Kalenderblatt zum 9. August

  Schwarzer Sonntag auf dem Hanseaten Ring
Drei Tote und neun Schwerverletzte versetzte Wismar in einem Schock

Am 9. August 1959, einem sonnigen und warmen Sonntag, geschah auf Wismars Motorrenn-strecke, dem Hanseatenring, ein schrecklicher Unfall mit Toten und Schwerverletzten, der den Wismarern bis heute im Gedächtnis blieb.
1936 erhielt der Bernittenhöfer Weg, eine Verbindungsstraße zwischen Schweriner und Dammhusener Chaussee aus Anlass des 100. Todestages den Namen des verdienstvollen Wismarer Bürgermeisters Anton Haupt auf Ratsbeschluss verliehen. An Bernittenhof, einem Ausflugslokal, erinnert heute noch der kleine Teich im Wohngebiet Friedenshof an der Koll-witz-Promenade. Die ersten Häuser am alten Bernittenhöfer Weg begannen von der Schweri-ner Straße bis Gustavshof, eine Wassermühle an der Ecke zur heutigen Ossietzkyallee. Ab 1937 erfolgte die Bebauung der „Rauen Häge“, der Parkstraße (Ph.-Müller-Str.), der Bis-marckstraße (Am Köppernitztal) und der Moltkestraße (Am Schwedenstein). Das Wismarer Stadttheater ist nach einem Brand hier am 27. März 1949 eröffnet worden. Ab 1949 gab es massive Bestrebungen, diese Straße zu einer „Straße des Sportes“ auszubauen. Das Stadion wurde fertig gestellt, es folgte ein Schwimmbad und für die Straße gab es Planungen, diese für eine Rennstrecke für Kraftfahrzeuge und Rennrad auszubauen. Diese Straße war wegen ihrer geringe Bebauung und weiträumigen freien Flächen geradezu dafür prädestiniert. Dafür musste die Bürgermeister-Haupt-Straße vierspurig erweitert werden und am 3. Oktober 1954 konnte schon das erste Radrennen stattfinden. Die Rennen für Kraftfahrzeuge begannen ein Jahr später am 28. August 1955, wozu das „Neue Deutschland“ schrieb, dass „der Hanseaten-ring in Wismar seine Feuerprobe bestanden hat“. Schon am 11. April 1954, ein Jahr zuvor, fand ein zentrales Bezirkstraining der Nordbezirke auf einem 1350 Meter langen Rundkurs (Dahlmannstraße-Dankwartstraße/Karl-Liebknecht-Straße – Baustraße/Rosa-Luxemburg-Straße – Lübsche Straße/Stalinstraße – Dahlmannstraße) zur Vorbereitung für ein Rennen auf dem zukünftigen Hanseaten-Ring in der Bürgermeister-Haupt-Straße statt. In den Folgejahren wurden jedes Jahr ein oder zwei Rennen mit Motorräder und auch Gespanne ausgeführt. Ab 1956 kamen dann Rennwagen an den Start. Diese sportlichen Ereignisse wurden von den Wismarern und vielen Besuchern der Stadt mit Begeisterung verfolgt und man zählte zehntau-sende Besucher, die an den Straßenrändern des fast drei Kilometer langen Rundkurses zu-schauten. Zunächst hatte die Strecke eine Länge von 1,8 Kilometer, die durch den notwendi-gen Ausbau der Südkurve zur Schweriner Straße auf 2,9 Kilometer erweitert wurde. Die Rennstrecke erhielt den Namen „Hanseatenring“ und hatte einen guten Ruf bei den nationalen und internationalen Sportverbänden.
Die Rennen wurden in ganz Deutschland viel beachtet und es kamen nicht nur Fahrer aus der DDR an den Start. Das Fahrerlager war im Gasthof von Bernittenhof untergebracht und die Wismarer unternahmen alles, damit sich Sportler wie Gäste wohlfühlen konnten. Einer der hervorragenden Akteure aus Wismar war der aktive Motorsportler Alfons Schütt, als Fahrer aber auch als Organisator. Er verstarb vor zwei Jahren hoch betagt. Seine Begeisterung und Aufopferung für Wismar und seinen Motorsport ließ ihn zum „Lokalmatador“ werden, den viele noch im Gedächtnis haben. Wenn Alfons auf der AWO saß und später auch im Rennau-to, so hatte er einen unbändigen Ehrgeiz. Auch nach dem Ende seiner Motorsportlaufbahn, blieb er dem Motorsport in vielfältiger Weise unterstützend erhalten.
1959 gab es vom 8. August bis 9. August nur eine Rennveranstaltung auf dem Hanseatenring. Insgesamt waren 102 Fahrer am Start, die in fünf Rennen fuhren. Am 9. August kam es dann im 2. Rennen in der fünften Runde in der langgezogenen Südkurve zu einem folgenreichen schweren Unfall. Dieses Rennen wurde nur von Ausweisfahrern mit Motorrädern der 250 ccm Klasse gefahren. Ein Fahrer vom MC Rackwitz/Delitzsch aus Sachsen scherte mit seiner Ma-schine auf den Kupferschlackesteinen des Pflasters in der Südkurve aus und raste in die Zu-schauermenge. Der Fahrer und zwei Zuschauer verstarben bei diesem Unfall und es gab neun Schwerverletzte. Sofortige Rettungsmaßnahmen des Roten Kreuzes setzten ein und Dr. Bert-hold Michalowski, der damals als junger Assistenzarzt am Wismarer Krankenhaus tätig war, erinnert sich „Ich war gerade mit der Versorgung von Patienten beschäftigt, als unser Chefarzt Dr. Krohn herbeistürzte und Anweisungen gab, alles zu tun, um den vielen Verletzten soforti-ge medizinische Hilfe zuteilwerden zu lassen“. So konnte zumindest bei den Verletzten Schlimmeres verhindert werden.
Die Rennleitung auf dem Hanseatenring brach sofort das Rennen ab. Dieser Unfall war dann auch der Grund, warum auf dem Hanseatenring seitdem keine Motorrennen mehr durchge-führt werden. Wer noch aus DDR-Zeiten das bei nassem Wetter die schmierigen Schlackesteine des Pflasters kennt, weiß wie schwierig das Fahren darauf war. Lediglich Radren-nen sind seitdem dort noch veranstaltet worden, zuletzt am 27. August 2008 als „Stadtwerke-Hanseatenring-Radrennen“.

Was sonst noch geschah
10. August 1882 Verleger Dethloff Carl Hinstorff gestorben.
10. August 1959 Eröffnung Betonwerk Lenensruher Weg.
12. August 1951 Weihe der Bartning-Kirche (Neue Kirche am St. Marien-Kirchhof) Entwurf: Kirchenbaumeister Prof. Otto Bartning.
13. August 1951 Demontage des Seegrenzschlachthauses im Hafen.
14. August 1670 David Mevius gestorben.
14. August 1935 Aufstellung eines Prangers (Marktplatz bei Trinkhalle) durch die Nationalso-zialisten. Es werden Bilder von Wismarern und Juden aufgehängt, die gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstießen.
14. August 1711 Beginn der ersten Belagerung der Stadt durch die Dänen im Nordischen Krieg.
14. August 1945 Der Kindergarten in der Neustadt 24 wird vom Wohlfahrtsamt übernommen und eröffnet.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 × 5 =