Kalenderblatt zum 7. November

 Stürmische Zeitenwende in Wismar

 Am 7. November 1989 versammelten sich auf dem Wismarer Marktplatz etwa vierzigtausend Menschen, Schätzungen gingen sogar von fünfzigtausend aus,um für Veränderungen in Gesellschaft und Politik zu demonstrieren. Es ist und war bisher die größte Ansammlung in der Wismarer Geschichte.

Schon lange brodelte es unter den Bürgern und das Maß lief nach den gefälschten Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 buchstäblich über. Die Ausreiseanträge in die Bundesrepublik stiegen und um den Markt gingen jeden Sonntag die Ausreisewilligen und demonstrierten mit einem stillen Protest. Die sogenannte „Volksmacht“, der SED-Apparat, wurde sichtlich nervöser. Zwar gab es noch keinen offenen Widerstand, man hatte jedoch die „ökologische Bibliothek“ der evangelischen Kirche in der Bliedenstraße unter schärfster Beobachtung. Sie waren die ersten Widerständler gegen das herrschende SED-Regime und gehörten in der DDR mit zu den „Widerstandsleuchttürmen“.

Aus diesen Gruppen heraus bildete sich der Kern des „Neuen Forum“, eine Bürgerbewegung, die es so noch nie in der DDR gab. Am 19. September 1989 meldet die Bürgervereinigung „Neues Forum“ die Gründung unter Berufung auf Artikel 29 der DDR-Verfassung in elf der 15 DDR-Bezirke an. Zwei Tage später wurde über die staatliche Nachrichtenagentur ADN das Neue Forum als verfassungs- und staatsfeindlich beschrieben. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 3.000 Menschen den Aufruf unterschrieben. Am 25. September wurde der Antrag auf Zulassung offiziell mit der Begründung abgelehnt, es bestehe keine gesellschaftliche Notwendigkeit für eine derartige Vereinigung. In Regierungskreisen wurde der Gründungsaufruf wie folgt interpretiert: „Es sei ein gefährliches Oppositionspapier, weil es zu 70 Prozent die Probleme der Bevölkerung benenne und nur zu 30 Prozent ein Angriff auf die DDR sei.“

Dies war Anlass zur Gründung der Wismarer Bürgerbewegung „Initiative 89“ am 26. September 1989 durch Wismarer Bürger. Trotz der Ablehnung des Neuen Forums durch die DDR-Regierung, schrieben die Wismarer Mitglieder der Bürgerbewegung einen offenen Brief an die Kreisleitung der SED und dem Rat der Stadt Wismar, in dem sie Veränderungen in Politik und Wirtschaft forderten. Einige Forderungen hätten sich durchaus noch mit der Meinung des DDR Staates decken können, doch schon das war den „Mächtigen in Partei und Stadt“ zu viel. Hans-Jürgen Große Schütte referierte dazu am 23. Oktober 1989 vor einer außerordentlichen Sitzung der Kreisleitung der SED und führte den „Genossen“ das Gespenst der Konterrevolution vor. Er übersah dabei, dass zu dem Zeitpunkt schon hunderte Wismarer Parteimitglieder ihr Parteibuch abgegeben hatten.

Der Rat der Stadt reagierte mit den sogenannten „Dialogveranstaltungen“ zu den verschiedensten Themen, doch die Verantwortlichen wurden letztendlich schlichtweg ignoriert. Man glaubte ihnen nicht mehr

Die Wismarer wurden unruhiger und forderten eine große Bürgerversammlung auf dem Marktplatz. Manche hatten Angst, dass sie den Anschluss verpassten, denn in Leipzig und Berlin gab es große Protestversammlungen, die ungestört verliefen. So wurde dann von den Bürgerbewegungen beschlossen, dass am 7. November 1989 eine Bürger-Demonstration auf dem Marktplatz stattfinden sollte. Ein Stadtverordneter fragte offen in der davor stattfindenden Stadtverordnetenversammlung, „warum man gegen so eine Demonstration wäre, da doch die DDR solche Demonstrationen in anderen Ländern unterstütze“. Zur Antwort gab es ein persönliches Gespräch, dass diesen Abgeordneten auch nicht umstimmte. Am 6. November 1989 wird ein neues Reise-Gesetz veröffentlicht, das auf heftigen Protest der Bürger stößt und die Stimmung nur noch „aufheizte“. Diese Stimmung wurde auch in den frühen Abendstunden des 7. November 1989 weitergetragen. Von allen Seiten strömten die Bürger auf ihren Marktplatz. Sie hatten vielfach Kerzen als Zeichen des friedlichen Protestes in der Hand und freuten sich, dass sie nicht alleine waren. Erstmals trafen Freunde, Verwandte und Bekannte aufeinander und man sprach offen über Missstände in der Stadt. Die Staatssicherheit hatte jedoch hier noch über ihre inoffiziellen Mitarbeiter die Hände mit im Spiel. Ganz wollten sie nicht aufgeben. Damit verkamen einige Redebeiträge zur Farce, die jedoch bei der nächsten Demonstration am 13. November gut organisiert wurde. Zuvor gab es am 12. November ein erstes Gespräch zwischen Neuem Forum und dem Rat der Stadt Wismar. Das Neue Forum organisierte sich und am 15. November 1989 bildete es einen Sprecherrat mit, Fritz Kalf, Ulrich Bäcker, Guntram Erdmann, Thomas Beyer und Frank Wiechmann. Die SPD Wismar gründete sich am 17. November 1989 als „SDP“ in der Heiliggeistkirche für Stadt und Kreis Wismar. Der Arzt und Neurologe Dr. Thomas Krohn brachte den Gründungsbeschluss in das Wismarer Rathaus.

Vieles ist uns Bürgern heute selbstverständlich, doch den Mut, den viele Wismarer 1989 aufbrachten, sollte im Gedächtnis als Mahnung gegen totalitäre Systeme bleiben.

 

Was sonst noch geschah

9. November 1832 Kapitän Heinrich Podeus geboren, gestorben am 21. Juli 1905.

9. November 1907 Gründung des Wismarer Bürgervereins.

9. November 1946 Gründung der Ingenieurschule für Bauwesen.

9. November 1936 Wismar darf den Zusatz „Seestadt Wismar“ verwenden.

10. November 1938 Aktionen der Nazis gegen jüdische Geschäftsinhaber wie Löwenthal, Lindor und Blaß. Deren Läden werden geschlossen.
11. November 1865 Regionalhistoriker Gustav Willgeroth geboren. Gestorben 15. März 1937.

13. November 1872 Schwere Sturmflut in Wismar mit 306 cm über normal.

14. November 1910 Einweihung des Laboratoriums der Ingenieurakademie am Baumweg.

14. November 2000 Das Seniorenheim Haus Wendorf, Rudolf- Breitscheid- Str. 62, wird als Neubau mit 81 Pflegeplätzen eröffnet.

15. November 1814 Johann Christian Thormann geboren. 25. November 1896 gestorben. Großkaufmann und Geheimer Kommerzienrat, Senator von 1847 – 1852. Er war der Eigentümer des 1862 errichteten Thormann-Speichers auf der Lastadie und ihm gehört von 1850-1875 der „Königsspeicher“ Frische Grube 31.

 

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

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