Kalenderblatt zum 8. Dezember

Sturm zerstörte St. Nikolai

Am 8. Dezember 1703 tobte ein schwerer Orkan über Wismar. Schon seit dem 5. Dezember 1703 tobte dieser Orkan von der Nordsee herkommend, wo er die meisten Schäden anrichtete. Nach zeitgenössischen Darstellungen und Schätzungen forderte der Sturm, der auch eine star-ke Sturmflut brachte, zwischen acht- und 15tausend Menschenleben. Der 8. Dezember 1703 war der zweite Adventssonntag. Ratsherr Heinrich Schütz war nachmittags um drei Uhr ge-rade mit einem Dachdecker auf dem Turm von St. Nikolai, um die Sturmschäden zu inspizie-ren, als der spitze Turmhelm durch eine Orkan Böe abgerissen wurde und auf das Kirchen-schiff stürzte. Schütz und sein Begleiter konnten sich nur durch einen beherzten Sprung auf eine Mauer retten. Hier wurden sie erst am nächsten Tag heruntergelassen, da auch der Zu-gang zum Turm versperrt war. Für die Männer, die die Glocken zu läuten hatten, kam jede Hilfe zu spät. Genau wie für eine Frau, ein Dienstmädchen und einem Zimmermann, die von herabfallenden Steinen getötet wurden. Durch den Einsturz des Gewölbes wurden die Kan-zel, das Taufbecken aus Messing, der kleine Altar vor dem Chor mit dem großen Kruzifix darüber und fast das gesamte gotische Gestühl wurde zerstört.
St. Nikolai ist dem Heiligen Nikolaus, dem Patron der Seefahrer und Schiffer geweiht und zu vermuten ist, dass der heute uns bekannte Bau schon einen Vorgängerbau hatte. 1381 beauf-trage der Wismarer Rat den Baumeister Heinrich von Bremen mit der Fertigstellung des Cho-res und die Weihe des Hochaltares ist für 1403 belegt. Heinrich von Bremen arbeitete noch bis 1415 am Gebäude. Unter der Leitung der Baumeister Peter Stolp und Hermann von Müns-ter, der auch an St. Georgen seine Handschrift hinterlassen hat, waren 1459 die Arbeiten so-weit erledigt, dass die Kirche geweiht werden konnte. Von 1485 bis 1487 errichtete Hans Mertens die beiden Turmobergeschosse und der Turmhelm wurde 1508 aufgesetzt.
Nach dem Sturmunglück erhielt der Turm ein querliegendes Satteldach und das Mittelschiff eine Flachdecke. Die Erneuerung der Ausstattung dauerte bis 1867 nahezu 170 Jahre. Eine umfassende Renovierung der Kirche ist für die Zeit von 1880 bis 1881 belegt. Aus dieser Zeit stammt auch die Raumfassung, die sich an mittelalterlichen Vorbildern orientiert. Die figürli-che Ausmalung aus dem Mittelalter wurde gleichzeitig restauriert. Der östliche Dachreiter, der sogenannte Steigerturm, wurde 1890 aufgebaut. Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg ver-ursachten an der Kirche nur geringe Schäden. Aus den stark betroffenen Kirchen St. Georgen und St. Marien fanden etliche Ausstattungsstücke hier einen neuen Platz.
Beim Bau von St. Nikolai griff man auf das Vorbild der St.-Marien-Kirche zurück. Da aber die Stadtansichten seit jeher von der besten Seite gezeigt wurden, im Mittelalter war es die Seeseite. Durch den Aufbau eines Turmhelmes hatte der Gesamtturm eine Höhe von 120 Me-ter und war damit, trotz der niedrigen Lage der Kirche in den Stahl- und Kupferstichen im-mer auf „Augenhöhe“ mit der auf einer Anhöhe stehenden St.-Marien-Kirche zu sehen. Eine Meisterleistung der mittelalterlichen Baumeister. Die Seefahrer wollten eben mit ihrer Kirche hinter der Marienkirche, die als Ratskirche auch den Kaufleuten diente, nicht zurückstehen. Die monumentale Größe des Kirchenschiffes mit 37 Meter tat ein Übriges. Übrigens fielen am gleichen Tage zwei Kirchtürme gleicher Schutzpatrone zum Opfer: Die Rostocker und die Wismarer Nikolaikirche verloren ihre hohen Turmhelme. Noch heute erkennt man die Ab-bruchstelle am Turm der Wismarer St. Nikolaikirche dadurch, dass die Rautenmuster an den beiden Giebelseiten nicht symmetrisch verlaufen, sondern durch die damalige „Notabde-ckung“ teilweise durchschnitten wurden.
Beim I. Mecklenburgischen Musikfest in Wismar am 12. September 1816, musizierten bürger-liche Musikkreise und die Hofkapelle Schwerin auf Initiative des Wismarer Bürgermeis-ters Karl von Breitenstern erstmals gemeinsam in St. Nikolai. Zentrale Veranstaltung dieses ersten Musikfestes war die Aufführung von Joseph Haydns Schöpfung in der Nikolaikirche mit 100 Chorsängern aus den umliegenden Städten. Nach der vorherigen Zurückhaltung höfischer Kreise war dies in Norddeutschland ein Durchbruch in Richtung auf mehr Gemeinsamkeit. Dieser ersten größeren gemeinsamen Aufführung musikalischer Werke in der Region folgten in den nächsten Jahren weitere. Am 5. November 1818 gründete er in Wismar mit dem Musikverein, den zweitältesten in Deutschland. Mit dem Chor und weiteren auswärtigen Musikern, insgesamt mehr als 200 Personen, erfolgte 1820 an zwei Tagen eine Aufführung von Georg Friedrich Händels Judas Maccabaeus sowie des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart.
Die St.-Nikolai-Kirche ist heute neben der ehemaligen Hospitalkirche zum Heiligen Geist die mittelalterliche gotische Bürger- und Backsteinkirche unserer Stadt, in der nahezu ausschließ-lich Gottesdienst abgehalten wird, aber auch angemessene kulturelle Veranstaltungen statt-finden.

 

Was sonst noch geschah
8. Dezember 1873 Nach einem Entwurf des Wismarer Baumeisters Heinrich Thormann ist im Lindengarten das Kriegerdenkmal für die Gefallenen von 1870/71 eingeweiht worden. 1974 wurde das Denkmal vollständig entfernt.
8. Dezember 1989 Demonstration vor das Haus der SED-Kreisleitung und symbolische Beset-zung des Hauses.
9. Dezember 1541 Gründung der Großen Stadtschule im Grauen Kloster. Seit 1948 heißt die Schule „Geschwister-Scholl Oberschule“ und erhält 1991 den Namen „Große Stadtschule – Geschwister Scholl Gymnasium“.
11. Dezember 1989 Auf Anweisung der Regierung der DDR werden alle Kreisdienststellen des MfS sofort aufgelöst.
11. Dezember 1989 Erstmals fordern Bürger auf einer Montagsdemonstration des Neuen Fo-rums in Wismar auf dem Marienkirchplatz die Wiedervereinigung.
11. Dezember 1990 Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist in Wismar zu Gast.
13. Dezember 1849 Carl Dethloff Hinstorff bekommt in Wismar vom Rat die Zulassung als Bürger und Buchhändler.
13. Dezember 1997 Bundespräsident Roman Herzog zur Fernsehweihnachtssendung in St. Nikolai.
14. Dezember 1905 Benennung der Kanalstraße.

Detlef Schmidt

 

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