Kalenderblatt zum 8. März

Wie die Nazis in Wismar ihr Demokratieverständnis zeigten

Am 8. März 1933 betrat der NSDAP-Landtagsabgeordnete und Kreisleiter der Partei, der Uhrmacher Alfred Pleuger, das Dienstzimmer von Bürgermeister Dr. Heinrich Brechling (SPD) und „riet“ ihm scheinheilig, seinen Urlaub anzutreten. Bürgermeister Brechling völlig überrumpelt, dachte nicht daran. Doch Pleuger meinte, dass „es ihn sehr schmerzlich berühren würde, wenn er als Anhänger des Führergedankens, einen Inhaber des Bürgermeisteramtes gewaltsam vor das Rathaus geschleift sehen würde…“. Das war deutlich und ein unmittelbarer Verweis auf die auf dem Markplatz bereitstehenden SA-Truppen.

Alfred Pleuger, Mitglied der NSDAP seit dem 11.September 1926, hatte sich 1924 als selbständiger Uhrmacher durch Heirat in Wismar niedergelassen. Rasch machte er jedoch „Karriere“ in der Nazipartei, wurde Ortsgruppenleiter, später Kreisleiter, war ab 1932 Mitglied des Landtages und ab 1931 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Durch die Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933, sah Pleuger die Stunde gekommen, die „nationalsozialistische Revolution“ auch in Wismar durchzusetzen. In Mecklenburg war dafür der politische Boden gut vorbereitet und 1932 waren Adolf Hitler und Joseph Goebbels in Wismar, um für ihre Idee zu werben. Unterstützung bekamen sie durch das Innenministerium in Schwerin und durch die von Nazis durchsetzte Polizei. Auch in Wismar, das damals etwa 28.000 Einwohner hatte. Bei den durchgeführten Reichstagswahlen im November 1932 und am 5. März 1933 zeichnete sich jedoch für Wismar dabei durchaus ein positives Bild im „linken Lager“ ab, doch da sich KPD und SPD nahezu feindlich gegenüber standen, spielte es kaum eine Rolle. Die Wismarer wählten bei den letzten beiden freien Wahlen der alten „Weimarer Republik“ konstant gleichhohe Ergebnisse für die SPD. Nur die NSDAP hatte etwas mehr Stimmen. Ebenso war die Gewerkschaftszugehörigkeit der Wismarer mit 4500 Mitgliedern   über den Durchschnitt. Dagegen waren in der „Nazi-Gewerkschaft“ gerade einmal 400 Mitglieder. Die NSDAP fasste jedoch immer mehr Fuß in der Stadt. 1931 richteten sie im Haus am St.-Marienkirchhof 6 ihr Partei- und SA Heim, das „braune Haus“ ein. Das alte Gewerkschaftshaus „Zur Hansa“ mieteten ab Juli 1932 die Nazis für ihr NSDAP-Haus mit verschiedenen Organisationen. Hitlers Ermächtigungsgesetze vom 24. März 1933 taten ihr Übriges und ließen alle vorherigen Wahlen und Abmachungen zur Makulatur werden.

In Wismar versuchte sich der am 28. Juli 1929 demokratisch gewählte Bürgermeister Dr. Heinrich Brechling noch zur Wehr zu setzen und berief  zum 9. März 1933 eine Ratssitzung ein. Bei dieser Sitzung kam es endgültig zum Eklat, denn der stellvertretende Bürgermeister für Inneres, Dr. Franz Plog erklärte, dass er Brechling nicht mehr als Bürgermeister anerkenne und mit dem Verweis auf die bereitstehenden SA-Truppen, machte er ihm deutlich, dass er seinen Posten verlassen solle. Dr. Brechling protestierte noch beim Innenministerium in Schwerin, doch das war in Verkennung der gegenwärtigen Lage völlig sinnlos. Währenddessen vollzogen die Nazis die „nationale Revolution“, wie sie Alfred Pleuger am Nachmittag des 9. März 1933 auf dem Marktplatz verkündete. Er gab bekannt, dass Bürgermeister Brechling in den „Urlaub gegangen“ wäre und Dr. Plog die Amtsgeschäfte übernommen habe. SA-Leute waren aufmarschiert und sie hissten erstmalig die Naziflagge auf dem Rathaus. Am 15. März 1933 wurde dann Alfred Pleuger vom Schweriner Innenministerium zum Bürgermeister von Wismar ernannt, und durch Änderung der kommunalen Gesetzgebungen ab 1935 Oberbürgermeister. Ein Amt, das er bis zum 21. Mai 1945 innehatte. Da Dr. Brechling sich immer noch nicht mit der Situation abgeben wollte und erneut bei der Schweriner Regierung  protestierte, setzte Pleuger seinen Vorgänger kurzzeitig in „Schutzhaft“ mit einer SS-Wache vor der Haustür. Erst nach Einsicht in die Verordnung des Innenministeriums fügte sich Brechling resignierend und bat um die Aufhebung des „Hausarrestes“, was ihm Pleuger auch gewährte. Brechling arbeite später als Jurist in Berlin, wurde zum Wehrdienst als Stabsoffizier einberufen und – Ironie der Geschichte – wurde am 1. April 1941 auf  Antrag Mitglied der NSDAP. Er starb 1959 in Hamburg.

Schon am 8. und am 9. März 1933 erreichten den neuen Machthabern in Wismar zahlreiche Loyalitätsbekundungen von städtischen Beamten und Angestellten, die „ihren Stuhl“ retten wollten – „Wendehälse“ sind länger bekannt als angenommen! Neben den Säuberungen in den Amtsstuben, begann man systematisch Andersdenkende, Parteien, Vereine und Gewerkschaften zu verfolgen und zu verbieten. In Wismar erlosch die Demokratie und nennenswerter Widerstand war nicht zu verzeichnen. Sprach man in den zwanziger Jahren noch vom „roten“ Wismar, so hat sich die Farbwahl ab 1933 gründlichst geändert. Auch das gehört zur historischen Wahrheit. Wie in vielen Städten erfolgte auch in Wismar eine schnelle Umbenennung von Straßen, Plätzen und Schulen mit Namen von Nazigrößen. So wurde die Lindenstraße, die heutige Dr.-Leber-Straße, am 14. April 1933 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Am 25. August 1944 erhielt diese Straße schwerste Bombardierungen und zahlreiche Häuser wurden zerstört. Am 2. Mai 1945 fuhr Oberbürgermeister Alfred Pleuger den ankommenden Alliierten entgegen, um die Stadt kampflos zu übergeben. Er traf auf kanadische Truppen, die ihn kurzerhand als menschliches Schutzschild am Kühlergrill eines Armeejeeps banden und so in die Stadt fuhren. Zwischen diesem Datum und dem 8. März 1933 liegen gerade einmal zwölf Jahre – lange genug, um 60 Millionen Tote anklagen zu lassen.

Detlef Schmidt

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