Kalenderblatt zum 8. Oktober

  Die „höheren Töchter“ wurden am Lyzeum unterrichtet

 Am 8. Oktober 1907 konnte am Turnplatz mit der „Höheren Töchterschule“, dem Lyzeum, eine Bildungseinrichtung eröffnet werden, die letztendlich das Bildungsangebot der  20.000 Einwohner zählenden Stadt abrundete. Es war die letzte Schule von insgesamt sieben Schulneubauten, die seit 1855 entstanden. Eine beachtliche Leitung für Wismar, die man aber auch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung sehen muss. Schon 1684 gab es im Herzogtum Mecklenburg eine Schulpflicht, die 1756 sogar per Gesetz geregelt war, doch sie setzte sich einfach nicht durch. Erst das Schulzwangsgesetz vom 1. März 1855 brachte hier den Durchbruch und alle Wismarer Kinder mussten eine Schule besuchen. Zwar gab es vereinzelte Privatschulen, aber der Besuch war nur mit hohen Kosten verbunden. Erster Schulneubau, war die Michaelis 1856 eingeweiht  Mädchenvolksschule auf dem Heilig-Geist-Hof in der Neustadt, der nachmalige Gründungsort der Ingenieurschule. Weiter folgten die städtischen Schulen, die noch heute im Gebrauch sind und als letzter Neubau eben das Lyzeum. Schon 1833 hatte Alexander Frege  (1809-1866)  am 1. August 1833 beim Wismarer Rat um die Erlaubnis zum Betreiben einer Privatschule nachgefragt, die ihm am 28. August 1833 auch gewährt wird. Diese Schule hatte einen derartigen Zulauf, dass sie ab 1840 erweitert werden musste und Alexander Frege kaufte 1846 das Haus Böttcherstraße 2, um hier gemeinsam mit seiner Frau Auguste (1814-1878) , ebenfalls Lehrerin, die „Höhere Töchterschule“  oder auch „Fregesche Schule“ genannt, dem Vorläufer des Lyzeums, einzurichten. Am 8. November 1848 ist in diesem Haus Gottlob Frege als einziges Kind von Alexander Frege und seiner Frau Auguste geboren worden. Es gab mehrere dieser privaten Schuleinrichtungen, die vom Rat genehmigt und beaufsichtigt wurden. Mit dem gewachsenem Selbstbewusstsein des Bürgertums stieg auch der Bedarf an Bildung für Mädchen aus dieser Gesellschaft. Für Jungen gab es ab 1850 die Bürgerschule im Schwarzen Kloster. Die Grotefend´sche Töchterschule ist 1816 gegründet, es gab die Meyer´sche Töchterschule in der Johannisstraße. Nahezu alle wurden von Frauen geleitet. Zwar war die Große Stadtschule von 1541 eine exzellente Bildungseinrichtung, doch für Mädchen bislang verschossen. Nach dem Tod von Auguste Frege 1878, die die Privatschule noch nach dem Tod ihres Mannes alleine geführt hatte, wurden erfolgslos Versuche gestartet, diese Schule weiter zu führen und am 14. September 1881 verkündet der Wismarer Rat, dass eine „städtische höhere Töchterschule“ entstehen soll, die Am 17. Oktober 1881 mit einem Festakt im Rathaus eröffnet wurde. 264 Schülerinnen beziehen die Unterrichtsräume in der ehemaligen Frege´schen Schule in der Böttcherstraße. Damit ist der Grundstein für das spätere Lyzeum am Turnplatz gelegt.

Bald genügen jedoch die Räumlichkeiten in der Böttcherstraße nicht mehr und es wird ein Neubau gefordert. Die veranschlagten Kosten von mehreren hunderttausend Goldmark werden durch die geistlichen Hebungen, die Sparkasse und Anleihen getragen. So wurde 1905 beschlossen, am Turnplatz eine Bildungseinrichtung für Mädchen zu schaffen. Am 29. Januar 1906 war Baubeginn, im gleichen Jahr das Richtfest und zum Michaelistag 1907 konnte das Schulgebäude bezogen werden. Am 8. Oktober 1907 folgte dann die feierliche Einweihung der „Höheren Töchterschule“, die ab 18. August 1910 in „Höhere Mädchenschule“ umbenannt worden ist. Mit diesem Schulbau begann auch die Bebauung des Turnplatzes, der im Wesentlichen 1910 abgeschlossen war. Die Hansestadt Wismar hatte sich schon im 13. Jahrhundert das Patronat über die Schulen Wismars von der Kirche erkämpft und übte dieses bis 1924 auch aus. Am 7. Juli 1910 erkennt der Wismarer Rat die Umgestaltung der höheren Töchter schule nach preußischem Muster an. Übrigens wurde am 2. Oktober 1911 in Preußen die Unterrichtsstunde auf 45 Minuten festgelegt, die bis heute verbindlich für deutsche Schulen sind. Abschlüsse werden von nun an staatlich anerkannt und so werden ab Oster 1913 die Reifeprüfungen in Wismar anerkannt, die benötigt werden, um Mädchen damals ein universitäres Studium zu ermöglichen. Zwischenzeitlich hatte sich aber auch die Große Stadtschule für Mädchen geöffnet. Nach Kriegsende 1945 beschlagnahmt die Rote Armee das Schulgebäude und zieht mit der Stadtkommandantur hier bis 1955 ein. Am 10. November 1955 wird der Schulbetrieb wieder aufgenommen. Schüler und Lehrer aus der Reuter-Schule beziehen das Haus. In Erinnerung an den Sitz der sowjetischen Stadtkommandantur erhält das ehemalige Lyzeum den Namen „Schule der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“. Hier gibt es auch noch eine Mittel Schule an der die Reifeprüfung abgelegt wird. 1959 wird aus der DSF-Schule eine polytechnische Oberschule mit zehn Klassen. In den folgenden Jahren besuchen mehr als 800 Schüler die Schule, in den Klassenräumen wird es eng. Erst in den 70er Jahren normalisiert sich mit dem Neubau von Schulen in Wismar auch an dieser Schule der Schulbetrieb. Am Ende des Schuljahres 1990/91 erfolgt in gemeinsamer Abstimmung von Schüler-, Eltern- und Lehrervertretern die Umbenennung der Schule in „Schule am Turnplatz“.  Bedingt durch den demoskopischen Wandel ist die „Turnplatzschule“ als Bildungseinrichtung in der Form aufgegeben worden und seit 2006 hat die am 1. Juni 1952 gegründete Wismarer Musikschule hier ein würdiges und gutes Domizil gefunden. Die Wismarer Stadtschulen sind funktionell und architektonisch auf den Schulbetrieb eingestellt und genügen dieser Aufgabe bis heute. Das alte Lyzeum am Turnplatz erfüllt als Funktionsgebäude für die Wismarer Musikschule hervorragend diese Aufgabe und sollte es für die kreative Ausbildung unserer Kinder auch weiterhin erfüllen.

Was sonst noch geschah

9. Oktober 1903 Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Fortunatus Ludwig Heinrich Friedrich von Oertzen wegen seiner Verdienste bei der Rückgabe Wismars an das Deutsche Reich.

9. Oktober 1945 Die Niederdeutsche Bühne spielt wieder im Theater.

9 . Oktober 1989 Treff von Sympathisanten des Neue Forum in Voßkuhl im Wohnhaus von Fritz Kalf mit 150 Teilnehmern.

10. Oktober 1627 Kapitulation unter Wallensteinscher Belagerung. Wallensteins kaiserliche Armee unter Oberst von Arnim besetzt Wismar.

10. Oktober 1945 Bodenreform im Kreis Wismar, 94 Güter mit 17.695 ha aufgeteilt.

10. Oktober 1945 Seit Kriegsende wurden 500 Wohnungen instandgesetzt.

11. Oktober 1923  Der Maler Hans Mühlemann wird in Wohlau/Schlesien geboren. Er verstirbt am 22. Dezember 1992 in seiner Wahlheimat Wismar

11. Oktober 1945 Die Reichsbahn richtet eine Tagesstrecke zwischen Wismar und Schwerin ein.

11. Oktober 1949 Die Karstadt AG in Essen protestiert gegen die Zwangsenteignung des Wismarer Stammhauses.

12. Oktober 1893 Einweihung des Neubaus der großen Stadtschule (Architekt Gustav Dehn).

12. Oktober 1935 Mit der Inbetriebnahme der Infanteriekaserne „Wangenheimkaserne“  (II. Bataillon Infanterie Regiment 89) an der Parkstraße wird Wismar Garnisonsstadt.

12. Oktober 1902 Einweihung der katholischen Kirche St. Laurentius am Turnplatz.

12. Oktober 1903 Unterirdische Kabellegung für die Stadtfernsprecheinrichtung.

13. Oktober 1951 Schiffsreparaturenwerft in VEB Mathias-Thesen-Werft Wismar (VEB MTW) umbenannt.

14. Oktober 2008 Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Bürgerstiftung der Hansestadt Wismar zu Gast in St. Georgen.

Detlef Schmidt

 

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