Kalenderblatt zum 5. Juli

Stunde „0“ in Wismar

Am 5. August 1945 wurde erstmalig eine Volkszählung der Wismarer Einwohner erhoben. Es stellte sich heraus, dass von den gegenwärtig 41.900 Einwohner Wismars 12.450 Übersiedler oder Flücht-linge waren. Auf den Alliiertenkonferenzen in Jalta und Potsdam war beschlossen worden, dass die vier Besatzungsmächte in ihren Besatzungszonen die Regierung und Verwaltung übernahmen. Dazu gehörte nicht nur Ordnung und Sicherheit, sondern es musste eine komplette Wirtschafts-struktur und vor allen Dingen einen Ersatz für den erlittenen Verlust an Wohnraum geschaffen werden.
Die Hansestadt Wismar erlebte auf ihrem Gebiet zwölf Bombenangriffe und nahezu über 300 Luft-alarme. Die Bilanz war verheerend. 25 Prozent des Wohnraumes war völlig zerstört und 305 Tote sind zu beklagen. Gut achtzig Prozent der Wismarer Unternehmen waren zerstört. Zwar war der letzte Bombenangriff auf das Gotische Viertel, der der am meisten sich im Stadtgedächtnis festsit-zende, doch die Zerstörung der Lindenstraße mit den Dornierwerken hatte weitaus größere Ver-luste. Am 2. Mai 1945 marschierten in Wismar die englischen Alliierten ein und zogen vertragsge-mäß am 30. Juni 1945 in die ihnen zugedachte Besatzungszone in Norddeutschland. Verständlich, dass diejenigen, die nur auf Zeit blieben, wenig keinerlei Interesse an neuen Strukturen in Wismar hatte. Den Abzug der Engländer nutzten einige Wismarer, aber auch Flüchtlinge, um sich vor der Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Doch die Flüchtlingstrecks blieben nicht aus und am 14. Juli 1945 trafen 1.600 Umsiedler auf dem Bahnhof Wismar ein. Auf alle diese hohen Belastungen waren die Wismarer nicht vorbereitet und so begann die Rote Armee unterstützt von Wismarern mit der Umsetzung der Beschlüsse. Kurzerhand wurden die Kasernen an der Parkstraße und das Luftwaf-fenlazarett mit Flüchtlingen besetzt. Dies betraf meistens nur die Umsiedler, doch Wismarer, die ihre Wohnungen oder Häuser für die Rote Armee oder Offiziere der Roten Armee zu räumen hat-ten, suchten nun auch nach einer Bleibe. Es mangelte an vielem, besonders an Nahrung. Am 18. Dezember 1945 erlässt der Wismarer Rat den Beschluss, dass man wegen Sargmangels verstorbene Umsiedler ohne Särge in Reihengräber bestatten könne. Um den freien Markt nicht Schiebern und Gaunern zu überlassen wurde zum 22. Dezember 1945 ein freier Markt auf dem Marktplatz gestat-tet. Von Aschenbecher bis hin zu Lebensmittel wurden hier angeboten. Dazu stellte die Wismarer Waggonfabrik Spielzeug für die Umsiedlerkinder her. Wenn nicht für viele aber doch für einige gab es ein „Friedensweihnacht“. Die Bevölkerungsvermehrung durch Umsiedler beträgt 1946 in Meck-lenburg 52,2 Prozent und die Verteilung von Tabak wird künftig über die Betriebe und nicht über den Handel geregelt. Die Umsiedler Lager an der Rostocker Straße und in Wendorf werden am 15.März1946 aufgelöst. Wismar zählt am 15.März 1946 29.458 „Stammbevölkerung“ und 12.055 Um-siedler.
Es gibt aber auch Klagen, dass die Enttrümmerung in Wismar nicht vorankommt und dies auf man-gelnde Beteiligung an der sonntäglicher freiwilligen Arbeit zurückführt. Es soll in der Ortssatzung über einen Pflichteinsatz verhandelt werden. Dabei hatte Wismar einen hohen Anteil an Bau-berufen in der Bevölkerung. Viele kleinere und größere Baubetriebe nahmen ihren Betrieb auf. Natürlich hatte die Wiederherstellung zerstörten Wohnraumes absolute Priorität Am 28. April 1946 war der Marktplatz neu gepflastert worden, nachdem der unter dem Pflaster befindliche Luft-schutzbunker gesprengt wurde. Das sichtbarsten Zeichen für einen Wiederaufbau und zur Normali-sierung des Alltages, wurde das erste Haus 1948 nach dem Krieg an der Ecke Kanalstraße/Bleicher Weg errichtet. Das Haus ist vor zwei Jahren entfernt und es stehen heute Container für Obdachlose Das Material war so knapp, dass man auf metallene Regenrinnen verzichtete und diese aus einer Holzrinne herstellte. Die Enttrümmerung im Gotischen Viertel ist ebenfalls 1948 fertiggestellt und man kann von einem Glücksfall reden, dass man der Nachwelt genügend Ansporn gegeben hat, hier wieder etwas entstehen zu lassen. Die Gründung des ersten Wismarer Neubaugebietes nach dem Krieg konnte am Flöter Weg am 1. Mai 1949 erfolgen. Am 10. Juni 1946 beschwert man sich über langsame Arbeiten. Doch die bauausführende Firma, die Bau-Union, hat mit 500.000 aus der Enttrümmerung gewonnenen Ziegeln gebaut. Der Bau-Typ gilt als vorbildlich; „alles ist typisiert, ganz gleich, ob es sich im Fenster, Türen, Dachstuhle, Balkenanlage oder Ausgestaltung der Wohn-räume oder Küchen handelt.“ Im Mai 1950 begann man das Wohngebiet Vor-Wendorf zu entwi-ckeln. Viele Ersatzbauten wurden in der Altstadt errichtet, so in der Altwismarstraße, Turmstraße oder auch Claus-Jesup-Straße. Man erkennt sie an den korrekt ziegelsichtigen Fassaden. Das Wohngebiet Friedenshof ist ab 1970 entwickelt worden und im ehemaligen Luftwaffenlazarett wohnten schon ab 1946 Umsiedler, am 3, August 1949 ist die Friedensschule eingeweiht worden und ab 1960 Frauenklinik und heute Sana Hanse-Klinikum.

Was sonst noch geschah
5. August 1995 Erstes Wismarer Buchtschwimmen der DLRG Wismar von Hinterwangern auf der Insel Poel nach Hohen Wieschendorf. Initiator der 3,5 Kilometer langen Strecke ist Dr. Joachim Beh-rens (Jahrgang 1947).
6. August 1960 Erste Sprengung von insgesamt vier an St. Marien (10., 16. und 26. August weitere Sprengungen).
7. August 1970 Einweihung der Hochbrücke – mit 400 Metern längste Spannbetonbrücke der DDR (15 Mio. Mark Baukosten).
7. August 1931 Gottfried Kiesow, Ehrenbürger von Wismar 2004, geboren. Gestorben 7. November 2011.
9. August 1945 Auftragserteilung zur Vorbereitung der Wiedereröffnung der Ingenieursakademie.
9. August 1948 Das Karstadt Kaufhaus firmiert jetzt als „Mecklenburgisches Kaufhaus VEB“.
09. August1959 – 7. Hanseatenring-Rennen für Motorräder und Seitenwagengespanne, sowie Au-tos. Es waren 102 Fahrer am Start, die fünf Rennen fuhren. Im 2. Rennen gab es in der 56. Runde in der Südkurve einen schweren Unfall. Das Rennen wurde von Ausweisfahrer mit Motorrädern der 250 ccm Klasse gefahren. Ein Fahrer aus Sachsen und zwei Zuschauer starben dabei und es gab neun Schwerverletzte. Das Rennen wurde daraufhin abgebrochen und es fanden keine Motorren-nen mehr statt.
10. August 1882 Verleger Dethloff Carl Hinstorff gestorben.
10. August 1959 Eröffnung Betonwerk Lenensruher Weg.
11. oder 12. August 1944 10. Luftangriff: Durch die 2. US Bomberdivision. Es existieren keine Doku-mente und Angaben über personelle und materielle Schäden.
12. August 1951 Weihe der Bartning-Kirche (Neue Kirche am St. Marien-Kirchhof) Entwurf: Kir-chenbaumeister Prof. Otto Bartning.
13. August 1951 Demontage des Seegrenzschlachthauses im Hafen.

Detlef Schmidt

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