Kalenderblatt zum 8. Dezember

Wismarer Bäcker im Streit

Am 8. Dezember 1734 gab es im schwedischen Wismar eine Tat, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete. An einem Pfeiler des Rathauses war ein Brett mit einer kleinen Semmel ange-schlagen und ein Schriftstück mit „empfindlichen Expressionen“, so der gewählte zeitgenössi-sche Ausdruck gegen die „himmelsschreiende Preistreiberey“ der Wismarer Bäckerinnungen. In der eilig einberufenen Ratssitzung teilte Bürgermeister Tanke mit, das Abnehmen wäre be-reits durch den Büttel geschehen und diese beauftragt, nach dem Urheber zu fahnden. In der Ratssitzung wurde nun festgestellt, dass eine Semmel „fünf Loth und zwei Quent“ wiegen solle, und, dass man jetzt zu einer Untersuchung gegen die „Fast=Bäcker“ vorgehen wolle. In der Sitzung vom 13. Dezember 1734 gelangte dann das Gerichtsprotokoll vom 9.Dezember mit der „Fast- und Losbäckervorstellung“ wegen der „infamen Schmähschrift“ zur Verlesung. Hier waren sich die ansonsten spinnefeind gesonnenen Bäcker einig. Hier ging es um die Ehre und da hielt man zusammen. Bürgermeister Tanke führte dazu aus: „Der Täter hätte sträflich gehandelt. Wenn er wider die Semmel mit Recht was hätte haben können, so hätte er es billig bei der Obrigkeit anzeigen, nicht aber es auf so unzulässige Art kundmachen sollen. Er würde

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aber wohl schwerlich zu fassen sein“. Die Bäcker ersuchten nun, dass die Schmähschrift öf-fentlich von der „Frohn“ verbrannt werden sollte, weil sie darin als „Schelme bezeichnet wür-den“. Zur Erfassung des Täters wurde eine Belohnung auf zehn Reichstaler festgesetzt. Nach zehn Wochen, in der Sitzung vom 10. Februar 1735, kam man doch noch einmal auf die „böse Schrift“ zu sprechen, und es wurde beiläufig festgestellt, dass die Semmel tatsächlich nur vier Loth gewogen hatte. Den Übeltäter hat man bis dahin auch nicht gefunden und jetzt wurde die Forderung der Bäcker nach öffentlicher Verbrennung der „Schmähschrift“ erfüllt, zumal sie die Kosten dafür selber tragen wollten. Die Bürger hatten ihren Spaß und sicher achteten die Bäcker mehr auf das richtige Gewicht der angebotenen Semmel, denn auf solche Werbung verzichteten sie gerne. Nie ist wieder eine Semmel am Rathaus angenagelt worden, oder doch?
In Wismar sind die Bäcker seit Stadtgründung ansässig gewesen und von 1272 gibt es eine Aufzeichnung der Kämmerei, über das „ampt des backwerks“. Sie hatten eigene Gast- und Krughäuser in der Hundestraße und am Markt 13, vor Jahren besser bekannt als „Deutsches Haus“. Dies sollte in den 80er-Jahren zum Haus des Handwerks umgebaut werden, kam aber mehr als über Planspiele nicht weiter. Ihre Produkte stellten die Bäcker in ihren Backhäusern her, wobei der Rat streng darauf achtete, dass mindestens zweimal in der Woche frisches Brot gebacken wurde. Die Bürger durften zwar ihr eigenes Brot backen aber zum Schutz der Bä-cker war den Bürgern über ihren Eigenbedarf hinaus das Backen verboten. Mit einem „Ewig Erhabenen Rat“ kamen die Bäcker 1345 in Schwierigkeiten, als die Ratsherren erfuhren, dass die Zunftmitglieder einen Eid schwören mussten, dass sie über alles was in der Zunft passier-te, schweigen sollte und auch nicht dem Rat melden sollte. Solche „Verschwörung“ mochte der Wismarer Rat nun gar nicht und ab sofort mussten bei jeder Zunftversammlung zwei Ratsmitglieder dabei sein. Trotzdem waren die Bäcker ein geachtetes Zunfthandwerk in der Stadt und stellten neben Schmieden, Wollenwebern, Goldschmieden und Krämern ab 1583 im Bürgerausschuß zwei Mitglieder. Frauen durften als Witwe das Handwerk ihres Mannes wei-terführen. Unter den Bäckern Wismars gab es eine klare Aufgabenteilung und wehe, wenn einer aus der Reihe tanzte. Da gab es die „Losbäcker“, die für Kuchenwaren zuständig waren und die „Fastbäcker“ hatten nur Brot zu backen. Dazu gibt es eine sehr drastische Beschrei-bung: „Beide Zünfte, die sich untereinander auf das Äußerste hassen, wohnen in nördlichen Landen in einer Stadt zusammen, und in diesem Falle soll nach alten Privilegien der Weiß- oder Losbäcker bloß Semmeln und Butter- und Kuchenwaren backen, der Fastbäcker aber bloß Brot“. Die Fastbäcker hatten an der südlichen Marktseite zu Markttagen ihre „Scharren“, die Verkaufsstände. Auf dem Markt durften auch auswärtige Bäcker ihre Waren verkaufen aber nur zu dem Preis, der auch in Wismar üblich war. Der Streit zwischen diesen gleicharti-gen Berufsgruppen beschäftigte auch 1670 die schwedische Königin Hedwig Eleonore als sie den Wismarern eine Resolution sandte: „…jedenfalls halten Ihre Majestät das Beste zu sein, daß diese beide Aemter recht wiederumb geschieden, den Losbeckern sich in der Fastbecker von altersher gehabte Nahrung zu mischen nicht gestattet, sondern sich an ihrem Loosbacken vergnügen zu lassen angehalten werden…“In Wismar gibt es keine Bäckerstraße. Dabei gehört dieses Handwerk zu den ältesten der Menschheit, auch in Wismar. Vor 100 Jahren gab es 1910 bei etwa 24-tausend Einwohner 45 Bäckereien, das heißt auf 550 Einwohner kam ein Bäcker. Heute gibt es in der Hansestadt nur noch zwei Bäckereien und etwa 41 Ladenge-schäfte mit Backwaren bei etwa 44-tausend Einwohner, wobei die gefühlte Zahl an Backs-hops höher liegt.
Was sonst noch geschah
8. Dezember 1703 Ein Orkan wirft den 40 Meter hohen Turmhelm von St. Nikolai auf das Mittelschiff
8. Dezember 1989 Demonstration vor das Haus der SED-Kreisleitung und symbolische Be-setzung des Hauses.
10. Dezember 1976 Das Bezirkskrankenhaus Wismar verleiht erstmalig den 1975 beschlosse-nen Dr.-Unruh-Preis.
11. Dezember 1989 Auf Anweisung der Regierung der DDR werden alle Kreisdienststel-len des MfS sofort aufgelöst.
11. Dezember 1989 Erstmals fordern Bürger auf einer Montagsdemonstration des Neuen Forums in Wismar auf dem Marienkirchplatz die Wiedervereinigung.
11. Dezember 1990 Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist in Wismar zu Gast.
13. Dezember 1849 Carl Dethloff Hinstorff bekommt in Wismar vom Rat die Zulassung als Bürger und Buchhändler.
13. Dezember 1997 Bundespräsident Roman Herzog zur Fernsehweihnachtssendung in St. Nikolai.
14. Dezember 1902 Gründung des Konsumvereins für Wismar und Umgegend.
14. Dezember 1923 Die Wismarer Kaufmanns-Kompagnie erwirbt die Häuser Lübsche Straße 21/23.

Detlef Schmidt

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