Kalenderblatt zum 9. Januar

Von Wismar in die Südsee

 

Am 9. Januar 1945 stirbt in Schorndorf bei Stuttgart die Ethnologin und Völkerkundlerin Elisabeth Krämer-Bannow. Sie ist am 29. September 1874 als Tochter des Apothekers und später in Berlin wirkenden Prof. Dr. Adolph Bannow und seiner Frau Charlotte Beckmann, deren Vater der Besitzer der Löwen-Apotheke war, in Wismar geboren. Kurze Zeit nach der Geburt von Elisabeth Bannow, zieht die Familie Bannow nach Berlin, da der Vater dort eine Professur angeboten bekam. Zwar erhielt Elisabeth Bannow eine dem damaligen Besitzstande entsprechende gymnasiale Ausbildung für Mädchen, wie Konversation, Musik, doch die familiäre Umgebung im Apotheken- und wissenschaftl

ichen Bereich muss sie schon stark beeinflusst haben. Die wissenschaftliche Arbeit war ihr nicht fremd und sie war diesen Dingen durchaus aufgeschlossen. 1904 begegnet sie den Marinemediziner, Ethnologen und Südseeforscher Prof. Dr. Augustin Krämer ( 27.August 1865 in Chile, † 11. November 1941 in Stuttgart). Beide heiraten und es wird eine lebenslange fruchtbringende Zusammenarbeit in der Südseeforschung. Schon 1893 bis 1895 bereiste Krämer als Schiffsarzt die Südsee. Er befasste sich mit Völkerkunde und mit zoologischen Fragen, insbesondere dem Bau der Korallenriffe und der Planktonverteilung. Auf einer zweiten Südseereise, zu der er von 1897 bis 1899 vom Dienst beurlaubt war, führte er diese Forschungen weiter. In Südamerika, auf Hawaii, Samoa sowie den Marschall- und Gilbertinseln legte er völkerkundliche Sammlungen an, von denen er Einzelstücke auch dem Museum für Völkerkunde der Universität Kiel überließ. Die Ergebnisse seiner Forschungen veröffentlichte er in einem zweibändigen Werk über die Samoainseln. 1899 bis 1901 bereiste er als Schiffsarzt Westindien und das Mittelmeer. 1906/07 nahm Krämer als Anthropologe an der Südsee-Expedition des Vermessungsschiffes „Planet“ teil. Anschließend bereiste er zusammen mit seiner Frau Elisabeth Krämer-Bannow den Bismarck-Archipel und die Palauinseln. 1908 übernahm Augustin Krämer die Leitung der Deutschen Marine-Expedition auf Neumecklenburg. 1909/10 leitete er die von Georg Thilenius koordinierte Hamburgische Südsee-Expedition nach den Karolinen an Bord des Dampfers „Peiho“. Als Feldforschungsmethode wandte er schon früh die „Teilnehmende Beobachtung“ an.

Auf der 1905 geplanten Reise wollte er seine junge Frau mitnehmen, was ihm aus Traditionsgründen noch verweigert wurde. Hartnäckig folgt sie ihrem Mann mit einem anderen Schiff, das sie als Passagierin mitnahm und letztendlich weigerte sich Augustin Krämer ohne seine Frau zu fahren. Elisabeth Krämer-Bannow begleitete ihren Mann zwischen 1906 und 1910 auf drei Expeditionen. An diesen Expeditionen nahm auch der Wismarer Ethnograph Wilhelm Müller als Mitglied der Expedition teil.  Die zweite Expedition fand von 22. Juli 1909 bis zum 22. April 1910 in die Südsee unter Leitung des Mediziners und Ethnographen Augustin Krämer statt. Er setzte es auch durch, dass seine Frau Elisabeth auf die Expeditionsmitgliederliste gesetzt wurde. Sie hatte sich in der vorhergehenden Fahrt durch die vielfältigen Zeichnungen, Skizzen und auch Fotografien ausgezeichnet, so dass keiner auf diese wertvolle Mitarbeit verzichten wollte. Besonders ihre einfühlsame Arbeit mit den Frauen der Südsee erschlossen ihnen neue Erkenntnisse. 1916 veröffentlichte Elisabeth Krämer- Bannow ihren Reisebericht „Bei kunstsinnigen Kannibalen in der Südsee – Wanderungen auf Neu-Mecklenburg“. Ihr weiteres Interesse galt vor allem der Erforschung des Lebens in den besetzten Südseegebieten der eingeborenen Frauen.

1911 siedelte das Ehepaar nach Schorndorf bei Stuttgart über und mit der Rückkehr nach Stuttgart blieb Elisabeth Krämer-Bannow, trotz ihrer zahlreichen und nennenswerten Publikationen und Zuarbeiten, der Weg in die Wissenschaft verwehrt. 2009 erschien hingegen eine englische Übersetzung ihres Reiseberichts in einem australischen Verlag. Eine sehr späte Genugtuung. Elisabeth Krämer-Bannow gehört zu den wenigen Frauen, deren Tätigkeiten Anerkennung fanden, was im kaiserlichen Deutschland nicht üblich war. Das ist eine der Gründe, warum Frauen in der Geschichtsschreibung seltener als die Männer Erwähnung fanden.

Detlef Schmidt

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