Kalenderblatt zum 5. April

 Wismarer Architekt plante das Wismarer Stammhaus von Karstadt

Am 5. April 1907 begann für alle Wismarer deutlich sichtbar, der Abbruch der Geschäftshäuser von Rudolph Karstadt in der Lübschen Straße 1 -3 und Krämerstraße 2 -4. Hier sollte nach dem Willen Karstadts ein neues, für die Kleinstadt Wismar sehr modernes Kaufhaus entstehen.
Rudolph Karstadt wurde am 16. Februar 1856 in der heutigen Wismarschen Straße 15 in Greves-mühlen geboren. Sein Vater war Färbermeister und Tuchhändler. 1866 zog die Familie nach Schwe-rin. Nach dem Volksschulbesuch lernte er im elterlichen Betrieb die Färberei und auch den Handel, die er in Rostock fortsetzte. Am 14. Mai 1881 eröffnete Rudolph Karstadt mit seinen Geschwistern Sophie und Ernst, die sich ein Jahr später wieder trennten, ein „Tuch-, Manufactur- und Confecti-onsgeschäft“ in der Krämerstraße 4 unter dem Namen seines Vaters Christian mit vom Vater gelie-henem Kapital von 1.000 Taler. In Mecklenburg durfte man erst mit 30 Jahren ein Geschäft grün-den. Rudolph Karstadt ist nicht lange in Wismar gewesen und zog weiter nach Lübeck, wo er 1884 eine weitere Filiale gründete, der zahlreiche folgen sollten. Neu war für die Wismarer, dass man bei Karstadt alles nur „gegen Bargeld und zu festen Preisen“ kaufen konnte. Das Haus gehörte dem Rechtsanwalt Behring, wo Karstadt zunächst auch als Mieter wohnte. 1885 gelang es Karstadt, das Haus zu kaufen und 1888 das danebenliegende Haus. Bis 1899 hatte er auch die Häuser Lübsche Straße 1 -3 in seinem Eigentum und nachdem alle Häusern miteinander verbunden waren, dachte man auch über einen Neubau nach. Trotzdem eröffnete er in der Krämerstraße 7 einen Konfekti-onshandel mit Schneiderei. Rudolph Karstadt wohnte schon längst in Lübeck und danach in Berlin, forcierte aber seine Wismarer Angelegenheiten. Der Wismarer Architekt Johannes Busch aus der Bahnhofstraße 2 in Wismar und Erbauer vieler Wismarer Bauten, wie das heutige Hauptmann-Gymnasium, wurde mit der Planung um 1899 beauftragt. Er war auch der Bevollmächtigte Karstadts für Verhandlungen mit der Stadt. Diese beklagte sich in den kommenden Jahren über den immer noch nicht begonnenen Neubau. Spekuliert wurde, dass Karstadt wohl das Ende des Pachtvertra-ges mit den Schweden 1903 abwartete. Erst im Oktober 1906 kam richtige Bewegung in die Bauplä-ne und Karstadt garantierte, dass bis zum 27. November 1908 alles fertig sein würde. Jeder Tag Überziehung sollte zehn Reichsmarkt kosten. Karstadt bezog das Eckhaus Büttel Straße als proviso-risches Geschäft während der Bauphase. Nach dem Abbruch der Häuser begann der Neubau mit einer Geschwindigkeit, die man so nicht kannte. Am 5. November 1907 erfolgte die Rohbauabnah-me. Neu an dem viergeschossigen Warenhaus war, dass die Sandsteinfassade von einem Stahlske-lett gehalten wurde und die großen zehn Schaufenster an der Straßenfront. Am 23. Mai 1908 konn-te das neue Kaufhaus, das alle Häuser Wismars überragte, eingeweiht werden. Die Wismarer staunten über das Angebot und vor allen über die Auslagen in den großen Fenstern. Das kannte man so nicht. Rudolph Karstadt besaß zu dieser Zeit schon sehr viele Geschäfte in Deutschland. 1900 hatte er die Filialen seines Bruders Ernst, der hochverschuldet war, in Pommern übernom-men. Zudem setzte er auf Eigenproduktionen in eigenen Produktionsunternehmen, um die Preise niedrig zu halten und schaltete Zwischenhändler aus.
1912 folgte der erste große Kaufhausneubau in der Hamburger Mönckebergstraße. Die typische Karstadt Architektur war hier deutlich zu sehen und dafür sorgte später auch ab 1920 Karstadts Ar-chitekt Philipp Schaefer. Er beeinflusste in den 1920er- und 1930er-Jahren wesentlich die Architek-tursprache des Warenhauses in Deutschland. 1938 wurden nach Plänen Schäfers etliche Umbauten im Wismarer Kaufhaus vorgenommen, so auch die Fassadengestaltung und es kam ein Fahrstuhl hinzu, dessen Schacht noch heute sichtbar im Treppenhaus ist. Der Fahrstuhl hat noch bis in die siebziger Jahre funktioniert; immer mit einem Fahrstuhlführer. Wegen Umbauarbeiten ist der alte Fahrstuhl zu DDR-Zeiten entfernt worden.
Rudolph Karstadt ist infolge der Weltwirtschaftskrise 1932 mittellos aus seinem Unternehmen aus-geschieden und nach Schwerin gezogen. Hier ist er am 19. Dezember 1944 verstorben und neben seiner Frau Anna August, die schon am 26. Juli 1922 verstarb, auf dem Schweriner Friedhof beige-setzt.
Am 16. Januar 1948 ist das Wismarer Karstadt Haus in Volkseigentum überführt und firmierte am dem 9. August 1948 als „Mecklenburgisches Kaufhaus VEB“. Die Karstadt AG in Essen protestierte am 11. Oktober 1949 erfolglos gegen die Enteignung. Am 3. Dezember 1952 erfolgte nach inneren Umbauarbeiten die Wiedereröffnung des ehemaligen Karstadt Hauses als „HO Warenhaus“ und wird später in „Kaufhaus Magnet“ umbenannt. Am 1. März 1991 kann die Karstadt AG wieder ihr altes Stammhaus übernehmen. Der Karstadt Konzern musste jedoch das Haus für einen zweistelli-gen Millionenbetrag käuflich erwerben. Mit Zustimmung der Wismarer Bürgerschaft ist der Platz vor dem Karstadt Haus am 14. Mai 2001, dem Jahrestag der Gründung in Wismar, in „Rudolph-Karstadt-Platz“ umbenannt worden.

Was sonst noch geschah
6. April 1925 Adolf Hitler beauftragt Friedrich Hildebrandt mit dem Aufbau der NSDAP in Mecklen-burg und Lübeck.
7. April 1953 Das Haus Hinter dem Rathaus 3 (Weinberg) wird widerrechtlich vom Wismarer Richter Sengpiel „zugunsten des Staates“ enteignet worden, so dass die Hansestadt Wismar erst 1995 über den „Weinberg“ Hinter dem Rathaus 3 verfügen konnte. Entgegen dem Testament von Lilly Micha-elis, die das Haus der Stadt vererbt hat, enteignet das Gericht das Haus und es geht in Volkseigen-tum über.
10. April 1933 Umbenennung Lindenstraße in Adolf-Hitler-Straße, Turnplatz in Horst-Wessel-Platz, Friedrich-Ebert-Damm in Parkstraße, Turnerweg in Schlageter-Allee.
11. April 2002 Der Wismarer Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) wird übergeben.
12. April 1990 Erste privatisierte Unternehmen sind „Eduard Dewenter Tiefbau“ und Brunnenbau Böckler.
13. April 1946 Die „Landeszeitung“ erscheint erstmalig. Sie war der Vorläufer der ab 15. August 1952 erscheinenden „Ostsee-Zeitung“, die der SED gehörte und hatte einen Wismarer Lokalteil.
13. April 1988 Verleihung der Ehrenbürgerschaft an die Leichtathletin Marita Meier-Koch.

Detlef Schmidt

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