Kalenderblatt zum 9. März

Die Demokratie verschwand über Nacht

Am 9. März 1933 rief der NSDAP-Landtagsabgeordneter und Kreisvorsitzender dieser Partei in Wismar, Alfred Pleuger, unter der erstmals auf dem Rathaus gehissten Naziflagge auf dem Rathausbalkon die „nationale Revolution“ aus. Dass er dies vollkommen rechtswidrig vornahm, weist schon auf die Stärke der Nazis von Beginn ihrer Diktatur aus. Tags zuvor, am 8. März 1933 hat er im Dienstzimmer von Bürgermeister Dr. Heinrich Brechling (SPD) diesen erklärt, dass er nun seinen Platz räumen müsse. Er „riet“ ihm scheinheilig, seinen Urlaub anzutreten. Bürgermeister Brechling völlig überrumpelt, dachte nicht daran. Doch Pleuger meinte, dass „es ihn sehr schmerzlich berühren würde, wenn er als Anhänger des Führergedankens, einen Inhaber des Bürgermeisteramtes gewaltsam vor das Rathaus geschleift sehen würde…“. Das war deutlich und ein unmittelbarer Verweis auf die auf dem Markplatz bereitstehenden SA-Truppen.
Adolf Hitler ist seit de  m 30. Januar 1933 Reichskanzler und wenige Tage vor Pleugers Auftritt am 5. März 1933 gewannen die Nazis die Oberhand im Reichstag und erzielten mit nahezu 44 Prozent die Mehrheit im Parlament. Das war das Zeichen zur Diktatur, die in ganz Deutschland innerhalb kürzester Zeit vollzogen wurde. In einhundert Tagen, verkündete Hitler habe er „dass die, die über in gelacht haben, nun nicht mehr lachen“. Was für ein Zynismus.
Alfred Pleuger, Mitglied der NSDAP seit dem 11.September 1926, hatte sich 1924 als selbständiger Uhrmacher in Wismar niedergelassen. Rasch machte er jedoch „Karriere“ in der Nazipartei, wurde Ortsgruppenleiter, später Kreisleiter, war ab 1932 Mitglied des Landtages und ab 1931 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. In Mecklenburg war der politische Boden gut vorbereitet. 1932 waren Adolf Hitler und Joseph Goebbels in Wismar, um für ihre Idee zu werben. Unterstützung bekamen sie durch das Innenministerium in Schwerin und durch die von Nazis durchsetzter Polizei. Die NSDAP war mittlerweile fest verwurzelt in der Stadt. 1931 richteten sie im Haus am St.-Marienkirchhof 6 ihr Partei- und SA Heim, das „braune Haus“ ein. Das alte Gewerkschaftshaus „Zur Hansa“ mieteten ab Juli 1932 die Nazis für ihr NSDAP-Haus mit verschiedenen Organisationen. Bei den durchgeführten Reichstagswahlen im November 1932 und am 5. März 1933 zeichnete sich jedoch für Wismar dabei durchaus ein positives Bild im „linken Lager“ ab, doch da sich KPD und SPD nahezu feindlich gegenüberstanden, spielte es kaum eine Rolle. Die Wismarer wählten bei den letzten beiden freien Wahlen der alten „Weimarer Republik“ konstant gleichhohe Ergebnisse für die SPD. Nur die NSDAP hatte etwas mehr Stimmen. Ebenso war die Gewerkschaftszugehörigkeit der Wismarer mit 4500 Mitgliedern über den Durchschnitt. Dagegen waren in der „Nazi-Gewerkschaft“ gerade einmal 400 Mitglieder. 1933 war man in Wismar mit 33 Prozent Arbeitslosigkeit bei 28.000 Einwohnern trauriger Spitzenreiter in Deutschland. Hitlers Ermächtigungsgesetze vom 24. März 1933 taten ihr Übriges und ließen alle vorherigen Wahlen und Abmachungen zur Makulatur werden. Im April 1933 wurde die Stadtverordnetenversammlung „umgestaltet“ und es waren 25 NSDAP Mitglieder und zehn SPD Mitglieder vertreten. Einige Wochen später gab es nur noch die Nazis in der Bürgervertretung.
Bürgermeister Dr. Heinrich Brechling setzte sich noch zur Wehr und berief zum 9. März 1933 eine Ratssitzung ein. Bei dieser Sitzung kam es endgültig zum Eklat, denn der stellvertretende Bürgermeister für Inneres, Dr. Franz Plog erklärte, dass er Brechling nicht mehr als Bürgermeister anerkenne und mit dem Verweis auf die bereitstehenden SA-Truppen, machte er ihm deutlich, dass er seinen Posten verlassen solle. Am Nachmittag des 9. März 1933 verkündete Pleuger auf dem Marktplatz, dass Bürgermeister Brechling in den „Urlaub gegangen“ wäre und Dr. Plog die Amtsgeschäfte übernommen habe. SA-Leute waren aufmarschiert und sie hissten erstmalig die Naziflagge auf dem Rathaus. Am 15. März 1933 wurde dann Alfred Pleuger vom Schweriner Innenministerium zum Bürgermeister von Wismar ernannt, und durch Änderung der kommunalen Gesetzgebungen ab 1935 Oberbürgermeister. 1935 wurde die Stadtverordnetenversammlung aufgelöst und durch 15 Ratsherren von der NSDAP ersetzt. Über 14 Prozent der Angestellten und Arbeiter in Wismar etwas über sechs Prozent der Bürger sind Mitglied der Nazipartei geworden. Festgestellt konnte werden, dass viele Bürger den neuen Machthabern, die „Zucht und Ordnung“ verschaffen sollten, eine gewisse Euphorie entgegengebrachten, die bei vielen jedoch ins Gegenteil umschlug, aber da war es zu spät. Es trat bei vielen die Resignation ein, denn Blockwarte und andere Spitzel passten auf. Es gab keinen nennenswerten Widerstand und durch die Berichterstattung über Verhaftungen Andersdenkender und später der Juden, gab es keinen, der nicht über diese Verbrechen Bescheid wusste. Spätestens am 10. November 1938, als 15 tausend Wismarer grölend gegen die Juden durch die Stadt zogen.
Alfred Pleuger blieb bis zum 21. Mai 1945 im Amt. Am 2. Mai 1945 ist er den Engländern entgegengefahren, um Wismar kampflos zu übergeben. Es war auch Eigennutz dabei, denn vor den Russen fürchtet sich nicht nur er, sondern viele Wismarer. Zwischen dem 9. März 1933 und dem 2. Mai 1945 liegen gerade einmal zwölf Jahre – lange genug, um 60 Millionen Tote anklagen zu lassen. Wismars schreckliche Bilanz waren 305 Tote, 344 völlig zerstörte Häuser und 80 Prozent der Industrieunternehmen. Ein Viertel aller Wohnungen waren nicht mehr vorhanden. Der Verlust im Gotischen Viertel schmerzte besonders.

Was sonst noch geschah
9. März 2007 Erste Ausstrahlung des Wismarer Regionalfernsehprogramms „Wismar TV und MEER AN LAND“..
10. März 1942 Kauf des ehemaligen Arbeitersportlerheimes durch die Norddeutschen Dornierwerke.
11. März 1848 Der Rat beschließt die Errichtung einer Bürgergarde.
12. März 1902 Grundsteinlegung der Sankt-Laurentius-Kirche.
12. März 1990 Montagsdemonstration mit Forderung nach Auflösung der Stadtverordnetenversammlung.
15. März 1937 Regionalhistoriker Gustav Willgeroth gestorben.
15. März 1990 Der „Runde Tisch“ konstituiert sich als beschlussfassendes legislatives Gremium. Damit ist die Stadtverordnetenversammlung aufgelöst und der Rat der Stadt ist nahezu machtlos.
15. März 1991 Beginn der 1. Informations- und Verkaufsausstellung vom 15. bis 18. März 1991 mit 120 Ausstellern. Vorläufer der Hanseschau.

Detlef Schmidt

 

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