Kalenderblatt zum 9. Januar

Am Turnerweg stand Mecklenburgs erstes „Orthopädische Institut“

Am 9. Januar 1807 wird in Grundshagen bei Klütz Gustav Meyer als Sohn des Pächters Jo-hann Meyer und seiner Ehefrau Sophie geboren. Nach der Schulzeit studierte er in Rostock Medizin wo er auch 1834 promovierte. In Rostock richtete er seine erste Praxis als praktischer Arzt ein, die er jedoch nach einem Jahr wieder aufgab und sich 1835 in der kleinen Stadt Gadebusch als praktischer Arzt niederließ. Hier heiratete er 1838 Caroline Sievers, Tochter des Gutsbesitzers von Klein Krankow bei Bobitz. Das Paar hatte einen Sohn. Anscheinend war für ihn Gadebusch zu klein mit seinen Ideen und er bewarb sich erfolglos um eine Anstellung als Badearzt für das mecklenburgische Fürstenhaus in Doberan und Heiligendamm. Staats-dienst war sicher, doch daraus wurde nichts und er siedelte 1848 nach Wismar um.
Dr. Gustav Meyer war Zeit seines Lebens ein kreativer Mensch mit vielen innovativen Ideen. Im frühen 19. Jahrhundert gab es eben nicht nur mehr den Mediziner, der alles behandelte, sondern aufgrund der erforschten Erkenntnisse spezialisierten sich die Ärzte für einzelne Fachgebiete. Dr. Meyer forschte auf dem Gebiet der Orthopädie und gründete in Wismar eine orthopädische Klinik, das „Gymnastisch-orthopädische Institut“. In seinem ersten Jahres-bericht schrieb er 1851 „Der Andrang an Bedürftigen zu meiner Anstalt ist sehr groß und ich leiste viele unentgeltliche Behandlung und Verpflegung“. Das ging natürlich über die finanzi-ellen Kräfte von Dr. Meyer, zumal er sich für einen Neubau seines „Klinik-Institutes“ ent-schieden hat. Dies wollte er auf großherzoglichem Gebiet vor dem „Neuen Tor“ errichten. Das „Neue Tor“ war ein Mauerdurchlass zwischen den heutigen Straßen „Bei der Klosterkirche“ und Turnerweg“. Das Fürstenhaus in Schwerin besaß auf dem ehemaligen Festungs- und For-tifikationsgelände einige Hektar Land und hier war auch der Garten für die Küche des Fürs-tenhauses in Wismar angelegt. Dieses Land benötigte Großherzog Friedrich Franz II. nicht mehr und nach und nach veräußerte er das „Großherzogliche Domanium“. Der letzte Gebiets-verkauf fand 1897 statt, als der Wasserturm am Turnplatz auf eben diesem Gelände errichtet wurde. Die Villenbebaung entlang des Turnerweges begann schon 1901 und setzte sich weiter fort. Die heutige Goethestraße hieß bis 1948 „Fürstengarten“ und bewahrte damit das Anden-ken an das Großherzogliche Gebiet.
Dr. Gustav Meyer schrieb nun an Friedrich Franz II, der selbst für viele Neuerungen aufge-schlossen war und als sehr volkstümlich galt, und berichtete von seinem Vorhaben und seiner Bitte. Dies war nicht die erste Kontaktaufnahme zwischen dem Arzt und seinem Großherzog, denn Meyer hatte schon zwei Audienzen bei Friedrich Franz II. gehabt. Meyer hatte dem Großherzog schon von seiner medizinischen Arbeit berichtet, in der er fachliches Neuland betrat und schilderte in seinem Gesuch, wie notwendig doch ein moderner Klinikbau für die Gesundheit der Untertanen seiner Majestät sein würde und er bat noch um einen größeren Platz am Haus, wo die Patienten weitere gesundheitliche Leibesübungen machen konnten. Innerhalb der Mauern der Stadt fand er nichts Vergleichbares für sein Vorhaben. Friedrich Franz reagierte und forderte vom Wismarer Rat eine Art Gutachten über den Orthopäden Dr. Meyer. Dies fiel von Seiten des Rates überaus günstig aus, war doch Dr. Meyer als durchaus erfolgreicher und tüchtiger Mediziner bekannt. Stadtphysikus Dr. Roese schrieb sinngemäß, dass Dr. Gustav Meyer ein durchaus befähigter Mediziner ist und „über die Befähigung des Herrn Dr. Gustav Meyer einer solchen Anstalt vorzustehen, gibt seine bisherige Tätigkeit aus-reichend Bürgschaft“. Damit war offensichtlich der Weg zum Klinikbau frei und am 27. Mai 1851 wurde dem Wismarer Arzt Dr. Meyer das geforderte Stück Land aus dem ehemaligen „Fortifikationsgelände“ in Erbpacht übergeben. Er musste aber versichern, dass er zum Auf-bau seines Institutes die erforderlichen finanziellen Mittel hatte und nicht die Hilfe des Staa-tes beanspruchen würde!
Nun konnte Dr. Meyer seine Klinik erbauen, die noch heute als Haus der Wismarer Kreis-handwerkerschaft im Turnerweg steht. In seiner Klinik arbeite er streng nach den bekannten wissenschaftlichen Vorgaben und ging nicht gerade zimperlich mit den „Quacksalbermetho-den“ um. Doch das war für die ärmere Bevölkerung immer noch preiswerter. Er hatte einen Gymnastikraum und im Garten waren Sportgeräte, zudem bot er „Schroth´sche Kuren“ an. Doch schon bald plagten ihn wieder finanzielle Engpässe, denn mittlerweile hatte er einige Prozesse mit seinen Gläubigern. 1854 bat er wieder den Großherzog um finanzielle Unterstüt-zung. Doch darauf antwortete Friedrich Franz nicht einmal. Auch eine Bitte, zehn Jahre spä-ter, an den Großherzog um Erlass der jährlichen Erbpacht blieb erfolglos. Erst weitere zehn Jahre später, 1875, erhörte der Großherzog die verzweifelte Bitte Gustav Meyers nach Erlass der Erbpacht und Überlassung des Geländes im Eigentum, um durch teilweisen Verkauf wie-der etwas zu Geld zu kommen, um seine Gläubiger zu befriedigen. Von diesen Sorgen befreit, widmete sich Dr. Gustav Meyer trotz seines für damalige Verhältnisse fortgeschrittenen Al-ters, ganz seines „Orthopädischen Institutes“. Nebenher entwickelte er aus seiner medizini-schen Kenntnis heraus noch zwei Erfindungen, ein „Rudermechanismus für Wasserfahrzeuge“ und eine „Ackergrabmaschine“, die er auch patentieren ließ, als erste Patente Mecklenburgs beim kaiserlich-deutschen Reichspatentamt. Mit Sicherheit wusste der Orthopäde Meyer, wie diese Erfindungen den Menschen bei einer gesunden Lebensweise nutzen würden. Angewen-det wurden diese jedoch nie. Seine Leistung war, dass er die erste orthopädische Klinik Meck-lenburgs in Wismar aufbaute und zudem noch die ersten Patente Mecklenburgs beim kaiserli-chen Patentamt einreichte. Dr. Gustav Meyer verstarb am 22. Oktober 1884 in seinem Haus vor dem „Neuen Tor“, dem heutigen Turnerweg, nachdem seine Frau schon am 8. Mai 1881 verstorben war.

 Was sonst noch geschah:
9. Januar 1814 Der Maler Carl Canow geboren.
9. Januar 1945 Die Wismarer Ethnologin und Völkerkundlerin Elisabeth Krämer-Bannow, stirbt in Schorndorf bei Stuttgart.
9. Januar 1948 Stadttheater durch elektrischen Kurzschluss ausgebrannt.
10. Januar 1632 Schwedische Besetzung Wismars nach Belagerung.
10. Januar 1990 Öffentliche Vollversammlung des Neuen Forum in der Wismarer Sporthalle.
10. Januar 2000 Eröffnung der Jugendherberge Wismar am Schwedenstein (ehemaliges Kin-derheim „Gretel Walter“)
11. Januar 1428 Claus Jesup wird erneut Bürgermeister.
12. Januar 1956 Die ehemalige sowjetische Stadtkommandantur am Turnplatz wurde wieder als Schule eröffnet.
13. Januar 1885 Richard Wossidlo erhält die Genehmigung zur Lehrerkandidatur an Wismarer Schulen.
14. Januar 1870 Der Rat beschließt den Abbruch des Poeler Tors und wird ab 15.1.70 durch Maurermeister Lundwaldt abgerissen.

Detlef Schmidt

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