Kalenderblatt zum 5. Februar

Linden waren die ersten Namensgeber

Am 5. Februar 1946 fand im Schützenhaus an der Schweriner Straße eine Versammlung der Wismarer SPD statt. Eingeladen war an diesem Abend auch Annedore Leber, die Witwe des am 5. Januar 1945 hingerichteten ehemaligen Lübecker SPD Reichstagsmitgliedes Dr. Julius Leber. Leber wurde bereits am 5. Juli 1944, zwei Wochen vor dem Attentat auf Hitler, verhaf-tet, da ein Spitzel der Gestapo ihn verriet. Nach dem 20. Juli 1944 wird er beschuldigt, an den Attentatsplänen der „Stauffenberg-Gruppe“ beteiligt gewesen zu sein. Dafür ist er in Berlin-Plötzensee im Alter von 54 Jahren hingerichtet worden. Begraben wurde er in Berlin-Zehlendorf und seine Grabstätte gehört zu den Ehrengräbern des Landes Berlin. Dr. Leber war ein überzeugtes Mitglied seiner Partei und griff in den Auseinandersetzungen der zwanzi-ger Jahre mit der NSDAP als Reichsbannermitglied persönlich ein. Als Chefredakteur des „Lübecker Volksboten“ kannte er den jungen Willy Brandt und er war Mitglied des reformier-ten Freimaurerbundes.
Annedore Leber sprach nun am 5. Februar 1945 vor den Wismarer SPD-Genossen über das politische Vermächtnis ihres Mannes und war damit wohl so überzeugend, dass noch an die-sem Abend auf Antrag von SPD-Oberbürgermeister Herbert Säverin beschlossen wurde, die Lindenstraße in Dr.-Leber-Straße umzubenennen. Damit steht Wismar nicht allein dar, denn in Deutschland gibt es in 36 Städten Straßen mit dem Namen Dr. Lebers.
Die Lindenstraße gehört wie die Dahlmann-, Ulmen-, und Wasserstraße, zu den Wismarer Ringstraßen, die die Altstadt im ehemaligen Bereich der alten Stadtmauer umschließen. Ab 1868 begann man zielstrebig zunächst die Stadttore und bis 1904 die die Stadt umziehende Stadtmauer abzureißen. Auf der nun frei werdenden Fläche wurde ab 1870 mit dem Bau von Wohnhäusern und Villen begonnen. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, begann auch in Wismar, sich die Wirtschaft, nicht zuletzt dank der immensen Kriegsschulden der Franzosen an Deutschland, sprunghaft zu entwickeln. Die Stadt breitete sich aus und der erste Bauboom begann eben auf der Fläche der alten Stadtmauer. Wasser- und Ulmenstraße erhielten am 24. Mai 1876 ihren Namen, die Dahlmannstraße am 1. Dezember 1881. Am 22. November 1887 erhielt die Lindenstraße ihren Namen, nach den hier angepflanzten Straßen-bäumen. Die Linde ist Deutschlands liebster Baum und nicht von ungefähr heißt Wismars ältester Park „Lindengarten“. Doch es gibt noch eine andere Version zur „Lindenstraße“: Auf dem kleinen Exerzierplatz im Bereich der Verbindung zur Straße „Vogelsang“ standen zu Be-ginn des 18. Jahrhunderts Linden. Nach der Eroberung Wismars im Nordischen Krieg durch die Preußen sollten diese gefällt werden. Die Wismarer erbaten sich, die Bäume wegen der Lindenblüten stehen zu lassen, was der preußische Oberst auch gewährte und somit die Be-zeichnung „Preußische Barmherzigkeit“ für diesen Bereich entstand. In der Lindenstraße gab es Villen aber auch Wohnhäuser für das Bürgertum, zumeist mit Etagenwohnungen für Beam-te und leitende Angestellte. Man sorgte sich aber schon früh um das Wohlbefinden der dort Wohnenden, denn eine Verkehrsordnung aus dem frühen 20. Jahrhundert besagt, dass durch die Lindenstraße Lastenfuhrwerke wegen des verursachenden Geräusches nur zu bestimmten Zeiten durchfahren durften. Am 10. April 1933 wird dann die „gutbürgerliche“ Lindenstraße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Dies geschieht zeitgleich auch mit dem Turnplatz in Hors-Wessel-Platz, dem Turnerweg in Schlageter Allee, dem Friedrich-Ebert-Damm (heute Ph.-Müller-Str.) in Parkstraße. Mit diesen neuen Straßenbezeichnungen und veränderten Schulna-men, will das Nazi-Regime eine hohe Identifikation der Bürger mit der Ideologie erreichen. In dieser Straße befand sich in einer Villa unter der Nummer 28 die Kreisleitung der NSDAP. Am 25. August 1944 kam es in den Mittagsstunden zu einem schweren Luftangriff. Nahezu 70 Prozent der Bebauung in der alten Lindenstraße wurden zerstört, die von ihr abzweigende Gartenstraße und Runde Straße (etwa dort, wo eine Tankstelle steht) ist vollkommen ausge-löscht worden. Die Nazikreisleitung hatte ebenfalls schwerste Zerstörungen und man baute trotz Wohnungsnot für die „Braunen“ ein Notgebäude, die „neue Kreisleitung“, auf dem klei-nen Exerzierplatz. Hier erschossen sich kurz vor Einmarsch der Engländer am 2. Mai 1945 die beiden Kreisleiter von Wismar und Rostock. Das kleine Haus ist bis nach der Wende noch erhalten geblieben und diente jahrzehntelang der Fritz-Reuter-Schule (1933 in Adolf-Hitler-Schule umbenannt) als Schulhort. Nach der Befreiung Wismars durch die Engländer sind alle Straßennamen mit „Nazi-Größen“ am 16. Mai 1945 entfernt worden. Die Engländer nannten die ehemalige Lindenstraße nun bis zu ihrem Abzug am 30. Juni 1945 „Churchill Straße“. Die-se verschwand bei der Besetzung durch die sowjetische Armee am 2. Juli 1945 und der Name Lindenstraße wurde wieder angebracht. Am 5. Februar 1945 erfolgte nun die bislang letzte Straßennamensänderung und hat somit in der Geschichte der Straße den größten Zeitraum erreicht.

Was sonst noch geschah
6. Februar 1865 Fritz Reuter besucht Wismar.
7. Februar 1811 Matrosenpressung mithilfe der Wismarer Garnison für die Grand Armee Na-poleons. Festnahme aller in dieser Nacht in Wismar befindlichen Matrosen.
7. Februar 1994 Gründung der Seglerjugend Hansestadt Wismar e.V.
8. Februar 1721 Schweden besetzen die Ämter Poel und Neukloster.
8. Februar 1997 Gründung des Shantychor „Blänke“.
9. Februar 1961 Benennung der Dr.-Liebenthal-Straße durch Ratsbeschluss.
10. Februar 1948 Beginn der Bauarbeiten für ein neues Theater an der Parkstraße in der ehe-maligen Exerzierhalle der Infanteriekaserne.
12. Februar 1995 Eröffnung des Technologie- und Gewerbezentrum Wismar im Haus 1-3 in der Phillip-Müllerstraße.

Detlef Schmidt

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