Kalenderblatt zum 7. September

    Vör nägentich Johr würd‘n de Maaten buur´n

In Wismar versteht jeder die „Maaten“ von der Niederdeutschen Bühne

Am Montag, dem 7. September 1925, gründete sich die Niederdeutsche Bühne Wismar und die damaligen Gründer wie Max Breuel, der Glasermeister August Schönberg, Karl Frahm und Friedrich Piehl, um nur einige zu nennen, gehörten zu den ersten Mitgliedern. Schon am 28. September 1925 wurde das erste Stück „De Verschriewung“ im Wismarer Theater in der Mecklenburger Straße aufgeführt. Damit legten die „Maaten vun de Bühn“, so ihr selbst gewählter Name, den Grundstein für eine niederdeutsche Erfolgsgeschichte, die bis heute im 90. Jubiläumsjahr anhält. Sie ist somit eine der ältesten durchgängig existierenden Vereine Wismars. Die Niederdeutsche Bühne gehört zu Wismar wie die Wasserkunst und ist bei Alt wie Jung gleichermaßen beliebt. Ist auch nicht verwunderlich, denn „plattdüütsch“ ist immer noch die beliebteste Sprache der Hansestädter, auch wenn sie mancher nicht sprechen kann – es versteht sie fast jeder.

Hervorgegangen ist die Niederdeutsche Bühne aus dem Plattdeutschen Verein Wismar, der schon 1912 die heute noch stehende Reuter-Eiche am Reuterplatz pflanzte. Der plattdeutsche Verein führte schon immer kleine Stücke auf und daraus wurde die Idee geboren, die Niederdeutsche Bühne zu gründen.  Erster Bühnenleiter war Max Breuel und nach dessen Wegzug aus Wismar übernahm zunächst Willi Dethloff die Leitung, ehe mit Willi Tack ein Bühnenleiter gefunden wurde, von dem die damaligen Bühnenmitglieder schwärmten: „He wier de Baas, he hett Regie maakt un spälte noch 868mal sülben mit.“ In diesen Worten liegt eine hohe Anerkennung, die auch Willi Tacks Schüler, er war Volksschullehrer, teilten. Jede Woche gab es eine ausverkaufte Aufführung und die Niederdeutsche Bühne hat sich auf Anhieb das Theater und das Publikum erobert. Das ist bis heute so geblieben und hat wohl auch seinen Ursprung im ehrenamtlichen Engagement der Maaten und in dem bis heute ungebrochenen herzlichen Verhältnis zwischen Bühne und Publikum. So gab es in den ersten zehn Jahren nach der Gründung 2.000 Vorstellungen, die auch über Land gingen. Die Zeit des Nationalsozialismus konnte der Bühne kaum etwas anhaben. Sie ließ sich vom völkischen Gedanken nicht anstecken und spielte trotzdem in schwerer Zeit, um das Publikum zu erheitern und auch gleich nach dem Krieg ging es weiter. Die Menschen fanden in schwerster Zeit durch die Niederdeutsche Bühne Kraft und Abwechslung und die Maaten mühten sich redlich, diese mit ihrer Kunst zu geben.

Nach dem Krieg gab die Niederdeutsche Bühne schon am 9. Oktober 1945 eine erste Vorstellung mit „Up Düwels Schuuwkoor“ im Theater und es erfolgten allein 1945 noch sechs weitere Inszenierungen. Das war ein nicht zu unterschätzender kultureller Beitrag in der Nachkriegszeit. Einen schweren Schlag erlebten die Wismarer, als das Stadttheater 1948 abbrannte. Aber an Aufhören war nicht zu denken. Gespielt wurde im Hotel „Zur Sonne“, im Wallgarten oder im Schützenhaus und für das neue Theater an der Parkstraße sammelten die Maaten 40.000 DM.

Die Niederdeutsche Bühne hat in den vergangenen Jahrzehnten das Theaterleben wesentlich mitbestimmt und das ohne Gage – alles im Ehrenamt. Das ist bis heute so geblieben und stolz ist sie darauf. Ebenso wie auch auf die Tatsache, dass sie zu DDR-Zeiten nahezu ideologiefrei spielen konnte und nicht durch einen Trägerbetrieb vereinnahmt wurde. Das hätte zwar finanzielle Vorteile gehabt, aber ihre kleine Freiheit und ihr Name wären weg gewesen. Nur einen Patenschaftsvertrag mit dem VEB Seehafen Wismar hatte sie. Teilnahme an den Arbeiterfestspielen konnte sie mit Qualität und Publikumsbeliebtheit erreichen, mit dem Ergebnis, dass sie drei Goldmedaillen erspielte. Eigentlich war die Teilnahme nur Arbeitertheatern vorbehalten. Lisa Kuß kam 1956 in die Niederdeutsche Bühne und diese ist heute undenkbar ohne ihre „Lisa“. Mit ihrem Können und auch Engagement avancierte sie zur Bühnenleiterin und heutigen künstlerischen Leiterin. Sie ist stolz darauf, dass der Bühnenname nie angetastet wurde. Ehemann Willi Kuß kam 1957 zur Bühne und blieb dort nicht nur wegen der „schönen Lisa“, sondern die Maaten erkannten schnell sein Können. Heute ist der langjährige Vereinsvorsitzende „Ihrenvörsitter“. Zu DDR-Zeiten wurde gespielt und inszeniert, was möglich war und das Publikum über Wismar hinaus war begeistert von den Stücken aber auch von den vielen Darstellungen in der Kleinkunst. Kaum ein Volksfest, wo die Wismarer Maaten nicht dabei waren. „Dat Plattdüütsche sall läben“ ist ihre Devise und die kommt an.

Nach der Wende ging es mit dem gleichen Elan weiter und jetzt machte sich die Ehrenamtlichkeit „bezahlt“.  „Wi harr´n vörher keen Geld un nu ok nich“, meint Lisa Kuß. Die Wismarer danken es ihrer Niederdeutschen Bühne mit vollen Häusern. Der von den Maaten inszenierte „Adventskaffee“ ist ein Renner, der über Monate vorher ausverkauft ist und auch die Jüngsten kommen in der Vorweihnachtszeit nicht zu kurz. Die Kinder- und Jugendgruppe der Bühne spielt mit dem gleichen Elan wie die Großen. Hier spürt man die Begeisterung für „dat Spälen up de Bühn“. Antje Karsten, Tochter von Lisa und Willi Kuß, ist heute die 1. Vorsitzende des Vereins und führt diesen, engagiert wie ihre Vorgänger, in deren Sinne weiter. Nachwuchssorgen gibt es zwar immer wieder, doch mittlerweile spielen schon die Enkel der Mitglieder mit und werden aktiv in das Bühnengeschehen einbezogen. Aber es drückt doch schon, wenn die „Lütten“ größer werden und wegen der Arbeit woanders hinziehen müssen.

Über 300 Inszenierungen hat die Niederdeutsche Bühne seit ihrem Bestehen auf die Bühne gebracht, die in tausenden Vorstellungen, Matineen und Kleindarstellungen einem dankbaren Publikum gezeigt wurden. Für ihre Verdienste um die Erhaltung der niederdeutschen Sprache und der Niederdeutschen Bühne erhielt Lisa Kuß 1998 das Bundes-Verdienstkreuz am Bande und am 2. Oktober 2007 den Ehrenring der Hansestadt Wismar. Willi Kuß wurde am 23. Oktober 2009 die Bürgermedaille der Hansestadt Wismar überreicht sowie 2010 der Verdienstorden des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Was sonst noch geschah

  1. September 1300 Heinrich der Löwe und sein Vater einigen sich mit dem Rat auf den Abbruch des Schlosses auf dem Weberkamp und dem Neubau eines unbefestigten Hofes in der Stadt..
  2. September 1984 Umbenennung des Turnplatzes in Gottlob-Frege-Platz.
  3. September 2012 Einweihung des „Columbus Cruise Center Wismar“ in der Markthalle am Alten Hafen zur Abfertigung und Akquisition von Kreuzfahrtschiffen.
  4. September 1799 Letzte öffentliche Hinrichtung in Wismar. Sie betraf den Hirtenjungen Caspar Schwartzkopff wegen Raubmordes.
  5. September 1998 Gründung der Bürgerstiftung Wismar.
  6. September 1998 Eröffnung und Übergabe der Westtangente mit Verkehrsfreigabe.
  7. September 1816 Fürst Leberecht von Blücher ist Gast im Hotel Stadt Hamburg.
  8. September 1945 Beschluss des Rates, die Schulen wegen mangelnden Heizmaterials und anderweitiger Belegung der Gebäude noch nicht zu eröffnen.
  9. September 2002 Das leerstehende Haus des ehemaligen Hotels Zur Sonne stürzt ein. Der Wiederaufbau im Auftrag eines Modehauses beginnt einige Jahre später. Der alte „Sonnen-Saal“ wurde dabei erhalten und saniert.

Detlef Schmidt

 

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