Kalenderblatt zum 6. April

Als die Nazis Mecklenburg eroberten

Am 6. April 1925 wurde der Landarbeiter und Landtagsabgeordneter Friedrich Hildebrandt von der Parteizentrale der NSDAP zum Gauleiter für Mecklenburg ernannt. Sein Auftrag war, den Aufbau der NSDAP voran zu bringen. Hildebrand saß zunächst für die „Deutschvölki-sche Freiheitspartei“ (DVFP) und später für die NSDAP im Schweriner Landtag. Er wurde am 19. September 1898 in Kiekindemark bei Parchim geboren. Nach Beendigung der Volks-schule war er als Tagelöhner in der Landwirtschaft und als Eisenbahnarbeiter beschäftigt. Eine berufliche Ausbildung hatte er nicht. 1916 meldete er sich freiwillig für den Dienst an die Westfront. Nach Beendigung des 1. Weltkrieges schloss er sich den Freikorps an. 1920 wegen „Disziplinlosigkeit“ entlassen, arbeitete er wieder in der Landwirtschaft und wurde zeitweise Vorsitzender des Brandenburgischen Landarbeiterbundes in der Westpriegnitz. Schnell kam er mit der entstehenden Nazi-Partei in Berührung und wechselte von der DVFP sein Abgeordne-tenmandat für die NSDAP im Landtag. Am 8. Mai 1925 (Mitgl.Nr.:3.653) wurde er Mitglied der NSDAP. Er war der erste Landtagsabgeordneter der NSDAP. 1926 musste die NSDAP in Mecklenburg eine Niederlage hinnehmen, doch 1929 waren die Nazis wieder mit Hilde-brandt vertreten. Er nutzte alles aus, um die braunen Parolen zu verbreiten. Dazu reichte seine etwas beschränkte Intelligenz. Er fand im ländlichen geprägten Mecklenburg viele Anhänger, währenddem in den Seestädten Wismar und Rostock die Bürger mehr dem sozialen und lin-ken Spektrum zugeordnet werden konnte. Dies wollte Hildebrandt ändern und fand willige Leute. Die erste NS-Geschäftsstelle wurde in Hohnstorf im Gut des Gutsbesitzers von der Lühe eingerichtet. In Wismar war es der Uhrmacher Alfred Pleuger (1895-1983), der 1924 in Wismar ein Uhrmachergeschäft in der Dankwartstraße eröffnete. Pleuger trat am 11. Septem-ber 1926 in die NSDAP (Mitgl.Nr. 43.980) ein. Rasch machte er „Karriere“ in der Nazipartei, wurde Ortsgruppenleiter, später Kreisleiter, war ab 1932 Mitglied des Landtages und ab 1931 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Hildebrandt und Pleuger organisierten den Pro-pagandazug Adolf Hitlers in Wismar, der am 31. Mai 1932 auf dem Jahnsportplatz anlässlich der bevorstehenden Landtagswahlen sprach. Danach demoliert die Wismarer SA den Kon-sumverein. Ein paar Tage später war mit Joseph Goebbels am 4. Juni 1932 im Schützenhaus und im Hotel „Zur Sonne“ der nächste Nazi mit seiner braunen Propaganda in Wismar. Unter-stützung bekamen sie durch das Innenministerium in Schwerin und durch die von Nazis durchsetzter Polizei.
Durch die Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933, sah Pleuger die Stunde ge-kommen, die „nationalsozialistische Revolution“ auch in Wismar durchzusetzen. Wismar hat-te etwa 28.000 Einwohner. Bei den durchgeführten Reichstagswahlen im November 1932 und am 5. März 1933 zeichnete sich jedoch für Wismar dabei durchaus ein positives Bild im „lin-ken Lager“ ab, doch da sich KPD und SPD nahezu feindlich gegenüberstanden, spielte es kaum eine Rolle. Die Wismarer wählten bei den letzten beiden freien Wahlen der alten „Wei-marer Republik“ konstant gleichhohe Ergebnisse für die SPD. Nur die NSDAP hatte etwas mehr Stimmen. Ebenso war die Gewerkschaftszugehörigkeit der Wismarer mit 4500 Mitglie-dern über den Durchschnitt. Dagegen waren in der „Nazi-Gewerkschaft“ gerade einmal 400 Mitglieder. Die NSDAP fasste jedoch immer mehr Fuß in der Stadt. Schon 1931 richteten sie im Haus am St.-Marienkirchhof 6 ihr Partei- und SA Heim, das „braune Haus“ ein. Das alte Gewerkschaftshaus „Zur Hansa“ mieteten ab Juli 1932 die Nazis für ihr NSDAP-Haus mit verschiedenen Organisationen. Hitlers Ermächtigungsgesetze vom 24. März 1933 taten ihr Übriges und ließen alle vorherigen Wahlen und Abmachungen zur Makulatur werden.
Die Nazis waren gerade mal drei Monate an der Macht, als Hitler verkündete, dass „die, die vorher über ihn gelacht haben, heute nicht mehr lachen“. Jetzt war es für manche Bürger zu spät und man kann es nur so erklären, dass sich die Deutschen und auch die Wismarer Bürger, sich in eine Art des „kollektiven Rausches“ befunden haben. Alle Wismarer Vereine wurden auf „Nazilinie“ getrimmt und die Organisationsstruktur der NSDAP installiert. Das alte schwedische Packhaus wurde als Kaserne für die SS benutzt. Die Stadtverordnetenversamm-lung bestand nur noch aus 15 Ratsherren, die alle der Nationalsozialistischen Deutschen Ar-beiterpartei (NSDAP) angehörten. Die Nationalsozialisten entzogen damit den demokratisch gewählten Stadtverordneten das Mandat. Bürgermeister Dr. Brechling wurde schon am 9. März 1933 aus dem Rathaus geworfen. An diesem Tag erklärten sich viele Mitarbeiter in der Verwaltung solidarisch mit den neuen Machthabern. Wismar hatte 1933 die höchste Arbeits-losigkeit in Deutschland. So ist es wohl auch zu erklären, warum gerade aus der Arbeiter-schicht viele auf „neue Zeiten“ setzten. Hatte Pleuger 1925 die erste NS-Ortsgruppe gegrün-det, waren es 1939 zwölf Ortsgruppen und rund 14 Prozent der Arbeitnehmer, bei den Nazis in „Gefolgsleute“ umbenannt, wurden Mitglied der NSDAP. 6,3 Prozent aller Wismarer ge-hörten der NSDAP an.
Genau 20 Jahre dauerte die Schreckensherrschaft der Nazis. Am 1. Mai 1945 floh der SS-Obergruppenführer und Gauleiter Friedrich Hildebrandt über Timmendorf mit einem Schiff nach Neustadt und weiter nach Flensburg zu Admiral Karl Dönitz. Hildebrandt ist von US-Soldaten gefangen genommen und am 5. November 1948 nach einem Gerichtsprozess in Landsberg am Lech hingerichtet. Ihm wurde Mord an US-Amerikaner nachgewiesen. Alfred Pleuger übergab am 2. Mai 1945 Wismar den Engländern kampflos und ging nach deren Rückzug in ihre Besatzungszone am 1. Juli 1945 mit.

Was sonst noch geschah
7. April 1890 Der spätere Wismarer Stadtbaurat Arthur Eulert wird in Rostock geboren. Am 3. März 1946 nimmt er sich mit seinen vier Kindern in der Wismarer Altwismarstraße 6 das Leben.
8. April 1946 Befehl: Übertragung der Rechtsträgerschaft des Hafens auf die Stadt Wismar.
8. April 1947 Die Ruinen der zerstörten Alten Schule und des Hotel Waedekin in der Alt-wismarstraße sind abgetragen worden.
10. April 1919 Gründung der Volkshochschule Wismar im Fengers Gasthof, Breite Straße.
10. April 1933 Umbenennung Lindenstraße in Adolf-Hitler-Straße, Turnplatz in Horst-Wessel-Platz, Friedrich-Ebert-Damm in Parkstraße, Turnerweg in Schlageter-Allee.
11. April 1954 Zentrales Training des Landes auf einem Rundkurs zur Rennvorbereitung auf dem Hanseatenring in der Bürgermeister-Haupt-Straße. -Haupt-Straße.
11. April 2002 Der Wismarer Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) wird übergeben.
12. April 1990 Erste privatisierte Unternehmen sind „Eduard Dewenter Tiefbau“ und Brunnenbau Böckler.
13. April 1988 Verleihung der Ehrenbürgerschaft an die Leichtathletin Marita Meier-Koch.
14. April 1266 Die Stadt Wismar erhält das Lübische Recht.

Detlef Schmidt

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