Kalenderblatt zum 7. Juli

   Vom Lazarett für Musketiere bis zur Polizei

Eine wechselhafte 165jährige Geschichte eines Hauses

Am 7. Juli 1851 wurde nach dem Entwurf des Schweriner Hofbaurates Georg Adolph Demmler, der auch am Schweriner Schloss mitwirkte, das neue Militärlazaretts vor dem Altwismartor eingeweiht. Seit 1820 war das 1. Musketier-Bataillon in Wismar als Garnison stationiert. Etwa 300 Militärangehörige von den Offizieren bis zum Soldaten hatten ihr Quartier bei Wismarer Bürgern und alle drei Wochen wurde ausgewechselt. Im Fürstenhof befanden sich die Uniformkammer, der Essensaal und die Küche für Unteroffiziere und Soldaten.

Seit 1810  war für das Militär ein Lazarett im Eckhaus Papenstraße-Bliedenstraße eingerichtet. Zunächst für die Franzosen, die auch im Fürstenhof Quartier machten und danach auch für die Wismarer Garnison. Es war ein einstöckiges Haus mit vier Krankenkammern und Platz für 16 Patienten. Die Zustände müssen schon katastrophal gewesen sein, denn eine Trennung zwischen Patientenkammern und Küche  gab es kaum und die Abwässer aus den umliegenden Häusern sollen sich auf dem Lazaretthof gesammelt haben. Der Wismarer Rat und die zuständige militärische Finanzverwaltung sahen schon die Schwierigkeiten, doch wie immer ging es um die Finanzierung. Es sollte ein Neubau für 60 Patienten entstehen und nach langem Streit kam es am 20. Februar 1847 zu einem vergleichenden Vertrag. Der Wismarer Rat überließ dem Großherzog das Grundstück vor dem Altwismartor und die Wismarer waren so zukünftig auch vom Unterhalt des Militärlazarettes befreit. 1851 konnte der Neubau übergeben werden. Dazu schreibt  Reinhard Parchmann über mecklenburgische Militärbauten: „Das zweigeschossige, etwa 35 Meter lange Gebäude ist von Norden nach Süden ausgerichtet. Die Krankenstuben des einbündigen Mittelteils öffneten sich nach Osten. An der Straßenfront war für das Treppenhaus ein Mittelrisalit vorgesetzt. Die Terrasse zwischen den beiden nach Westen vorgezogenen Seitenflügeln angelegt, war voll unterkellert. Das nach Norden abfallende Grundstück ermöglichte es, für die Koch- und Waschküchen im Keller große Fenster einzubauen. Den Südteil des Erdgeschosses bewohnten der Lazarettwärter und der Rechnungsführer. Im Nordteil lagen die Magazinräume, das Geschäftszimmer und eine Krankenstube. Das Obergeschoss blieb der Unterbringung von maximal 30 Patienten und der Lazarettgehilfenstube vorbehalten. Die Bodenräume wurde als Kammer und Lager genutzt. Zu den verbesserten sanitären Verhältnissen zählt der Einbau von Toiletten in jeder Etage und einer Badestube im Obergeschoß. Im großen Garten stand die Leichenhalle mit Sektions- und Aufbewahrungsraum, sowie den Hofaborten. Die Fassade des symmetrisch gegliederten Baus gestaltete Demmler mit Formen der Tudorgotik.“ Damit gehörte das Militärlazarett in Wismar zu den modernsten Krankenanstalten, gegenüber dem städtischen Krankenhaus an der Stadtmauer im Bereich des Schwarzen Klosters.

Zwischen Militär und dem Wismarer Rat gab es Streit über die Unterbringung von Soldaten, die man schon gerne in eigenen Quartierhäusern unterbringen wollte. Wie immer ging es um die Finanzierung. 1877 brachte der Reichstag das „Gesetz über die allgemeine Kasernierung des Reichsheeres“ heraus. Da die Wismarer sich seit 1869 weigerten für ein Quartierhaus mit 320 Soldaten Geld auszugeben, sollten das gesamte Füsilier-Regiment Nr. 90 nach Rostock gehen. Das war nun gar nicht nach dem Geschmack des Wismarer Rates  und nach einer Petition an den Reichstag, in dem die Wismarer den Verlust der Garnison einhergehend mit einem großen wirtschaftlichen Schaden schilderten, blieb die Garnison in der Stadt. Der Wismarer Rat versicherte im Gegenzug, Ersatz für die Räume im Fürstenhof zu schaffen.  Am 1. Juli 1881 waren die Quartierhäuser/Kasernen im ehemaligen Arbeitshaus an der Scheuerstraße und der Anbau des schwedischen Packhauses von 1690 nach Plänen des Wismarer Architekten Helmuth Brunswig fertig. Über 400 Soldaten Unteroffiziere und Offizieren bekamen hier eine neue Unterkunft und die Bürger waren von der Soldaten-Einquartierung befreit. Heute befinden sich im Quartierhaus Scheuerstraße das Ordnungsamt und die Feuerwehr. Im Quartierhaus Mühlenstraße ist seit 1948 die Poliklinik und ab 1994 das Arbeitsamt und ein Ärztehaus.

Im ehemaligen Militärlazarett, das nunmehr auch seine ursprüngliche Aufgabe verlor, zog nach Auflösung der Wismarer  Garnison 1920, die Landesfinanzverwaltung mit dem Finanzamt ein.  1929 erhielt das Haus an der Lindenstraße einen Erweiterungsbau. Nach 1945 besetzte das Haus zunächst die Rote Armee, ehe dann ab 1948 und endgültig ab 1952 die Wismarer Polizei aus dem Stadthaus in das Gebäude übersiedelte. In den 1970iger Jahren wurde die ursprüngliche Fassade bis zur Unkenntlichkeit verändert und von der „Tudorgotik“ Demmlers war nichts mehr zu sehen.

Am 27. März 2013 war Baustart zur denkmalpflegerischen Sanierung und zum Um- und Neubau des Polizeigebäudes an der Rostocker Straße. Mit einem finanziellen Gesamtvolumen von 9.4 Millionen Euro, soll das geschichtsträchtige Haus mit guten Arbeitsbedingungen für die Wismarer Polizei 2016 bezugsfertig sein.

Was sonst noch geschah

  1. Juli 2000 Kiellegung der Poeler Kogge.
  2. Juli 1947 Durch Befehl 93 der SMA wird die Demontage des ehemaligen Luftwaffenlazarettes beendet und Notwohnungen eingerichtet. Nach Antrag von zweiundzwanzig Wismarern sowie Oberbürgermeister Herbert Säverin vom 17. Juni 1947 an den Ministerpräsidenten, erhält es den Namen „Friedenshof“. Ein Name, der später auf das gesamte Wohngebiet angewendet wird.
  3. Juli 1989 Laut Protokoll zwischen dem Rat der Stadt Wismar und der Wismarer Papierfabrik Roten Tor, werden alle Wahlunterlagen, wie Wählerlisten, Wahlscheine, Wahlniederschriften, Protokolle und Meldevordrucke, vernichtet.
  4. Juli 1992 Gründung der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft Wismar e.V.
  5. Juli 1992 Eröffnung des Wismarer Frauenhauses in der Schulstraße 14.
  6. Juli 1848 Aufnahme des Eisenbahnbetriebes in Wismar. Strecke Schwerin-Wismar.

Detlef Schmidt

 

 

 

 

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