Kalenderblatt zum 7. April

Nach über 130 Jahren wird Traditionsunternehmen „F.G. Michaelis“ zerschlagen

Am 7. April 1953 fällt der Richter Sengpiel am Wismarer Kreisgericht das Urteil über Johann-Jürgen Michaelis, letzter Inhaber der seit 1822 in Wismar ansässigen Weingroßhandlung „F.G. Michaelis“ Hinter dem Rathaus 3. Es war die Zeit, als die SED, die die „Diktatur des Proletariats“ verkörperte, ihren Feldzug gegen freie Unternehmer antrat und mit fadenscheini-gen Anschuldigen, die ihnen willfährigen Richter überzeugte. Johann-Jürgen Michaelis hatte schon vor dem Krieg, Korken für die Weinproduktion eingelagert und diese waren Anlass, die über die Wismarer Grenzen bekannte 130 Jahre alte Weingroßhandlung F.G. Michaelis zu ent-eignen und den Inhaber am 7. April 1953, zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus zu verurteilen. Michaelis hatte den neuen Machthabern sein eigenes Lager vorenthalten, und den neuen sozia-listischen Unternehmen fehlten diese Korken, so der Vorwurf des Richters. Durch einen Tipp aus dem Wismarer Finanzamt konnte Johann-Jürgen Michaelis sich schon vor Silvester 1952 nach Westberlin absetzen und so der am 5. Januar 1953 vorgesehenen Verhaftung entziehen. Seine Frau Karin Michalis floh auf abenteuerliche Weise zwei Tage später mit den drei Kin-dern Karin, Ursula und Anita auch nach Westberlin. Die Familie war wieder zusammen und gerettet – die Firma aber verloren. Das Haus wurde kurioserweise auch in die Unternehmens-masse mit einbezogen, obwohl es der Stadt durch Testamentsverfügung gehörte und ist in Volkseigentum überführt worden. So musste die Hansestadt Wismar 1995 ihr eigenes Haus zurückkaufen – eine „späte Rache“ aus der DDR-Zeit. Johann-Jürgen war der letzte männliche Nachfolger von Ferdinand Gustav Michaelis, der am 5. Oktober 1822 den „Weinberg“ erwarb und hier seine Weinhandlung eröffnete. Am 29. Januar 1891 treten die Enkel des Firmen-gründers Gustav Michaelis (1868- 1939) und sein Bruder Johann Michaelis (1869-1947) in das Familienunternehmen „F.G. Michaelis“ als Prokuristen ein und am 21. August 1893 wer-den sie beide zu Teilhaber der F.G. Michaelis OHG“. Sie kaufen das Hotel „Stadt Hamburg“ und bewirtschaften den Ratsweinkeller. Am 1. Oktober 1912 trennen sich die Brüder. Johann Michaelis übernimmt die Vereinsgenossenschaftsbank am Markt 18 als Direktor. Gustav Mi-chaelis ist nun alleiniger Inhaber. Beide Brüder wirken dann neben ihren Tätigkeiten politisch im Schweriner Landtag, Gustav bei den „Roten“ und Johann bei den „Konservativen“. Dieser politische Ausflug dauerte nicht lange, denn besonders der „rote“ Gustav bekam den Unmut seiner gut situierten Kundschaft zu spüren. Zudem beschäftigte sich Gustav Michaelis mehr oder weniger mit Philosophie und Naturwissenschaften, unterstützt von seiner Frau Amalie, genannt „Lilly“, geb. 27. Juni 1877 in Burghersdorp/Südafrika, die Gustav Michaelis 1896 heiratete und die sich auch mehr als „Weltbürgerin“ verstand. Durch Inflation, Weltwirt-schaftskrise und unternehmerische Fehlhandlungen, wollte sein Bruder Johann Michaelis der Weinhandlung helfen, und beide Brüder baten nun den Sohn von Johann Michaelis, Johann-Jürgen Michaelis (13. September 1897 -24. Oktober 1984), in die Weinhandlung einzutreten. Nach Prüfung und reiflicher Überlegung wird er am 9. April 1930 Teilhaber mit seinem Onkel Gustav in der Weinhandlung F.G. Michaelis. Nach dem Tod Gustav Michaelis am 6. August 1939 in dem Poeler Ferienhaus am Schwarzen Busch, werden Johann-Jürgen Michaelis ge-meinsam mit „Lilly“ Michaelis Inhaber der Weinhandlung. Lilly Michaelis hat das Innere des alten um 1550 erbauten Hauses zu ihrer Lebenszeit wesentlich geprägt. 1923 wurde die noch heute vorhandene Treppe zur Galerie eingebaut und die Diele erhielt durch Möblierung mit Schränken und Bildern ein „hanseatisches“ Aussehen, nach den Vorstellungen der Hausherrin. Als ihr Mann Gustav 1939 verstarb, war sie die letzte Eigentümerin des „Weinberges“, da ihre beiden Söhne verstorben waren. Zeitzeugen beschreiben sie etwas skurril, aber trotzdem freundlich und weltoffen. Sie bestimmt in ihrem Testament vom 25. April 1941, dass nach ihrem Ableben das Haus mit allem Inventar an die Hansestadt Wismar in Eigentum übergehen soll, mit der Maßgabe alles so zu erhalten, wie sie es verlassen hat. Sie hat sogar zu ihrer Le-benszeit ihre eigene Trauerfeier gestaltet und auf der Diele eine Art „Generalprobe“ zu ihren mit allen zu erwartenden Trauergästen durchführen lassen, was sicher gewöhnungsbedürftig ist. Am 19. Dezember 1941 nahm der Wismarer Rat die Verfügung des Testamentes der am 22. August 1941 verstorbenen letzten Eigentümerin des Hauses, Lilly Michaelis, an, wonach diese der Stadt Wismar das Haus mit Grundstück „auf ewig“ mit allen Auflagen vererbte. Nach der 1953 angeordneten Enteignung des Traditionsunternehmens „Weingroßhandel F. G. Michaelis“ übernahm im Januar 1954 der VEB „Wismaria“ dieses Haus, ehe er am 7. Mai 1966 hier zunächst eine Verköstigungsstube erfolgreich eröffnete. 1973 wurde sie als Restau-rant „Zum Weinberg“ von der damaligen Handelsorganisation (HO) übernommen und gehörte zu den besten historischen Restaurants in der DDR. Seit 1995 befindet sich das Haus wieder im Eigentum der Hansestadt Wismar, die das äußerst beliebte Restaurant „Zum Weinberg“ verpachtet. Der Verfügung des Testamentes von 1941 kommt die Stadt Wismar unter ande-rem mit einer durchgreifenden Sanierung und einem Kostenaufwand von 3,6 Millionen Euro zwischen 2011 und 2014 nach. Am 16. April 2014 wird das Haus übergeben und nach zwei-jähriger Suche konnte mit Marco Pusceddu aus Schwerin ein Pächter gefunden werden, der im Juni 2016 ein Restaurant in diesem traditionsreichen Haus eröffnen wird.

Was sonst noch geschah
7. April 1890 Der spätere Wismarer Stadtbaurat Arthur Eulert wird in Rostock geboren. Am 3. März 1946 nimmt er sich mit seinen vier Kindern in der Wismarer Atwismarstraße 6 das Leben.
8. April 1946 Befehl: Übertragung der Rechtsträgerschaft des Hafens auf die Stadt Wismar. Die Rechtsträgerschaft endet am 1. Mai 1947.
10. April 1933 Umbenennung Lindenstraße in Adolf-Hitler-Straße, Turnplatz in Horst-Wessel-Platz, Friedrich-Ebert-Damm in Parkstraße, Turnerweg in Schlageter-Allee.
11. April 1954 Zentrales Training des Landes auf einem Rundkurs (Dahlmannstraße-Dankwartstraße/Karl-Liebknecht-Straße – Baustraße/Rosa-Luxemburg-Straße – Lübsche Straße/Stalinstraße – Dahlmannstraße) zur Vorbereitung auf ein Rennen auf dem zukünftigen Hanseaten-Ring in der Bürgermeister-Haupt-Straße.
11. April 2002 Der Wismarer Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) wird übergeben.
12. April 1990 Erste privatisierte Unternehmen sind „Eduard Dewenter Tiefbau“ und Brun-nenbau Böckler.
13. April 1988 Verleihung der Ehrenbürgerschaft an die Leichtathletin Marita Meier-Koch.

Detlef Schmidt

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