Kalenderblatt zum 9. März

Die Nazifahne wehte über Wismar
Am 9. März 1933 wurde die Fahne der Nazis auf dem Rathaus gehisst

Am 9. März 1933, einen Tag nachdem der Kreisleiter der NSDAP Alfred Pleuger den recht-mäßig gewählten Bürgermeister Heinz Brechling (SPD) mit Hilfe von Gewaltandrohung aus dem Rathaus jagte, veranstalteten die Nazis mit der Wismarer SA-Truppe  und zahlreichen Wismarern eine Demonstration auf dem Marktplatz. Erster Höhepunkt war das Hissen der neuen Flagge und so wurde allen klar, wer nun das Sagen hatte. Alfred Pleuger verkündete vom Rathausbalkon, dass die „nationale Revolution“ nun auch in Wismar Einzug gehalten hat und rief erstmalig zum Boykott jüdischer Geschäfte auf.
Alfred Pleuger, Mitglied der NSDAP seit dem 11.September 1926, hatte sich 1924 als selb-ständiger Uhrmacher durch Heirat in Wismar niedergelassen. Rasch machte er jedoch „Karrie-re“ in der Nazipartei, wurde Ortsgruppenleiter, später Kreisleiter, war ab 1932 Mitglied des Landtages und ab 1931 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Durch die Machtergrei-fung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933, sah Pleuger die Stunde gekommen, die „nationalsozia-listische Revolution“ auch in Wismar durchzusetzen. In Mecklenburg war dafür der politische Boden gut vorbereitet. 1932 waren Adolf Hitler und Joseph Goebbels in Wismar, um für ihre Idee zu werben. Unterstützung bekamen sie durch das Innenministerium in Schwerin und durch die von Nazis durchsetzter Polizei. Auch in Wismar, das damals etwa 28.000 Einwoh-ner hatte. Bei den durchgeführten Reichstagswahlen im November 1932 und am 5. März 1933 zeichnete sich jedoch für Wismar dabei durchaus ein positives Bild im „linken Lager“ ab, doch da sich KPD und SPD nahezu feindlich gegenüber standen, spielte es kaum eine Rolle. Die Wismarer wählten bei den letzten beiden freien Wahlen der alten „Weimarer Republik“ kon-stant gleichhohe Ergebnisse für die SPD. Nur die NSDAP hatte etwas zwei Prozent mehr Stimmen. Ebenso war die Gewerkschaftszugehörigkeit der Wismarer mit 4500 Mitgliedern-über den Durchschnitt. Dagegen waren in der „Nazi-Gewerkschaft“ gerade einmal 400 Mit-glieder. Die NSDAP fasste jedoch immer mehr Fuß in der Stadt. 1931 richteten sie im Haus am St.-Marienkirchhof 6 ihr Partei- und SA Heim, das „braune Haus“ ein. Das alte Gewerk-schaftshaus „Zur Hansa“ mieteten ab Juli 1932 die Nazis für ihr NSDAP-Haus mit verschie-denen Organisationen. Hitlers Ermächtigungsgesetze vom 24. März 1933 taten ihr Übriges und ließen alle vorherigen Wahlen und Abmachungen zur Makulatur werden.
Bürgermeister Dr. Heinz Brechling wollte sich mit seiner Entmachtung nicht abfinden und intervenierte beim Schweriner Innenministerium. Daraufhin versagte ihm sein Stellvertreter Dr. Franz Plog, der auch für die Wismarer Polizei zuständig war, am 9. März 1933 im Namen der Stadt den Dienst. Alfred Pleuger verfügte kurzerhand über Dr. Brechling Schutzhaft in seinem eigenen Haus. Erst nachdem Brechling eine Abstandserklärung unterschrieb, wurde diese aufgehoben. Er fungierte noch einige Zeit als Vorstand im Seegrenzschlachthaus, ehe er in Berlin als Rechtsanwalt weiter tätig wurde. Schon am 8. und am 9. März 1933 erreichten den neuen Machthabern in Wismar zahlreiche Loyalitätsbekundungen von städtischen Beam-ten und Angestellten, die „ihren Stuhl“ retten wollten – „Wendehälse“ sind länger bekannt als angenommen! Neben den Säuberungen in den Amtsstuben, begann man systematisch An-dersdenkende, Parteien, Vereine und Gewerkschaften zu verfolgen und zu verbieten. In Wis-mar erlosch die Demokratie und nennenswerter Widerstand war nicht zu verzeichnen. Schon am 14. März 1933 wurden die Geschäftsräume der Wismarer SPD von der SA durchsucht und am 20. Juni 1933 waren die SPD Stadtverordneten das letzte Mal im Rathaus. Danach wurden ihnen die Mandate entzogen. Sprach man in den zwanziger Jahren noch vom „roten“ Wismar, so hat sich die Farbwahl ab 1933 gründlich geändert. Auch das gehört zur histori-schen Wahrheit. Hatte Pleuger schon am 9. März 1933 vom Rathausbalkon zum Boykott jüdi-scher Geschäfte aufgerufen, so kam es am 30. März 1933 zu großen Aktionen gegen jüdische Geschäfte, die letztendlich in Judenpogrome in der Reichskristallnacht 1938 ihren vorläufigen Höhepunkt auch in Wismar fanden. Die Nazis bemühten sich mit der Aufstellung eines „mo-dernen“ Prangers am 14. August 1935 in der Nähe des ehemaligen mittelalterlichen Prangers auf dem Marktplatz, einen historischen, äußerst makabren, Hintergrund zu geben. Es werden Bilder von Wismarern und Juden aufgehängt, die gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstießen.
Wie in vielen Städten erfolgte auch in Wismar eine schnelle Umbenennung von Straßen, Plät-zen und Schulen mit Namen von Nazigrößen. So wurden die Lindenstraße, die heutige Dr.-Leber-Straße, am 14. April 1933 in Adolf-Hitler-Straße, der Turnerweg in Schlageter-Allee, der Turnplatz in Horst-Wessel-Platz und der Friedrich-Ebert-Damm (heute Ph.-Müller-Straße) in Parkstraße umbenannt. Die Mädchen-Mittelschule, heute „Reuter-Schule“, erhielt am 2. April 1933 den Namen Adolf-Hitler-Schule. Der „Deutsche Gruß“, der ausgestreckte rechte Arm, verbunden mit dem Ruf „Heil Hitler“, wurde für alle „Volksgenossen“, wie alle deut-schen Bürger ab sofort genannt wurden, verbindlich

Was sonst noch geschah
9. März 2007 Erste Ausstrahlung des Wismarer Regionalfernsehprogramms „Wismar TV und MEER AN LAND“.
11. März 1848 Der Rat beschließt die Errichtung einer Bürgergarde, die bis 1853 bestand.
11. März 1925 Die Stadt übernimmt die Bestände des 1863 gegründeten Museumvereines, das seit 1881 in der Alten Schule ihre Ausstellungen hat, woraus sich später das heutige Stadtgeschichtliche Museum entwickelte.
12. März 1902 Grundsteinlegung der Sankt-Laurentius-Kirche.
12. März 1990 Montagsdemonstration mit Forderung nach Auflösung der Stadtverordneten-versammlung.
13. März 1990 Durch Austritt der CDU aus der Stadtverordnetenversammlung löst sich diese auf. Der „Runde Tisch“ übernimmt alle Befugnisse.
14. März 1933 NSDAP-Kreisleiter und Landtagsabgeordneter Alfred Pleuger wird von der mecklenburgischen Staatsregierung als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt.

Detlef Schmidt

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