konzipiert und der Heiligen Jungfrau zu den Weiden (evtl. nach „den Weiden, auf den die Schafe vor Bethlehem ruhten“) geweiht. Die Namensgeberin soll auch Patronin der Korbflechter gewesen sein, was zumindest in Sachsen bei einer Kapelle gleichen Namens der Fall ist.

Zwischen den Häusern des Negenchören und der Kirche von St. Marien befand sich dieser rechteckige dreijochige Sakralbau im Stil der Hochgotik mit einem gewalmten Dach, dessen Außenmauern komplett aus glasierten Ziegeln bestand. Im Innern befanden sich im Mittelalter noch Kreuzrippengewölbe, die jedoch weit nach der Reformation, wegen Umnutzung der Kapelle oder auch wegen Baufälligkeit entfernt wurden, sodass später nur noch ein glatter Deckenschluss zu sehen war.

Wenig ist über die sakrale Ausstattung zu erfahren, jedoch so viel, dass neben Altäre und Heiligenverehrungen, sich diese Kapelle im Innern wenig von anderen bekannten Prozessionskapellen unterschied. Das vorgegebene religiöse Ritual gab wenig Spielraum.

Für die Stadtgeschichte Wismars ist sie, neben dem kulturhistorischen Wert, insofern von Bedeutung, als das in dieser Kapelle der am 18. November 1427 hingerichtete Wismarer Bürgermeister Johann Banzkow zunächst aufgebahrt und dann in einer Gruft in dieser Kapelle beigesetzt wurde. Nach der ab 1430 erfolgten Rehabilitierung Johann Banzkows und des ebenfalls hingerichteten Ratsherren Hinrich von Haaren, wurde an der nordwestlichen Ecke des St. Marienkirchplatzes eine Sühnekapelle für Johann Banzkow auf Kosten und nach Forderung der Familie Banzkow erbaut und 1433 geweiht. Dazu gehörte auch ein Sühnekreuz an der Richtstätte auf dem Markt, das seit hunderten von Jahren verschwunden ist. Lediglich ein Gedenkstein in der Nähe der ehemaligen Richtstätte zeugt heute noch davon. Die kleine zweijochige gotische Banzkow´sche Sühnekapelle wurde 1850 wegen Baufälligkeit abgerissen. Damit konnte eine Lücke zwischen den Straßen Negenchören und St.-Marien-Kirchhof geschlossen werden, da die kleine Kapelle genau auf dem heutigen Straßenverlauf stand.

Die Kapelle Maria zur Weiden hatte nach der Reformation ihre eigentliche Aufgabe verloren. Sie diente verschiedensten Zwecken, so auch als „Lagerhalle und Werkstatt“ für die neu gefertigten Glocken von St. Marien und später als Lagerschuppen und  Geräteschuppen. Im Volksmund hieß sie wegen der dunklen glasierten Ziegel auch „ schwarze Kapelle“. In den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts erkannte man den eigentlichen kulturellen Wert der Kapelle für Wismar und Maria zur Weiden erhielt von 1932 bis 1934 eine fachliche Restauration. Vorgesehen war, den Innenraum als Ausstellungshalle für die kirchlichen Kunstaltertümer der städtischen Sammlung zu gestalten. Nach Fertigstellung schrieb der Schweriner Oberbaurat Adolf Lorenz: „Die Stadt Wismar darf stolz sein, dies schöne Werk kirchlicher Baukunst allmählich aus dem Verfall gerettet und praktischen Zwecken zugeführt zu haben, in der heutigen Zeit eine beachtliche und dankenswerte Leistung“.

Durch die Machtergreifung der Nazis kam es leider nicht mehr zur angedachten Konzeption. Am 4. November 1934 wurde in der Prozessionskapelle St. Maria zur Weiden die erste deutsche Ahnenhalle eingerichtet. Einen Ruhm, auf den Wismar verzichten kann.

Die Kapelle Maria zur Weiden wurd e ebenfalls in der Bombennacht vom 14. auf den 15.April 1945 schwer beschädigt. Das Dach war zwar abgedeckt, die Balken verkohlt, die Verglasung der gotischen Fenster zerstört aber die Außenwände waren nahezu unversehrt. Noch vor der Sprengung der St. Marienkirche am 6.August 1960 wurde die nunmehr nahezu 700 Jahre alte Kapelle willkürlich ohne, schon damals gültige, rechtliche Genehmigung im Februar 1960 entfernt. Lediglich die rechteckigen Grundmauern schlummern heute noch unter der Erde.

Wismar hat mit dieser einmaligen Prozessionskapelle einen wertvollen Schatz verloren, den es lohnt zu bergen. Wer nun aber meint, dass dieser wertvolle sakrale Bau, der fast 700 Jahre überstanden hat, durch elf Jahre Missbrauch, einen Makel erlitten hat, der tut der Kapelle bitter Unrecht. Elf bittere Jahre können nicht über hunderte von stolzen Jahren voller wertvoller Geschichte entscheiden. Die Wismarer sollten das der Kapelle angetane Unrecht eigentlich wieder gut machen und nicht stiefmütterlich behandeln, so zumindest der Eindruck.

Heute würde die Kapelle sich wieder nahtlos in das Ensemble des Gotischen Viertels einfügen und könnte einer guten Nutzung als Ausstellungshalle, Besucherzentrum usw. zugeführt werden.

Was sonst noch geschah:

  1. November 1806 Französische Soldaten besetzen Wismar.
  2. November 1990 Gründung des Aufbauvereins St. Georgen e.V.
  3. November 1818 Gründung des zweiältesten Musikvereins in Deutschland durch Bürgermeister Carl von Breitenstern.
  4. November 1989 Öffentliches Forum zu Fragen Handel und Versorgung in der Sporthalle.
  5. November 1954 Einweihung des Ernst-Thälmann-Gedenksteines in der Schweriner Straße.
  6. November 2000 Bundespräsident Johannes Rau besucht mit dem diplomatischen Korps Wismar.
  7. November 2011 Gottfried Kiesow, Ehrenbürger von Wismar seit 2004, gestorben.
  8. November 1989 1. Demonstration auf dem Wismarer Markt mit 40-50tausend Menschen.
    8. November 1882 Handelsgerichtliche Eintragung der Firma Karstadt mit „C. Karstadt und Co.“ unter dem Namen vom Vater Christian Karstadt.
  9. November 1848 Logiker Prof. Dr. Gottlob Frege in der Böttcherstraße 2 geboren.

 

Detlef Schmidt

 

 

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