Kalenderblatt zum 6. September

 Gegen Räuberei und Seepiraten

Der 6. September 1259 war ein historischer Tag für Wismar. An diesem Tag kamen die Bürger-meister aus Lübeck und Rostock in Wismar zusammen, um gegen die zunehmende „Räuberey“ zu Lande und auf See einen wichtigen Vertrag zum gegenseitigen Beistand und Schutz abzu-schließen. Wichtig deshalb, weil dies die Keimzelle des „Wendischen Quartiers“ der Hanse war und daraufhin sich weitere Städte im östlichen Bereich von Stralsund, Greifswald bis Riga an-schlossen. Die Entstehung der Hanse kann nicht an einem bestimmten Datum festgemacht wer-den. Sie entwickelte sich vielmehr mit der Zeit aus losen Bündnissen, in denen sich deutsche Kaufleute in Reisegruppen an Land oder auf Seereisen zusammenschlossen. „Hanse“ bedeutet „Schar“ und man kann es besser heute als „Team-Work“ verstehen oder „Gemeinsam sind wir stark“. Wenn man nun schon nicht ein Gründungsdatum festmachen kann, so gilt als sicher, dass einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der Hanse, die Gründung der Lübecks 1143 war. Sie hatte später den Zusatznamen „Königin der Hanse“, was letztendlich ihre führende Rolle unterstrich. Das erste Städtebündnis wurde 1241 zwischen den Städten Lübeck und Hamburg geschlossen, worauf dann einige Jahre später der Vertrag von Wismar folgte.
Die Hanse wurde zu einem der größten Städte- und Wirtschaftsbündnisse der deutschen Ge-schichte. Jahrhundertelang hat sie die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung im Nord- und Ostseeraum geprägt. Ein sehr wichtiger Punkt war das Annehmen des „Lübischen Rechts“, als eines gemeinsamen für alle rechtsgültigen Rechtssystems. Das Lübische Recht einte viele Mitgliedsstädte, was für den überregional wirkenden Handel sich sehr zum Vorteil entwi-ckelte. Wismar übernahm am 14. April 1266 das Lübische Recht. Dies hatte Auswirkungen, de-nen wir heute noch gegenüberstehen. So gibt es viele Straßenbezeichnungen, die auch in anderen norddeutschen Hansestädte bis heute vorhanden sind. Es gab zwar keine Trennung von „Kirche und Staat“, doch Rathaus und Hauptkirche, meistens war dies die Marienkirche der jeweiligen Stadt, sind teilweise bis heute noch räumlich voneinander getrennt und über eine kleine Neben-straße verbunden. In Wismar ist dies die Sargmacherstraße, die vom Markt zum St.-Marien-Kirchplatz führt. Interessant auch eine rechtliche Verordnung gegen die wohl verbreitete Biga-mie. Die Kaufleute blieben oft über eine längere Zeit in fremden Städten und gingen vielfach eine neue Beziehung ein. Auch von mehreren Beziehungen an verschiedenen Orten ist die Rede. Dadurch wurde die eigene Familie zu Hause vernachlässigt. Es muss schon sehr heiß hergegan-gen sein mit den „Ehrbaren Kaufleuten“, denn die übliche Geldstrafe ist zur Abschreckung in die Todesstrafe umgewandelt. Ob sich die Mannsleute darangehalten haben, ist fraglich. Gerne wird noch heute vom „Ehrbaren Kaufmann“ in der Hansezeit gesprochen, doch so verklärend war dies nicht. So ist der Briefwechsel des Lübecker Kaufmanns Hildebrand Veckinchusen erhalten, der es mit Spekulationsgeschäften zu weit getrieben hat, dass die gesamte Familie in Armut geriet und wenn ein Kaufmann bei einem Verstoß gegen die gültigen Geschäftsregeln verstieß, zog das empfindliche Strafmaßnahmen nach sich. Veckinchusen kommt aufgrund der hohen Schulden in Riga in den Schuldturm und seine Frau schreibt klagend an ihren Mann: „Bin en armb elent wyf, wes scal yk bogynnen myt mynen klenen kinderen?“ (Ich bin eine arme, elende Frau. Was soll ich anfangen mit meinen kleinen Kindern?). Völlig verarmt und ausgestoßen von der Kaufmann-schaft stirbt der einst erfolgreiche Kaufmann 1426. Für Nächstenliebe war damals schon wenig Platz auf der Suche nach dem höchsten Profit.
In der Blütezeit der Hanse zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert waren über 200 Städte in dem Städtebündnis vertreten. Der erste Hansetag fand am 2. Februar 1356 in Lübeck statt. Wismar richtete am 17. März 1363 und 1411 einen Hansetag aus und der letzte Hansetag fand am 29. Mai 1669 in Lübeck statt. Der Dreißigjährige Krieg war vorbei und die geopolitische Lage hat sich durch neue Wirtschafträume und der Entdeckung Amerika grundlegend geändert. Doch der Grundgedanke der Hanse blieb über die Jahre bis in die Neuzeit erhalten. 1980 wurde der „Städ-tebund Hanse der Neuzeit“ in Lübeck gegründet – ein Netzwerk zwischen 187 Städten aus 16 Ländern, die zur historischen Hanse gehörten. Lübeck wurde die Vormannsrolle eingeräumt. Auf den heutigen Hansetagen gibt es einen regen Kultur- und Traditionsaustausch, um die Geschichte der Hanse weiterzutragen. Jährlich finden in einer anderen ehemaligen Hansestadt die Hansetage statt. Wismar wird wohl zum nächsten Stadtjubiläum 2029 solch einen Hansetag veranstalten und alle Städte zu uns einladen.

Was sonst noch geschah
7. September 1925 Gründungsversammlung der Niederdeutschen Bühne Wismar.
9. September 1984 Umbenennung des Turnplatzes in Gottlob-Frege-Platz, ab März 1992 wieder Turnplatz. Leningrader Straße wird zur „Prof.-Frege-Straße“
10. September 1799 Letzte öffentliche Hinrichtung in Wismar. Sie betraf den Hirtenjungen Caspar Schwartzkopff wegen Raubmordes.
10. September 1998 Gründung der Bürgerstiftung der Hansestadt Wismar.
11. September 1816 Fürst Leberecht von Blücher ist Gast im Hotel Stadt Hamburg.
11. September 1998 Eröffnung und Übergabe der Westtangente mit Verkehrsfreigabe.
12. September 1653 Erster Gerichtstag des Wismarer Tribunals.
12. September 1816 In Wismar findet das erste mecklenburgische Musikfest mit der Auffüh-rung von Joseph Haydn „Die Schöpfung“ in St. Nikolai statt.
12. September 1935 Ab der der neuen „Hauptsatzung für die Seestadt Wismar“ wird der Bür-germeister in Oberbürgermeister gewandelt. Dies wird erst 1990 wieder rückgängig gemacht.
12. September 1984 Umbenennung des Turnplatzes in „Gottlob-Frege-Platz“.

Detlef Schmidt
Wismar im September 2017

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