Kalenderblatt zum 9. November

 Auf dem Wismarer Marktplatz wurde für Juden ein Galgen errichtet

Der 9. November wird vielfach auch als „Schicksalstag“ in der deutschen Geschichte bezeich-net, da sich sehr viele historische Ereignisse, von der Ausrufung der Republik bis zum Mauer-fall, an diesem Tag ereigneten. Aus diesen Erinnerungstagen ragt jedoch der 9. November 1938 besonders hervor. In der Nacht vom 9. November zum 10. November 1938 brannten in Deutschland insgesamt 1.400 jüdische Synagogen und zahlreiche Geschäfte wurden zerstört. Zynisch gaben die Nazis dieser Tat den Namen „Reichskristallnacht“ wegen der vielen Glas-scherben. Unmittelbar mit diesem Ereignis wurden 400 Juden umgebracht und 30.000 Juden kamen in ein Konzentrationslager. Als Vorwand diente den Nazis die Ermordung des in Paris tätigen Diplomaten Eduard vom Rath, der am 9. November 1938 seinen Verletzungen durch das an ihm verübte Attentat erlag. In Mecklenburg wurden 168 Juden verhaftet. Der Pogrom war eine gelenkte Aktion, die die Vernichtung aller Juden zum Ziel hatte.
Juden sind in Wismar schon seit Stadtgründung ansässig. So steht im Wismarer Stadtbuch von 1260, dass „ der Schuster Jordan seinem Nachbarn ein Pferd stahl und es bei den Juden verkaufte“. Am 14.April 1266 stellte Heinrich I. von Mecklenburg die in Wismar ansässigen Juden unter seinem Schutz – gegen Entrichtung eines nicht geringen Schutzgeldes, denn er war ständig in Geldnot. Die „Schutzjuden“ brauchten nicht ständig Abgaben zahlen, sondern mussten „nur“ die Erlaubnis, „Leben und Luft athmen zu dürfen, für theures Geld erkaufen.“ Je mehr die Hansestädte an Macht und Einfluss gewannen, desto häufiger schlugen diese den fürstlichen Willen in den Wind. Die Altböterstraße hieß noch 1342 „Judenstraße“, jedoch nach der Pest von 1350 wurden die Juden aus den meisten Hansestädten, so auch in Wismar, verjagt. Sie hatten nur die Möglichkeit während der Markttage in die Stadt zu kommen, um ihre Waren anzubieten. Festen Wohnsitz durften sie nicht nehmen und den Bürgern war streng verboten, Juden bei sich aufzunehmen. 1754 wird dies nochmals vom königlichen Tri-bunal bestätigt. Erst am 4. Oktober 1867 beschließt der Wismarer Rat einstimmig, dass Juden den ungehinderten Zugang und Zuzug zur Stadt haben. So ist es nicht verwunderlich, dass in Wismar wenige Juden ansässig wurden und es keine jüdische Gemeinde gibt.
Mit Beginn der Nazizeit verschärft sich die Hetze auf Juden und wird somit zur Staatsdoktrin erhoben. Schon am 9. März 1933, einen Tag nachdem man den demokratisch gewählten Bür-germeister Dr. Brechling davon gejagt hatte, hetzt der spätere Nazi-Oberbürgermeister Alfred Pleuger vom Rathausbalkon gegen die Juden. Am Abend des 31. März 1933 hielt Pleuger wiederum eine Rede vom Balkon des Wismarer Rathauses mit dem Thema „Gräuelpropagan-da und Juden in Deutschland“, indem er sagte: „Der Kampf gegen die jüdische Ware soll so lange geführt werden, bis die Juden in Deutschland ihre Rassegenossen im Ausland dazu be-wogen haben, den verbrecherischen Kampf, der mit den verwerflichen Verleumdungsmitteln geführt wird, einzustellen.“ Am anderem Tag, 1. April 1933 schloss sich die Wismars SA in die reichsweiten Boykott-Aktionen ein. Das „Wismarer Tageblatt“ schrieb dazu: „Vor den betreffenden Geschäften, die geschlossen blieben, standen SA-Leute mit Plakaten, die die Käufer über den Zweck des Abwehrkampfes aufklärten.“ Zu den Geschäften gehörten Kauf-haus Karseboom, Hinter dem Rathaus 17, das Schuhwarengeschäft Blass, ABC-Straße 14, sowie die Läden Cohn, Herrenkonfektion in der Bohrstraße 1, das Geschenkegeschäft Lö-wenthal, Hinter dem Rathaus 27 und Lindor, Fachgeschäft für Damenwäsche und Strümpfe, Hinter dem Rathaus 12. Damit war der Boden in Wismar für die nächsten Aktionen gut vor-bereitet. Mit der Aufstellung eines Prangers am 14. August 1935 auf dem Marktplatz geht die Entwürdigung andersdenkender Menschen weiter. Es werden Bilder von Wismarern und Ju-den aufgehängt, die gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstießen. Im Juni 1933 wa-ren noch 23 Bürger jüdischen Glaubens in Wismar anwesend, wogegen 1937 es nur noch zwölf jüdische Bürger in Wismar gab. Ende 1942 lebten nur noch vier jüdischen Frauen in der Stadt, wovon drei Frauen durch eine Mischehe etwas geschützter waren. Im November 1942 wurde Gertrud Bernhard nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet.
In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurden die Schaufenster der jüdischen Geschäfte vom Damenwäschehaus Lindor, Geschenkartikel Löwenthal und Schuhgeschäft Blass zerstört. Das Kaufhaus Karseboom war inzwischen schon „arisiert“. Der „Niederdeutsche Be-obachter“ schrieb am 11. November 1938, dass alle Wismarer Juden in Schutzhaft sind und ei-nem Verhör unterzogen wurden. Dazu gehörte auch der international geachtete Veterinär Dr. Wilhelm Leonhardt, der am Fürstengarten, neben dem Haus von Sella Hasse, wohnte. Er hatte in seinem Fachgebiet Erfindungen veröffentlicht, die auch patentiert wurden. 1941 kam er in das KZ Sachsenhausen, wo er am 13. Juni 1942 verstarb. Dr. Leopold Liebenthal verstarb am 30. November 1938 geschwächt durch Gestapoverhöre. Einzig die Eigentümer des Schuhgeschäftes Blass in der ABC-Straße 14 konnten sich durch Flucht nach England retten.
Am 10. November 1938 kam es zu einem großen Protestmarsch gegen die Juden, an den 15.000 Wismarer teilnahmen. Das war in etwa die Hälfte der Einwohnerzahl und wenn man bedenkt, dass Wismar jahrelang eine Hochburg der Sozialdemokraten gewesen ist, ist das schon sehr be-denklich. Losungen wie „Juda verrecke“ oder „Hinaus mit den Juden“ stand auf den mitgeführ-ten Losungen und wurden lautstark skandiert. Im „Protestzug“ wurden auch zwei symbolische Galgen mitgeführt, an denen schon vorsorglich zwei Strohpuppen als Juden hingen. Diese Galgen blieben dann symbolisch auf dem Marktplatz. Spätestens seit dieser Zeit konnte sich kaum ein Wismarer später herausreden, dass er von den Judenverfolgungen nichts mitbekommen hat. Un-ter der Überschrift „Judengalgen“ auf dem Markt berichtete das Wismarer Tageblatt am 11. No-vember ausführlich über die Geschehnisse: „Unter Beifall der Wismarer verkündete NSDAP-Kreisleiter Dahl, das die Juden ihren Schaden nicht ersetzt bekommen und verkündete stolz unter tobenden Beifall, dass alle Wismarer Juden hinter „Schloß und Riegel“ sitzen…wieder sei man der restlosen Erfüllung des Parteiprogrammes mit der vergangenen Nacht und diesem Tage ein Stück näher gekommen und so werde es in den nächsten Jahren weiter gehen….“ Wie das nun ausging, wissen wir zur Genüge und doch gibt es heute wieder Menschen, die dieser Ideologie nachlaufen!
Seit Jahren gibt es in Wismar die Aktion Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Diese Gedenksteine erinnern mit 17 Stolpersteinen vor den Häusern an ihre ehemaligen Einwoh-ner, die Opfer des braunen Terrors wurden. Für den Gedenkstein für Dr. Leopold Liebenthal hat die Wismarer Freimaurerloge die Patenschaft übernommen.

Was sonst noch geschah
9. November 1832 Kapitän Heinrich Podeus geboren, gestorben am 21. Juli 1905.
9. November 1907 Gründung des Wismarer Bürgervereins.
9. November 1946 Gründung der Ingenieurschule für Bauwesen.
9. November 1936 Wismar darf den Zusatz „Seestadt Wismar“ verwenden.
9. November 1989 Öffnung der Mauer in Berlin, in deren Folge die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland entfällt.
11. November 1865 Regionalhistoriker Gustav Willgeroth geboren. Gestorben 15. März 1937.

Detlef Schmidt

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